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Gute alte Zeiten: Filiale der Deutschen Bank in Ottobrunn, Bayern, 1972. Damals agierte das Geldhaus noch bodenständig.

Stellenabbau

Deutsche Bank: 18.000 Jobs sind weg - Das Ende des Größenwahns

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    Daniel Baumann
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Die Deutsche Bank streicht 18.000 Stellen und baut radikal um. Jahrelange Versäumnisse werden jetzt angepackt.

Alarm im Frankfurter Bankenviertel: Vor dem Hauptquartier der Deutschen Bank stehen mehr als ein Dutzend Polizeifahrzeuge mit Blaulicht. 170 Beamte durchsuchen die Doppeltürme nach Beweisen für die Verstrickung von Deutschlands größter Privatbank in Geldwäschetransaktionen in großem Stil. Der große Showdown war Ende November vorigen Jahres. Doch die Alarmstimmung bei dem Geldhaus hält bis heute an.

Am Sonntag hat Vorstandschef Christian Sewing die radikalste Rettungs- und Umbauaktion in der Geschichte des Geldhauses eingeleitet. Die Aussichten für das Traditionsunternehmen, das 2020 sein 150-jähriges Bestehen feiern will: Massenentlassungen stehen an, Topmanager müssen gehen, das Geschäftsmodell wird umgekrempelt.

Ausstieg aus dem Aktiengeschäft, massiver Job-Abbau

Die Bank verkündete am Sonntag den „Rückzug aus dem weltweiten Aktiengeschäft“. Geschäfte mit einem Volumen von 74 Milliarden Euro sollen abgewickelt und in eine Art Auffangeinheit ausgegliedert werden. Stärken will das Geldhaus das Geschäft mit Unternehmenskunden, das Finanzierungsgeschäft, das Geschäft mit Fremdwährungen, das Beratungs- und Emissionsgeschäft, das Privatkundengeschäft sowie die Vermögensverwaltung. In diesen Bereichen sieht sich die Deutsche Bank gut im Markt positioniert und will investieren.

Die viel zu hohen Kosten des Geldhauses sollen innerhalb von drei Jahren um 17 Milliarden Euro sinken. Das wird auch Stellenstreichungen in erheblichem Umfang erforderlich machen. 18.000 Arbeitsplätze sollen bis Ende 2022 wegfallen, teilte das Geldhaus mit. Damit würde die Zahl der Mitarbeiter auf 74 000 sinken. Das wird ohne betriebsbedingte Kündigungen nicht gehen. Auch im Vorstand gibt es personelle Änderungen.

Für den Umbau des Geldhauses rechnet das Management mit Kosten von 7,4 Milliarden Euro bis Ende 2022, die das Unternehmen ohne die Aufnahme von zusätzlichem Geld am Kapitalmarkt bewältigen will. Die Aktionäre sollen in den kommenden beiden Jahren jedoch keine Dividende erhalten. Für den Geschäftszeitraum Mai bis Juni 2019 wird die Deutsche Bank nun aber bereits einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro ausweisen.

Der Niedergang der Deutschen Bank: Wie konnte es so weit kommen?

Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, muss die Uhr um 30 Jahre zurückdrehen. Um in der globalen Königsklasse der Finanzindustrie mitzuspielen, hatte sich die Deutsche Bank 1989 die Londoner Investmentbank Morgan Grenfell und zehn Jahre später das US-Geldhaus Bankers Trust einverleibt. Paul Achleitner fädelte letzteren Deal damals als Investmentbanker bei Goldman Sachs ein – heute ist der Manager Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank.

Die Bank wurde mit dem Deal in den USA zeitweise zum globalen Branchenprimus, der in nahezu allen Disziplinen aktiv war. Vom Handel mit Rohstoffen, Aktien und Anleihen über Finanzierungen aller Art bis zu Hedgefondsgeschäften, bei denen es im Grunde um riskante Wetten ging.

Aber: Die Relation aus Größe und Erträgen stimmte nie. Schon vor 15 Jahren kündigte der damalige Chef, Josef Ackermann, deshalb massive Stellenstreichungen an – verbunden mit dem höchst ehrgeizigen Ziel, eine Rendite von 25 Prozent auf das eingesetzte Kapital zu erwirtschaften. Das Frankfurter Unternehmen wäre damit eines der profitabelsten Geldhäuser weltweit geworden. Vielen war damals klar: Die Marke kann nur erreicht werden, wenn das Investmentbanking im großen Stil expandiert – mit allen schwer kalkulierbaren Risiken. Zockerei als Geschäftsmodell, nannten Kritiker das.

Von der Finanzkrise bis heute nicht erholt

Das 25-Prozent-Ziel hat die Deutsche Bank niemals erreicht. Mit dem Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 brach das Investmentbanking an sich weitgehend zusammen. Davon hat sich die Bank bis heute nicht erholt. Ackermann lehnte damals die direkte Hilfe des Staats ab. Das wirkte so, als wolle er sich keine Blöße geben. Aber er wollte sich auch nicht ins Investmentbankgeschäft, aus dem er selbst kam, hineinreden lassen.

Die Krise bedeutete, dass für Banken strengere Regelwerke eingeführt wurden – insbesondere für die Geschäfte in den USA, wo Präsident Barack Obama durchgriff. Die amerikanischen Rivalen erkannten schnell, was die Stunde geschlagen hatte, bauten ihre Investmentsparten zügig um, etablierten neue Kontrollinstrumente und installierten effiziente Werkzeuge zur Steuerung ihrer Geschäfte. Bei der Deutschen Bank wurde vieles versäumt oder nur zögerlich umgesetzt. Was auch Ermittlungen von zahlreichen Staatsanwaltschaften und Börsenaufsichten nach sich zog.

Krumme Geschäfte

Seither ist das Geldhaus praktisch permanent im Blaulichtbereich. Deshalb sind die Ereignisse vom November 2018 symptomatisch. Überall hängt der Konzern mit drin. Angefangen bei krummen Geschäften mit US-Immobilien, die die Finanzkrise auslösten, bis zur Geldwäsche, die offensichtlich systematisch betrieben wurde, unter anderem mittels Tochterfirmen in Steueroasen, die ihren wohlhabenden Kunden dabei halfen, viel Geld vor dem Fiskus zu verstecken. Die Razzia vor acht Monaten stand in einem Zusammenhang: Die Finanzaufsicht Bafin hatte erst einige Wochen vorher einen speziellen Aufseher ernannt, der der Bank bei den Themen Geldwäsche und Terrorfinanzierung genau auf die Finger schaute – ein einmaliger Vorgang.

Die Straf- und Bußgeldzahlungen summieren sich inzwischen auf rund 17 Milliarden Dollar. Die vielfache Verstrickung in kriminelle Machenschaften hat nach Ansicht von Branchenkennern viel mit Gier, mit mangelndem Unrechtsbewusstsein und übersteigertem Selbstbewusstsein unter Investmentbankern zu tun. Gleichwohl blieb die Sparte quasi unangetastet und rutsche immer tiefer in die roten Zahlen.

Mit der Übernahme der Postbank 2010 und ihren Millionen Privatkunden wollte man unabhängiger vom Investmentbanking werden. Doch Beobachter wie der Bankenexperte Wolfgang Gerke werfen dem Management vor, bis zum heutigen Tag eine Integration der Postbank nicht ernsthaft angegangen zu haben.

Nun versucht Bankchef Sewing einen Neustart, wie er am Sonntag auch selbst erklärte. Statt Spekulation sollen die Kundenbedürfnisse wieder in den Fokus rücken. National, wie international. Das hat Finanzminister Olaf Scholz (SPD) zuletzt immer wieder eingefordert: Deutschland brauche Banker, die die exportorientierte Wirtschaft bei ihren Geschäften in aller Welt begleiten. Sewing steht vor einer Mammutaufgabe, die das Bankhaus jahrelang beschäftigen wird.

Die Personalrochade bei der Deutschen Bank

Der Vorstand der Deutschen Bank wird grundlegend umgebaut. Privatkundenchef Frank Strauß, die für Regulierungsthemen zuständige ehemalige Bankenaufseherin Sylvie Matherat und Investmentbankchef Garth Ritchie verlieren ihre Posten im Führungsgremium des größten deutschen Geldhauses. Sie verlassen die Bank zum Monatsende.

Konzernchef Christian Sewing macht die Führung der zuletzt schwächelnden Unternehmens- und Investmentbank zur Chefsache. Rechtsvorstand Karl von Rohr, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender ist, wird die Privatkundenbank und die Vermögensverwaltung übernehmen. Risikovorstand Stuart Lewis ist künftig auch für den Bereich Compliance und die Abteilung gegen Finanzkriminalität zuständig.

Auch drei neue Mitglieder werden in den Vorstand einziehen. Die gebürtige Amerikanerin Christiana Riley, seit Ende 2015 Finanzchefin der Unternehmens- und Investmentbank, übernimmt ab sofort die regionale Verantwortung für das Geschäft in Nord- und Südamerika. Der bisherige SAP-Vorstand Bernd Leukert stößt zum 1. September 2019 als Vorstand für Digitalisierung, Daten und Innovation zur Deutschen Bank, um die IT auf Vordermann zu bringen. Der Anwalt Stefan Simon wird für die Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden und für die Rechtsabteilung verantwortlich sein. (dpa)

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