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Logo vor der deutschen Thomas-Cook-Zentrale im hessischen Oberursel.

Thomas Cook

Deutsche Cook-Tochter stellt Geschäft ein

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Das Unternehmen hofft auf eine Sanierung – unabhängig von der britischen Mutter und hat einen Überbrückungskredit beantragt. Ein erster Interessent an Condor hat sich bereits zu Wort gemeldet.

Jetzt hat es auch die deutschen Veranstalter des kollabierten Thomas-Cook-Konzerns erwischt. Für drei hiesige Gesellschaften der Gruppe seien Insolvenzanträge gestellt worden, sagte am Mittwochmorgen eine Sprecherin des zuständigen Amtsgerichts. Am Nachmittag bestellten die Richter drei Anwälte der Kanzlei Hermann Wienberg Wilhelm zu vorläufigen Insolvenzverwaltern.

Das Reise-Unternehmen hatte zuvor auf seiner Website mitgeteilt: „Der reguläre Geschäftsbetrieb ist eingestellt, jeglicher Verkauf von Reisen aus dem Portfolio der Thomas-Cook-Veranstalter ist gestoppt.“ Urlaubsreisen mit einem Veranstalter der Gruppe, die für die nächsten Tage geplant waren, können nicht durchgeführt werden. Zur deutschen Sparte gehören die Marken Neckermann Reisen, Öger Tours, Bucher Reisen, Thomas Cook Signature und Air Marin. Ob weitere Gesellschaften betroffen seien, werde in den nächsten Tagen geprüft, so die Oberurseler Firma.

Das Insolvenzverfahren wurde auch für die Thomas Cook GmbH beantragt, die als sogenannte Obergesellschaft laut Firmen-Website für die alle Aktivitäten im deutschsprachigen Raum, in Belgien, den Niederlanden, Tschechien, Ungarn und Polen verantwortlich ist.

Verhandlungen über „geordnete Rückführung“

Nach Angaben der Geschäftsführung werde derzeit mit dem Auswärtigen Amt, dem Reise-Insolvenzversicherer und weiteren Partnern verhandelt, um „eine geordnete Rückführung der Gäste zu ermöglichen“. Etwa 140 000 Kunden sind momentan unterwegs. Um Pauschalreisende in den Urlaubsgebieten kümmert sich nun die Zurich Versicherung. Sie übernimmt Kosten, die bei Hotels oder Fluggesellschaften jetzt anfallen. Die Assekuranz ist auch dafür zuständig, dass Urlauber wieder nach Hause gebracht werden – ohne dass diese noch etwas draufzahlen müssen. Dies gilt aber nicht für Touristen, die nur ein Hotel bei dem Unternehmen gebucht haben. Sie müssen ihre Rückreise selbst organisieren. Die Versicherung übernimmt auch Entschädigungen, die wegen angezahlter oder schon komplett bezahlter, aber nicht durchgeführter Pauschalreisen entstanden sind. Auch hier gehen Kunden, die nur einzelne Komponenten gebucht haben, leer aus. Die maximale Gesamtsumme der Entschädigungen beträgt 110 Millionen Euro. Experten erwarten, dass dies nicht reichen wird. Die Folge wäre, dass Betroffene nur einen Teil ihrer Forderungen erstattet bekommen.

Wie es indes mit den deutschen Cook-Reiseveranstaltern mit ihren rund 2000 Beschäftigten hierzulande weitergeht, war am Mittwochnachmittag völlig offen. Die Geschäftsführung teilte mit: Sie habe sich zum Insolvenzantrag gezwungen gesehen, um sich lösen zu können „von den komplexen finanziellen Verflechtungen und Haftungsverhältnissen“ mit der britischen Muttergesellschaft. Das ist die Thomas Cook Group, die in der Nacht zum Montag ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt hatte. Angestrebt werde nun ein „sanierendes gerichtliches Verfahren“.

Von einem „Schicksalstag“ sprach der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Andreas Lutze. In der Belegschaft herrsche große Enttäuschung und Trauer. Von der Insolvenz betroffen seien schließlich nicht nur die rund 1400 Beschäftigten am Standort Oberursel, sondern noch viele Tausende mehr in Reisebüros und an den Urlaubsorten. Im Insolvenzverfahren sieht Lutze allerdings auch „eine berechtigte Chance“, zumindest einen Teil der Jobs zu retten. Die Hoffnung sei nun jedenfalls ein bisschen größer als vorher, sagte Lutze im Gespräch mit der FR.

Staatliche Unterstützung entscheidend

Eine Unternehmenssprecherin bestätigte, dass auch ein staatlicher Überbrückungskredit beantragt wurde. Sie fügte am Mittwochmittag hinzu: „Eine Entscheidung gibt es aber noch nicht.“ Die staatliche Unterstützung dürfte entscheidend für die Zukunft des Unternehmens sein - es soll sich um 375 Millionen Euro handeln, die vom Bund und vom Land Hessen kommen würden. Das Geld wird benötigt, um die Geschäfte weiterführen zu können. Doch es gibt offenbar Vorbehalte: „Wir müssen Gewissheit haben, dass das zukunftsfähig ist, was dort geschieht“, sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Stefanie Berk, Geschäftsführerin des Reise-Unternehmens, erläuterte, bis zur Insolvenz der Thomas Cook Group seien ihr und ihrem Team die Hände gebunden gewesen. Aber die Verhandlungen der vergangenen zwei Tage mit Investoren und langjährigen Partnern in den Urlaubsgebieten hätten gezeigt, dass die deutsche Veranstaltersparte eine Zukunft habe. Das „überaus positive Feedback“ mache zuversichtlich, dass die Traditionsmarken die Chance bekämen, „bald wieder in der gewohnten Weise am Markt aktiv sein zu können“.

Derweil hat sich mit Hans-Rudolf Wöhrl ein möglicher Interessent für einen Einstieg bei Cooks deutscher Fluggesellschaft Condor zu Wort gemeldet. Die Airline sei ein grundsätzlich gesundes Unternehmen und schon deshalb wohl nicht in einem Ein-Euro-Deal zu haben, so Wöhrl. Daher würde er den Kaufpreis mit anderen Investoren gemeinsam aufbringen. Wöhrl hatte schon in den 1970er Jahren einen Vorläufer von Eurowings, der heutigen Billigflugsparte der Lufthansa, gegründet und sich danach bei verschiedenen anderen Airlines engagiert.

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