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Deutschland braucht Nachhilfe

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Jugendliche wissen viel zu wenig über Finanzen und Wirtschaft. Betroffene fordern bessere Bildung.

Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben – in vier Sprachen.“ Dieser Twitter-Kommentar einer Schülerin aus Köln sorgte vor sieben Jahren für großes Aufsehen und heftige Diskussionen. Doch trotz des großen öffentlichen Interesses blieb die offensichtlich dringend nötige Bildungsreform aus. Ist das Thema inzwischen vom Tisch?

Mitnichten. Aktuelle Studien zum Finanzwissen der Deutschen zeigen: Noch immer wissen Jugendliche viel zu wenig von wirtschaftlichen Zusammenhängen. Fast die Hälfte der 16- bis 24-Jährigen kann nicht erklären, was eine Inflationsrate ist. Nur ein Viertel kann sagen, wie hoch die aktuelle Teuerung in Deutschland ist. Und mehr als 50 Prozent der jungen Menschen hat keine Ahnung, was die Aufgabe der Europäischen Zentralbank ist.

Am Mittwoch trafen sich im Rahmen einer Hybrid-Veranstaltung des Bundesverbands deutscher Banken Betroffene und Verantwortliche, um über die mangelnde Finanz- und Wirtschaftsbildung in Schulen zu sprechen. Darunter auch drei Schüler:innen des Berliner Heinz Berggruen Gymnasiums und Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP).

„Die Themen Finanzen und Wirtschaft erscheinen immer noch als elitär“, sagte Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Aktuell werde eher ein negatives Bild von Wirtschaft und Unternehmertum gezeichnet. Dieses trage dazu bei, dass man sich von diesen Themen distanziere. Dabei ist ein ausreichendes Wirtschaftswissen in unserer heutigen Welt essentiell. Junge Menschen wollen erklärt bekommen, wie sie wirtschaftliche Instrumente zu ihrem eigenen Vorteil nutzen können.

Ein Berliner Schüler machte seiner Enttäuschung Luft: „Der Staat enthält uns etwas vor“, klagte er. Ministerin Stark-Watzinger räumte Versäumnisse ein. Jährlich würden 800 000 junge Erwachsene aus den Schulen in das Berufsleben entlassen, doch eine allgemeine Chancengleichheit fehle.

Nils Goldschmidt, Professor für Kontextuale Ökonomik und Ökonomische Bildung an der Universität Siegen, forderte den Bund auf, mutiger zu sein und eine nationale Strategie zu entwickeln. Das Beispiel Österreich, wo derzeit eine landesweite Finanzinitiative in den Schulen laufe, zeige, dass eine solche Strategie Früchte tragen könne. Schule dürfe keine Angst haben, sich Hilfe bei Unternehmen zu suchen, meinte auch Schramm.

Die Diskussion zeigt: Deutschland braucht Nachhilfe – und zwar dringend. Ministerin Stark-Watzinger gab sich optimistisch und entschlossen: „Wir sind es den jungen Menschen schuldig.“

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