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Kreatives Chaos: Beim Frankfurter Hackathon der DZ Bank im im Mai rauchten die Köpfe.

Hessischer Gründerpreis

Deutschland, Gründerland?

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Die Start-up-Szene hierzulande ist so aktiv wie nie ? und das nicht nur in Berlin. Auch in der Rhein-Main-Region bewegt sich einiges.

Die Inszenierung stimmt. Mal wieder. Freigelegte Lüftungsschächte, von der Decke hängende Elektrokabel, ein Publikum, das auf zusammengezimmerten Holzboxen sitzt und ein Redner, der zu Tränen gerührt ist. 

Ram Shoham hält sich an seinem Mikrofon fest, als ihn die Emotionen übermannen. 2016 hat er gemeinsam mit Maria Pennanen den Accelerator Frankfurt gegründet. Er Israeli, sie Finnin. Kennengelernt haben sie sich durch die Arbeit – in Shanghai. Nun helfen sie in Hessen, Deutschland, jungen Unternehmen zum Erfolg zu kommen.

Shoham erzählt dem Publikum aus Investoren, Managern und Gründern an diesem Frühlingsabend von seiner Zeit als Profi-Surfer. Wie er jahrelang trainierte, wie es am Ende auf die eine perfekte Welle ankam, wie sie anrollte und wie sie ihn auf ein neues Karrierelevel trug. Wie man hart dafür arbeiten muss, damit einen das Glück findet, und dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss. Shoham glaubt, dass dieser richtige Ort derzeit die Mainmetropole ist. „Frankfurt ist ein fantastischer Standort“, sagt er. Es gebe in der Region viele Talente, gute Universitäten und eine aktive Investorenszene.

Das sind ungewohnte Worte. Doch die Stadt- und hessischen Landespolitiker wird es freuen – dachte man, wenn es ums Gründen in Deutschland ging, bisher doch eher an Berlin. Doch hat sich in der Rhein-Main-Region in den vergangenen Jahren viel getan. Gründerzentren, Netzwerke, Veranstaltungen und Start-ups – insbesondere, aber nicht nur im Finanzbereich – schossen wie Pilze aus dem Boden. Entstanden ist, wie es in der Szene gerne genannt wird, ein Ökosystem. Initiativen, die sich gegenseitig stützen und befruchten, und so allen Beteiligten das Leben einfacher machen. 

Die Ziele werden dabei nicht gerade niedrig gesteckt. Seit Februar gibt es den Fintech-Masterplan des Landes Hessen, mit dem die Rhein-Main-Region binnen fünf Jahren zum weltweit führenden Zentrum für Finanz-Start-ups werden soll. Bis 2022 sollen 1000 Gründungen in der Region angesiedelt sein, die Hälfte davon Fintechs. Das sind hochfliegende Pläne, die die Gefahr einer Bruchlandung bergen. Doch das Potenzial für einen Erfolg ist da.

„Das Frankfurter Start-up-Ökosystem wächst schnell und hebt sich durch eine starke Gemeinschaft hervor“, sagt JF Gauthier, der Chef von Start-up Genome ist, einem Unternehmen, das Städte auf der ganzen Welt dabei berät, eine lokale Gründerszene zu schaffen, die Strukturen und den Geist des Silicon Valley zwar nicht zu kopieren, aber zu adaptieren. Denn natürlich schielt man ständig an die US-Westküste, wo Unternehmen wie Tesla, Facebook oder Apple, um nur die prominentesten zu nennen, in Serie produziert werden.

Ein richtiger Hype ist hierzulande ums Gründen entstanden. Politik, Verbände und Unternehmen haben das Thema entdeckt. Agile, clevere, junge Gründerinnen und Gründer sollen die Zukunft der deutschen Wirtschaft gestalten. In Zeiten, in denen die Digitalisierung Produkte und Geschäftsmodelle rapide umkrempelt, sollen sie eine Ergänzung zu den als zu behäbig verschrienen Traditionskonzernen sein und ihnen Beine machen. Letztere reagieren auf ihre Weise und versuchen immer stärker, Start-ups an sich zu binden oder sie mit ihren Ideen, Entwicklungen und Macherinnen und Machern gegebenenfalls einfach aufzukaufen.

Heute seien fast alle der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland als Geldgeber der Gründerszene aktiv, sagt Matthias Helfrich. Er hält mit seiner Beteiligungsgesellschaft Anteile an zehn Start-ups und ist Lehrbeauftragter für „Venture Capital“ an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen. „Außerdem hat sich bei den Business Angels sehr viel verändert, da sind viel mehr jüngere Leute dabei als vor 15 oder 20 Jahren“, sagt Helfrich, der selbst auch als Business Angel aktiv ist. Die „Engel“ unterstützen Existenzgründer in einer sehr frühen Phase der Gründung, oft mit Know-how und Kontakten, auch mit Geld, und bekommen Firmenanteile. Die versuchen sie dann später, wenn aus dem frisch gegründeten Unternehmen ein junges geworden ist, das erste Erfolge hat oder von anderen Investoren höher bewertet wird, mit Gewinn wieder loszuschlagen.

Helfrich versucht, ein Netzwerk von VC-Investoren aufzubauen, denn in der Rhein-Main-Region gebe es viele Manager, Ärzte oder Unternehmer, die Geld haben und investieren wollten. „Heute lässt sich auch mit kleineren Summen um 50 000 Euro schon etwas bewegen, wenn sie gepoolt werden, das gab es vor zehn oder 20 Jahren noch nicht.“ 

Allerdings habe sich seit den Zeiten des Neuen Marktes und dem Platzen der Dotcom-Blase etwas Wichtiges für Investoren geändert, und das dürfte ebenfalls mit den wilden alten Geschichten aus der Zeit um die Jahrtausendwende und wohl auch mit der Finanzkrise vor rund zehn Jahren zusammenhängen: „Die Exit-Kanäle sind schwierig“, sagt Helfrich. Er meint damit den Verkauf von Unternehmensanteilen, speziell über die Börse. Das ist für frühe Investoren wichtig, damit sie ihr investiertes Geld zurückbekommen und in neue Firmen investieren können.

Christian Wild blickt auf rund 15 Jahre  Erfahrung als Business Angel zurück: „Die Start-up-Szene hat sich industrialisiert, die Prozesse zur Gründung, Finanzierung und zum Unternehmensaufbau sind heute relativ geordnet und klar“, so Wild. Gründer mit einer Idee hätten einen klar vorgezeichneten Weg, um diese zu finanzieren. Der beginne häufig bei einer Förderbank wie der WI-Bank in Hessen oder der ISB in Rheinland-Pfalz, mit der Wild selbst zusammenarbeitet. Von dort würden die jungen Unternehmen auf „eine Runde bei den Business Angels geschickt“, so Wild, und wenn sie dort Geld bekommen, steige oft auch die Förderbank nochmals ein. Es folgen Frühphase-Investoren wie etwa Rocket Internet oder andere Finanzierer. Für Öffentlichkeit und damit Bekanntheit der neuen Firmen und Produkte sorgen Wettbewerbe, Gründerpreise und ein gesteigertes mediales Interesse an jungen Firmen, besonders schön illustriert durch die populäre TV-Gründershow die „Höhle der Löwen“, die wöchentlich für einen Ansturm der Kundschaft auf die Produkte der Gründer sorgt.

Im Angesicht dieser zahlreichen positiven Entwicklungen wirkt es zunächst irritierend, dass es 2017 in Deutschland so wenige Existenzgründer gab wie noch nie. Man könnte meinen, dass der Gründerhype ohne seine wichtigsten Protagonisten stattfindet und damit eine Kopfgeburt von Politik, Wirtschaft und Medien ist. Ganz so ist es allerdings nicht. 

Zwar gibt es weniger Gründungen, doch das liegt in erster Linie daran, dass die Bundesbürger eben immer noch gerne festangestellt arbeiten und die Arbeitgeber gerade besonders viele Arbeitskräfte suchen. Wer in dieser Situation den Sprung ins Unternehmertum wagt, der tut das nicht, weil er dazu gezwungen ist, sondern weil er es will und weil er eine Geschäftsidee hat, von der er überzeugt ist. Entsprechend stellt die Förderbank KFW, die jährlich den Gründungsmonitor herausgibt, eine „Verbesserung der strukturellen Qualität“ fest. Die Zahl innovativer, digitaler und wachstumsorientierter Gründungen sei gestiegen. „Das spricht für die Erfolgsaussichten des Gründerjahrgangs 2017.“

Doch auch der hat, aller Unterstützung zum Trotz, mit Problemen zu kämpfen. Das gehört zum Gründen einerseits natürlich dazu, andererseits gibt es auch strukturelle Belastungen. Jeweils rund ein Viertel der deutschen Start-ups ist unzufrieden mit den wirtschaftspolitischen Initiativen, den bürokratischen Hürden und gesetzlichen Auflagen sowie dem Angebot qualifizierter Mitarbeiter. Das geht aus einer Umfrage der Steuer- und Unternehmensberatung PWC hervor. Damit sind das die drei Themen, die junge Unternehmen am meisten umtreiben. Mit der digitalen und logistischen Infrastruktur sowie dem Zugang zu finanziellen Mitteln sind sie hingegen am zufriedensten. Ohnehin stellen sie der Bundesrepublik als Gründerland ein insgesamt gutes Zeugnis aus. 86 Prozent der befragten Unternehmen finden den Standort sehr oder eher gut. Exzellent bewertet wird weiterhin Berlin, wo es überhaupt keine Unzufriedenen gibt. Auch Hamburg schneidet gut ab. Frankfurt ist zwar besser als der Bundesdurchschnitt, aber noch weit von den Werten Berlins entfernt.

Besonders die Mitarbeitergewinnung bereitet Gründern am Main Probleme. „Start-ups müssen in Frankfurt vergleichsweise hohe Gehälter bieten, um im Wettbewerb mit großen Unternehmen zu bestehen“, sagt Michael Burkhart, PWC-Partner und Leiter des Standortes Frankfurt. Dabei hätten sie gute Argumente auf ihrer Seite, die sie selbstbewusst nutzen sollten: hohe Innovationskraft, kreativer Freiraum, flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten – und die Chance, an einer Wachstumsstory mitzuschreiben. Die schwierige Mitarbeitersuche, die hohen Immobilien- und Lebenshaltungskosten führen dazu, dass zwölf Prozent der Start-ups erwägen, Frankfurt zu verlassen, obwohl sie sonst mit dem Standort zufrieden sind. Das ist ein hoher Wert im Bundesvergleich. „Hier muss sich auch die öffentliche Hand dafür einsetzen, dass Jungunternehmer nicht abwandern“, sagt Burkhart. 

Paul Herwarth von Bittenfeld, seit etwa zehn Jahren in der Start-up-Szene aktiv und Gründer der Plattform Rhein-Main-Start-ups, sieht die Region aber auf einem guten Weg. Seiner Ansicht nach hat sich die Situation im Rhein-Main-Gebiet in den vergangenen drei Jahren massiv verändert. Insbesondere die kommunalen Wirtschaftsförderungen gingen das Thema nun aktiver und bewusster an. „Viele Berater gehen jetzt mehr auf die Bedürfnisse der Start-ups ein, anstatt wie zuvor die klassische Gründungsförderung zu verfolgen und erstmal 25 Seiten Business-Plan zu verlangen“, sagt Herwarth. „Und man sieht es auch an den Hochschulen, die haben jetzt sehr viele Angebote für Gründer und verbreiten das nötige Wissen über Lehraufträge.“ Und ja, das sei schon ein „Hype-Cycle“ im Moment, wenn auch „noch in einer frühen Phase“, glaubt Herwarth. 

Dass es mit dem Start-up-Ökosystem Rhein-Main weiter aufwärts gehen werde, liege auch daran, dass Mittelständler und Konzerne sich für die jungen Unternehmen öffneten. Die Commerzbank mit ihrem Main-Incubator sei Vorreiter gewesen, Deutsche Bank oder R+V-Versicherung haben nachgezogen, jenseits des Finanzsektors engagiere sich etwa die Deutsche Bahn. Und selbst ein Wohnungsbauunternehmen wie die Nassauische Heimstätte schreibt mit ihrem Hubitation einen Start-up-Wettbewerb für das Wohnen in der Zukunft aus. 

„Es ist heute nicht mehr erforderlich, nach Berlin zu gehen, um ein Start-up zu gründen“, sagt Herwarth. Es gibt also eine sehr starke Dynamik, zu der neben den jungen Firmen selbst die vielen Inkubatoren, Co-Working-Anbieter, Verbände, Hochschulen, Gründerpreise und staatlichen Institutionen gehören. 

Angesichts all dieser Initiativen kommt von Herwarth aber auch ein leises mahnendes Wort: „Ein Start-up in der Region kann heute bei fünf bis zehn lokalen Investoren-Eventreihen pitchen, bei denen sind dann teils 40 bis 50 Investoren vor Ort, viele Inkubatoren und Angebote ausprobieren. Das ist gut, aber wir müssen auch aufpassen, dass die Entwicklung ausgewogen ist, dass uns nicht die Start-ups ausgehen“.

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