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Deutsche Küsten: Potenziell überflutungsgefährdet

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Die Küstenregionen wappnen sich für den Anstieg des Meeresspiegels. Höhere Deiche helfen aber nur, wenn das Zwei-Grad-Ziel eingehalten wird.

Deutschlands Festland-Küsten an Nord- und Ostsee sind rund 1200 Kilometer lang, hinzu kommen noch die Küsten der Inseln und Halligen. Auch sie sind vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen, der bis 2100 weltweit mehr als einen Meter betragen könnte, wenn der Treibhausgas-Ausstoß nicht heruntergefahren wird. So sagt es der Weltklimarat IPCC voraus, der jetzt seinen Sonderbericht zu den Folgen des Klimawandels auf die Ozeane und Eisregionen vorgelegt hat. Bisher waren die Experten von einem geringeren Anstieg ausgegangen.

Als potenziell überflutungsgefährdet gelten an der Nordsee Gebiete, die maximal fünf Meter über dem Meeresspiegel liegen. An der Ostsee geht man von einer Gefährdung bis drei Meter Höhe aus. Dort leben derzeit rund 3,2 Millionen Menschen. Doch trotz des schnelleren Meeresspiegel-Anstiegs dürften Deutschlands Küsten für die nächsten Jahrzehnte als sicher gelten. Die Bundesländer an Nord- und Ostsee haben in den vergangenen Jahren große Summen in den Deichbau investiert. Zum Teil entstehen dort „Superdeiche“, die eine deutlich breitere Basis haben und über eine geringere Neigung an den Seiten verfügen. Sie nehmen heranrollenden Wellen eher die Kraft. Zudem lassen sie sich bei Bedarf weiter aufstocken.

Bisher verlief der Anstieg des Meeresspiegels noch relativ langsam. In der Nordsee ist der mittlere Wasserstand in letzten 100 Jahren um 15 bis 20 Zentimeter angestiegen, in der Ostsee um zehn bis 15 Zentimeter.

Seit 2008 wappnen sich die Küstenländer mit einem „Klimazuschlag“ gegen weitere Erhöhungen. Das heißt: Immer, wenn Deiche erhöht werden, kommen 50 Zentimeter Sicherheitspuffer oben drauf, vorher betrug der Zuschlag nur 25 Zentimeter. Und bei den Superdeichen sind eben weitere Erhöhungen möglich – auf insgesamt 1,5 Meter. Hamburg, das wegen des Nordseezugangs über die Elbe ebenfalls betroffen ist, will seine Schutzbauwerke in den nächsten Jahren im Schnitt um 80 Zentimeter erhöhen.

Doch beruhigt zurücklehnen, ist trotzdem nicht. Angesichts der verschärften Lage, wie sie der IPCC-Report darstellt, haben sich jetzt das Umweltbundesamt und die Meeresforscher des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven eingeschaltet. Sie fordern Bund und Länder auf, sich nicht nur auf Deiche und Sperranlagen zu konzentrieren, sondern „künftig alle Optionen zur Sicherung der Küstenräume“ zu prüfen, wie UBA-Chefin Maria Krautzberger sagte. Sie plädiert dafür, „naturnahe Lösungen“ stärker einzubeziehen - wie Sandvorspülungen, die Schaffung von küstennahen Überflutungsräumen oder von Salz- und Seegraswiesen, die gegen die Küstenerosion wirken. Dies solle „stärker im Vordergrund stehen als immer höhere und breitere Deiche“.

Hilfreich wäre das sicher, und für die Biodiversität an den Küsten ein Segen. Ob es den Schutz gegen den steigenden Meeresspiegel auch verbilligen kann, steht auf einem anderen Blatt. Hier kommt es eher darauf an, wie hoch das Wasser tatsächlich steigen wird. Schafft es die Weltgemeinschaft, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten, wie das im Paris-Abkommen beschlossen wurde, würde der Anstieg bis 2100 laut IPCC „nur“ rund einen halben Meter betragen. Wird dem Globus weiter eingeheizt wie bisher, kommen danach bis 2300 noch einmal über vier Meter dazu.

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