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Frauen im Führerstand: Corinna Theiß (vorne) und Carrie Schäfer.

Deutsche Bahn

Lasst mal die Frauen ran

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Für Corinna Theiß und Carrie Schäfer ist das Führen einer Lok ein Traumjob. Noch sind sie Exotinnen bei der Deutschen Bahn.

Auf der Großbaustelle nebenan herrscht ein Höllenlärm, der Verkehr der vielbefahrenen Mainzer Landstraße rauscht im Hintergrund. Sobald sich allerdings die Tür zur S-Bahn-Werkstatt im Frankfurter Gallusviertel hinter einem schließt, herrscht Totenstille – die im ersten Moment schockiert, denn wer erwartet schon eine solche Ruhe in einer Werkstatt? Neun S-Bahnen befinden sich, teils aufgebockt, zur Reparatur oder Wartung in der riesigen Halle, an einer Längswand stehen Regale mit Ersatzteilen aller Art, über den S-Bahnen blinken rote Lichter, um anzuzeigen, dass die darüber verlaufenden Kabel unter Strom stehen, Männer in Arbeitsmontur werkeln leise an einzelnen Zügen.

In einer der S-Bahnen aber warten zwei Frauen, und zwar da, wo sie sich jeden Tag aufhalten oder es bald tun werden: im Führerstand. Corinna Theiß arbeitet seit 20 Jahren als Lokführerin für die Deutsche Bahn, Carrie Schäfer befindet sich im ersten Ausbildungsjahr zur Lokführerin. Theiß fährt S-Bahnen im Rhein-Main-Gebiet, Schäfer möchte später Regionalzüge in Nordhessen fahren. Während der Ausbildung müssen sich die Azubis entscheiden, ob sie im Regional-, Fern- oder Cargoverkehr arbeiten wollen – spätere Wechsel sind aber möglich.

Zwei Frauen in einem Beruf, in dem immer noch die Männer dominieren, auch wenn die Frauen auf dem Vormarsch sind. „Als ich 1999 bei der Bahn anfing, gab es in den Pausenräumen für die Lokführer nicht einmal eine Damentoilette. Das war dann schon etwas seltsam, wenn ich in die Toilette ging und an den Kollegen am Pissoir vorbeimusste“, erinnert sich Theiß. Das habe sich dann aber schnell geändert.

Die Bahn sucht händeringend Personal

Von Kollegen sei sie immer herzlich behandelt worden. „Es waren eher Passagiere, von denen manchmal Sprüche kamen“, sagt die 51-Jährige und schmunzelt. Etwa bei einer Störung, als jemand sagte: „Oh weh, eine Frau am Steuer, kein Wunder, dass es nicht läuft.“ Oder ein andermal, als ein Passagier sie entsetzt fragte: „Sie dürfen hier ganz alleine fahren? Wo ist denn der zweite Mann?“ Aber diese Zeiten seien vorbei, meint Theiß, heute höre sie solche Bemerkungen eigentlich nicht mehr.

Die Reichsbahn der DDR beschäftigte bereits seit den 1960er Jahren Lokführerinnen, die westdeutsche Bundesbahn erst seit den 1980ern. Insgesamt 18.000 Lokführer hat die Deutsche Bahn heute, davon sind nur gut vier Prozent Frauen. Die Tendenz ist allerdings steigend, vor zwei Jahren waren es erst drei Prozent.

Die Bahn sucht händeringend Personal, vor allem auch Lokführer. Bahnchef Richard Lutz ließ sich Ende vergangenen Jahres vor Journalisten zu der Aussage hinreißen, die Bahn stelle jeden ein, „der nicht bei drei auf den Bäumen ist“ – was von vielen Mitarbeitern als mangelnde Wertschätzung wahrgenommen wurde und nicht so gut ankam.

Im vergangenen Jahr rekrutierte das Unternehmen 1600 neue Lokführer, davon 105 Frauen, was einer Quote von 6,6 Prozent entspricht. In diesem Jahr sollen es 2000 werden. Voraussetzung für die Ausbildung zum Lokführer ist ein Hauptschulabschluss; dazu muss ein Eignungstest bestanden werden, mit dem zum Beispiel die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit der Bewerber untersucht wird.

Was bewegt eine junge Frau heutzutage – in Zeiten, in denen jungen Menschen beruflich alle Türen offenstehen – Lokführerin zu werden? „Ich bin als Kind viel mit der Hessenbahn gefahren. Da stand häufig die Tür zum Führerhaus offen, auch weil man dem Lokführer – auch heute noch – sagen muss, wenn er in einem bestimmten Dorf anhalten soll. Da durfte ich oft vorne mitsitzen, das war super“, erinnert sich Schäfer. Sie gerät ins Schwärmen: „Die Natur in Nordhessen ist so schön, die Strecken sind einfach toll, es gibt so viele Eisenbahnbrücken, die man hinunterschauen kann.“ Den Traum vom Lokomotivführer träumen also nicht nur kleine Jungs, wieso auch?

Theiß allerdings hatte andere Beweggründe für ihre Berufswahl. Sie arbeitete bis dahin als Stenosekretärin in Teilzeit, die beiden Kinder waren aus dem Gröbsten raus, sie wollte wieder mehr arbeiten – und nicht mehr im Büro. „Ich habe die Anzeige der Bahn in der Zeitung gesehen und dachte mir: Vielleicht ist das was.“ Da ihr Vater Zugführer war, hatte sie auch einen familiären Bezug zur Bahn – „aber ein Traum war das ursprünglich nicht bei mir“.

Heute liebt sie ihren Job, weil er viel Abwechslung biete, sie immer wieder andere Strecken fahre und viele Menschen kennen lernen. Auch wenn es durch die zunehmende Digitalisierung etwas langweiliger – dafür aber körperlich weniger anstrengend – geworden sei. „Früher konnte man bei einer Funktionsstörung auch mal selbst eine Sicherung austauschen oder einen Hebel umlegen und so ein Problem beheben. Heute muss der Zug dann gleich in die Werkstatt. Ich konnte auch mal selbst Sand nachkippen, wenn die Sandstreuanlage unter dem Zug leer war. Auch das geht heute nicht mehr.“ Eine Schattenseite des Berufs sei auch der Schichtdienst, der nicht immer leicht mit der Familie zu vereinbaren sei.

Liebe zu schnellen Fahrzeugen

Schäfer und Theiß verbindet die Liebe zu schnellen Fahrzeugen, auch deswegen sind sie wohl bei der Bahn richtig. „Ich bin ein Autofreak“, sagt Schäfer, Theiß fährt zudem gerne Motorrad. Der Slogan, mit dem die Deutsche Bahn derzeit auf Zügen nach neuen Lokführern sucht – „Dein Herz schlägt mit Tausenden PS für Deine Heimat. Willkommen, Du passt zu uns. Als Lokführer“ –, hätte die beiden, wären sie nicht schon bei dem Unternehmen, also vermutlich auch angesprochen.

Schäfer gesteht aber auch, dass sie das Gehalt zum Staatskonzern gelockt habe. 904 bis 1109 Euro verdient ein Auszubildender bei der Bahn, das sei mehr, als viele ihrer Freunde bei anderen Unternehmen bekämen, sagt die 22-Jährige. Ein fertig ausgebildeter Lokführer erhält je nach Berufserfahrung 38 000 bis 50.000 Euro – dabei ist es unerheblich, ob er oder sie im Fern-, Regional-, oder Frachtverkehr fährt.

Auch wenn die Zahl der Lokführerinnen langsam zunimmt, in anderen Unternehmensbereichen ist die Deutsche Bahn in Sachen Frauenanteil schon sehr viel weiter als im Führerstand. 23 Prozent der insgesamt knapp 200.000 Bahn-Beschäftigten sind weiblich, im Servicebereich der Züge sind sogar 47 Prozent Frauen beschäftigt. Da gibt es in der Lok noch viel nachzuholen.

Hilft es für die Rekrutierung des Nachwuchses nicht, dass dringend Lokführer gesucht werden und so die Wertschätzung für den Beruf wieder steigt? „Das empfinde ich nicht so“, sagt Theiß. „Ich habe eher das Gefühl, dass der Beruf des Lokführers früher mehr wertgeschätzt wurde. Da hatten die Leute schon alleine wegen der Uniform einen gewissen Respekt vor mir, das ist heute anders.“

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