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Deutsche Bank zu krank

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Von: Stephan Kaufmann

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Blick in einen Handelssaal der Deutschen Bank: Das Geschäft mit Aktien läuft derzeit nicht zufriedenstellend.
Blick in einen Handelssaal der Deutschen Bank: Das Geschäft mit Aktien läuft derzeit nicht zufriedenstellend. © Mario Andreya/Deutsche Bank

Deutsche-Bank-Chef John Cryan steht vor der Ablösung. Dabei hat er nicht viel falsch, sondern vieles richtig gemacht. Doch den Eigentümern fehlt die Geduld.

„Ich fange an, meinen Job zu mögen“, sagte John Cryan vor wenigen Wochen. Viel Zeit bleibt dem Deutsche-Bank-Chef aber vielleicht nicht mehr. Laut Medienberichten will  das Geldhaus ihn ersetzen. Angesichts des schwachen Aktienkurses und laufender Verluste nimmt der Druck auf Cryan seit Monaten zu. Zwar wird der Brite für seinen Sanierungskurs gelobt, niemand gibt ihm allein die Schuld an der Misere der Bank. Dennoch scheint Cryans Zeit abzulaufen.

Laut der britischen Zeitung „The Times“ ist das größte deutsche Kreditinstitut bereits auf der Suche nach einem Nachfolger für Cryan, dessen Vertrag noch bis 2020 läuft. Das Frankfurter Geldhaus habe den Europachef der Wall-Street-Bank Goldman Sachs, Richard Gnodde, angesprochen, schrieb die Zeitung am Dienstag ohne Quellenangabe. Der Südafrikaner habe das Angebot aber wohl abgelehnt. Daneben seien  der Chef der italienischen Großbank Unicredit, Jean Pierre Mustier, und der Chef der britischen Großbank Standard Chartered, Bill Winters, als mögliche Nachfolger für Cryan erwogen worden. Intern gelte der fürs Kapitalmarktgeschäft zuständige Co-Vizechef Marcus Schenck als starker Kandidat. Eine Sprecherin der Deutschen Bank kommentierte den Bericht auf Nachfrage nicht.

Auslandstöchter und Beteiligungen abgestoßen

2015 war Cryan nach Frankfurt am Main geholt worden, um der schwer angeschlagenen Deutschen Bank einen Neuanfang zu ermöglichen. Dabei hat der Brite durchaus Erfolg vorzuweisen: Die Geschäftslage wurde stabilisiert und das Eigenkapital gestärkt. Die IT-Systeme wurden verschlankt und zahlreiche Rechtsstreitigkeiten beigelegt – was die Bank allerdings Milliarden kostete. Der Verkauf der Tochter Postbank scheiterte zwar mangels Interessenten. Doch nun wird die Postbank mit dem Privatkundengeschäft der Deutschen Bank zusammengelegt, um die Kosten zu drücken. 6000 Stellen sollen dabei wegfallen, zusätzlich zu den 9000, die der Konzern zwischen 2015 und 2020 abbauen will. Auslandstöchter und Beteiligungen wurden abgestoßen und die Fondstochter DWS vor einer Woche an die Börse gebracht.

Im vergangenen Juli hatte Cryan versprochen, die Bank werde 2017 in die Gewinnzone zurückkehren. Doch daraus wurde nichts. Im Januar erschreckte Cryan die Anleger mit einer Gewinnwarnung. Im Gesamtjahr fiel unterm Strich ein Verlust von mehr als 700 Millionen Euro an, es war das dritte Verlustjahr in Folge. Dafür konnte Cryan allerdings nichts, das Minus resultierte aus der jüngst beschlossenen US-Steuerreform. Ohne diesen Effekt wäre ein Gewinn erreicht worden.

Geschäfte laufen schlechter als bei der US-Konkurrenz

Doch dann folgten weitere Rückschläge: Vergangene Woche schockte Finanzvorstand James von Moltke Investoren mit der Mitteilung, das erste Quartal – traditionell das stärkste im Bankgeschäft – sei „schwierig“ gewesen. IT-Vorstand Kim Hammonds bezeichnete die Deutsche Bank auf einem Führungskräftetreffen als das „unfähigste Unternehmen“, für das sie je gearbeitet habe. Hinzu kam die öffentliche Debatte über die mehr als 2,3 Milliarden Euro an Boni, die die Deutsche Bank ihren Mitarbeitern für 2017 zahlt – trotz der Verluste.

Nun scheint man in der Bank die Geduld mit dem Chef zu verlieren. Die Geschäfte laufen zwar besser als früher, aber schlechter als bei den US-Konkurrenten. Das Geldhaus hat Marktanteile verloren und  holt sie nur langsam zurück. Insbesondere das Investmentbanking in den Vereinigten Staaten bringt aus Sicht der Investoren zu wenig. Die Kosten sinken weniger als von Cryan angekündigt. Letztlich bleibt das Geldhaus auf der Suche nach einem profitablen Geschäftsmodell. Und es bleibt abhängig vom Investmentbanking, und hier sind die Erträge zuletzt – auf Grund niedriger Zinsen und geringer Kursschwankungen bei Wertpapieren – auch bei den Konkurrenten der Deutschen Bank gesunken.

Cryan verteidigte sich stets damit, dass er von Anfang an betont habe, die Sanierung werde Jahre beanspruchen. „Einen Öltanker zu wenden benötigt eben seine Zeit“, sagte er. Zudem „wären wir heute in besserer Verfassung, wenn wir das, was wir in den vergangenen zwei Jahren erledigt haben, schon vor sechs oder sieben Jahren getan hätten.“ Dennoch sind seine Großaktionäre unruhig geworden. Der Aktienkurs der Deutschen Bank liegt heute nicht mal halb so hoch wie zu dem Zeitpunkt von Cryans Amtsantritt. „Es gibt keinen Silberstreif am Horizont“, beschwerte sich Michael Hünseler vom Vermögensverwalter Assenagon.

Der Deutsche-Bank-Chef betont zwar, er hoffe immer noch auf Wachstum im laufenden Jahr. Doch ist die Beziehung zwischen ihm und Aufsichtsratschef Paul Achleitner inzwischen zerrüttet, schreibt die „Times“ nun. Cryan wolle die Bank radikaler umbauen, namentlich das Kapitalmarktgeschäft - einst Gewinnbringer der Bank und heute Sorgenkind. Darüber habe es einen heftigen Streit in der Führungsetage gegeben. Schon vergangenes Jahr waren Spannungen zwischen Cryan und Achleitner kolportiert worden. Damals ging es um den Umgang mit dem Großaktionär HNA aus China. Brancheninsider gehen allerdings davon aus, dass mit Cryans Abgang auch Achleitner weiter unter Druck gerät – schließlich ist er es, der in den vergangenen Jahren die erfolglosen Deutsche-Bank-Chefs in ihre Positionen gehievt hat.

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