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Deutsche Exporte brechen ein

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Von: Markus Sievers

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Deutschlands Exporte gehen stark zurück.
Deutschlands Exporte gehen stark zurück. © dpa

Der Aufschwung in Deutschland zeigt im Juli 2016 überraschende Schwächen, viele Krisen im Ausland zeigen hierzulande Wirkung. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Deutschlands erfolgsverwöhnte Exportwirtschaft zeigt ungewohnte Schwächen. Im Juli 2016 führten die Unternehmen ein Zehntel weniger aus als vor zwölf Monaten. Ein Warnzeichen: Sonderfaktoren können nicht den gesamten Einbruch erklären.

Wie steht es um den deutschen Export?
Eigentlich gut. Deutschland wird nach Schätzungen des Ifo-Instituts sogar den größten Leistungsbilanzüberschuss der Welt erwirtschaften und sogar China hinter sich lassen. Doch die Industrie, der Hauptträger der Ausfuhren, zeigt ernstzunehmende Ermüdungsanzeichen. Im Juli setzten deutsche Firmen laut Statistischem Bundesamt Waren im Wert von 96,4 Milliarden Euro im Ausland ab. Der Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von zehn Prozent stellt das größte Minus seit Oktober 2009, der Zeit der globalen Wirtschaftskrise, dar. Von einer „Bruchlandung“ spricht der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). „Die ungewöhnlich vielen Krisenherde hinterlassen ihre Spuren. Dies führt zu einer enormen Verunsicherung, die mit einem Ausbleiben von Investitionen einhergeht“, sagte BGA-Präsident Anton Börner.

Welche Länder kaufen weniger deutsche Produkte?
Der Exportrückgang betrifft alle wichtigen Wirtschaftsregionen. Besonders deutliche Einbußen mussten die hiesigen Unternehmen aber außerhalb der Europäischen Union hinnehmen. Hier sank ihr Absatz binnen Jahresfrist um fast 14 Prozent. Die Ausfuhren in die EU gingen um sieben Prozent zurück.

Wie ist ein solch starker Einbruch möglich?
Es gibt beruhigende Erklärungen, die auf einen Ausnahmefall hindeuten. Im Juli 2015 glänzte die Exportnation Deutschland und legte ihr zweitbestes Ergebnis der vergangenen Jahre hin. Dies ist ungewöhnlich für den Sommer und ließ sich nicht wiederholen. Anders als damals machten diesmal besonders viele Betriebe im Juli Ferien und legten ihre Produktion zumindest teilweise still oder fuhren sie herunter. Doch eine Rolle dürfte auch die nachlassende Nachfrage auf den Weltmärkten spielen. Zudem lässt der Rückenwind durch den schwächeren Euro nach, wie Ralph Solveen von der Commerzbank betonte. Die Ausfuhrzahlen bestätigen somit die Einschätzung, dass die Konjunktur an Kraft verliert.

Macht sich der Brexit schon bemerkbar?
Die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, schürt die Unsicherheit. Bisher zeigt sich die negative Wirkung aber kaum in den harten Fakten. Die Experten rechnen aber damit, dass sich die Belastungen verstärkt in den kommenden Monaten und vor allem im nächsten Jahr bemerkbar machen werden.

Warum sollte man sich über eine Exportschwäche sorgen? Gerade erst wurde Deutschland für seinen hohen Exportüberschuss kritisiert.
Das ist richtig. Der deutsche Überschuss wird laut Ifo-Institut in diesem Jahr laut Ifo-Institut auf 8,9 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Gemeint ist der Leistungsbilanzüberschuss, der den gesamten Austausch mit dem Ausland erfasst, neben den Industriewaren beispielsweise auch Dienstleistungen. Ein solch hoher Überschuss gilt nach den Kriterien der EU-Kommission als stabilitätsgefährdend. Deutschland profitiert von der Nachfrage im Ausland. In anderen Ländern fehlt sie aber. Die OECD mahnte die Bundesrepublik daher zu einer Korrektur, ebenso die Europäische Zentralbank (EZB). „Geringere Überschüsse wären willkommen“, sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag. So gesehen hilft der Exporteinbruch. Dadurch  zeichnet sich bereits ab, dass die Leistungsbilanzüberschüsse nicht ganz so hoch ausfallen könnten.

Was denn nun ? Sind die Exporte jetzt zu schwach oder zu stark?
Natürlich hilft ein Exportrückgang, die deutschen Überschüsse zu senken. Es gibt aber bessere Wege, dies zu erreichen. Die Bundesrepublik muss ihre Binnennachfrage stärken und vor allem die Investitionen erhöhen. Das Problem sind nie die Exporte an sich, sondern das Ungleichgewicht zwischen Ein- und Ausfuhren. Deutschland importiert gemessen an seiner Wirtschaftskraft zu wenig. Das liegt vor allem an den zu niedrigen staatlichen und privaten Investitionen. Ausländische und inländische Unternehmen und Kapitalgeber sehen kaum Anreize, am Standort D mehr zu investieren. Daher ist der Export- und Leistungsbilanzüberschuss auch kein  Zeichen für eine wirtschaftliche Stärke, wie viele meinen. Vielmehr legt er offen, dass die deutsche Wirtschaft nicht attraktiv genug für Investoren ist.

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