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„Nicht leichten Herzens“: John Cryan, der neue Boss bei der Deutschen Bank, zu den Sparbeschlüssen.

Neue Strategie

Deutsche Bank streicht radikal Stellen

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Das erste Mal seit Amtsantritt im Juli zeigt sich Deutsche-Bank-Chef John Cryan in der Öffentlichkeit. Für die Mitarbeiter hat er verheerende Neuigkeiten.

Groß ist er nicht, der Neue. Die Fotografenmeute verschluckt John Cryan, als er am Donnerstag um neun Uhr in Frankfurt auf das Podium tritt. Von hinten im Konferenzsaal in der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt ist der neue Vorstandschef nicht mehr zu sehen. Minutenlang steht er allein im Blitzlichtgewitter, erst dann gesellen sich Co-Chef Jürgen Fitschen, Finanzvorstand Marcus Schenck und Privatkundenvorstand Christian Sewing zu ihm.

Natürlich geht es am Donnerstag um die Strategie der Deutschen Bank. Wie geht es weiter mit Deutschlands größtem Geldhaus? Und vor allem steht die Frage im Raum: Wie viele Mitarbeiter müssen gehen? Doch wollen die Journalisten vor allem auch John Cryan sehen – der Nachrichtensender Phoenix überträgt sogar live, was sonst vor allem Bundestagsdebatten vorbehalten ist.

Das erste Mal seit Amtsantritt im Juli zeigt Cryan sich in der Öffentlichkeit – aber nur widerwillig. Eigentlich wollte er die Presse nur telefonisch über die Neuigkeiten unterrichten. Erst kurzfristig wurde dann eine Pressekonferenz anberaumt. Es geht um zu viel, man will die Öffentlichkeit nicht noch mehr vergrätzen als die Bank es in den vergangenen Jahren schon getan hat.

Die Aufmerksamkeit, die den Chefs der Deutschen Bank gezollt wird, war immer höher als bei anderen Unternehmensvorsitzenden – galten sie doch oft auch als Anführer der deutschen Wirtschaftselite, wie Hermann Josef Abs oder Alfred Herrhausen. Dafür, dass er die Öffentlichkeit eher scheut, schlägt Cryan sich am Donnerstag gut. Anders als sein Vorgänger Anshu Jain hält der Brite seine Rede in sehr gutem Deutsch. Er liest zwar weitgehend vom Blatt ab und wechselt bei der Beantwortung der Fragen der Journalisten ins Englische – aber er beherrscht die Sprache.

Cryan hat zuletzt bewiesen, dass er knallhart agiert: Er hat große Teile des Top-Managements ausgewechselt und die offenbar sehr positiv gestaltete Bilanzierung so umgekrempelt, dass sich für das dritte Quartal 2015 ein Verlust von 6,2 Milliarden Euro gezeigt hat. Am Donnerstag setzt er diesen Kurs fort: 9000 Mitarbeiter will die Bank unter dem Strich bis 2018 abbauen, davon 4000 in Deutschland. Da sie sich aber nicht von Nachwuchskräften und bestimmten Fachkräften abschneiden will, sollen brutto 14 000 Mitarbeiter gehen und 5000 neu eingestellt werden.

Über 200 Filialen schließen

„Mir ist sehr bewusst, dass das 9000 Schicksale sind, hinter denen Menschen und Familien stehen. Wir gehen diesen Schritt nicht leichten Herzens“, sagt Cryan, der zwar gnadenlose Pläne vorstellt, aber nicht herzlos wirkt. „Ich versichere Ihnen, dass wir diesen Stellenabbau in fairer Art und Weise in Absprache mit den Arbeitnehmervertretern vornehmen werden.“ Mehr als 200 Filialen wird die Bank schließen, vor allem in den Großstädten. Alle Banken stehen vor dem Problem, das die Unterhaltung von Filialen sehr teuer ist, sie aber immer weniger besucht werden. Auch in der Zentrale in Frankfurt wird es „Straffungen“ geben.

Zudem werden 6000 externe Mitarbeiter – etwa externe IT-Berater, die in der Bank beschäftigt sind – ihren Job verlieren. Zusätzlich verlassen weitere 20 000 Mitarbeiter in Folge der für kommendes Jahr geplanten Abspaltung der Postbank den Konzern.
Grund des ganzen Umbaus ist, dass die Deutsche Bank ein Kostenproblem ist. Um einen Euro zu verdienen, musste die Bank im Jahr 2014 satte 84 Cent aufwenden. Dieser Betrag soll nun bis 2018 auf 70 Cent und bis 2020 auf 65 Cent fallen. Die Bank will brutto 3,8 Milliarden Euro im Jahr einsparen, die Kosten für den Umbau und die Abfindungen bezifferte das Management auf drei bis 3,5 Milliarden Euro. So will sich die Bank aus zehn ausländischen Märkten zurückziehen, zudem im Investmentbanking zu risikoreiche und zu wenig ertragreiche Kunden vor die Tür setzen und die Produktpalette im Privatkundengeschäft und im Investmentbanking ausdünnen.

"Wir haben lausige IT-Systeme"

Cryan zeichnet ein überraschend desolates Bild von Deutschlands einstiger Vorzeigebank. „Wir haben lausige IT-Systeme und einen schrecklichen internen Organisationsaufbau“, sagt er. Interne Personalstrukturen werden daher vereinfacht, und die großteils ausgelagerte IT zurück ins Haus geholt und rundum erneuert. „Unsere Computersysteme arbeiten nicht zusammen, sind oft inkompatibel. 35 Prozent der gesamten Hardware in unseren Datenzentren befindet sich am Ende ihres Lebenszyklus oder ist bereits darüber hinaus“, moniert Cryan. Die IT ist ein Kernbestandteil einer Bank, die Aussagen daher erschreckend.

Genau wie das Eingeständnis, dass trotz der zahlreichen Rechtsstreitigkeiten, die die Bank seit 2012 bis heute 11,2 Milliarden Euro gekostet haben (im Vergleich zu Verlusten in diesem Zeitraum von 2,1 Milliarden Euro) und der wiederholten Beteuerungen des Managements, dass an einem Kulturwandel gearbeitet werde, weiter Probleme im Kontrollbereich bestehen und dort hohe Investitionen erforderlich sind. Die Qualität der Mitarbeiter der Bank aber sei sehr hoch und gleiche vieles aus, lobt Cryan.

Die Aktionäre zeigten sich wenig erfreut von den Neuigkeiten. Vor allem von der, dass sie 2015 und auch 2016 keine Dividende erhalten sollen. Das Geld soll dazu genutzt werden, die Kapitaldecke der Bank zu stärken. Die Deutsche-Bank-Aktie sackte ab.

Cryan sieht erst 2018 wieder Licht am Ende des Tunnels: „Wir gehen nicht davon aus, dass 2016 und 2017 starke Jahre werden“, warnt er. Um 10.30 Uhr ist die Pressekonferenz beendet. Cryan und seine Vorstandskollegen müssen nach London, den Investoren ihre Pläne vorstellen. „Mit dem Linienflieger“, wie der Kommunikationschef mehrfach betont – niemand soll mehr denken, die Bank schlage über die Stränge.

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