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Zu wenig Platz: Dicht gedrängt steigen Reisende am Hamburger Hauptbahnhof in einen überfüllten Zug.

Deutsche Bahn

„Die Beschäftigten haben die Nase gestrichen voll“

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Der neue Chef der Eisenbahngewerkschaft, Torsten Westphal spricht über den Machtkampf bei der Deutschen Bahn, die Zukunftspläne des Vorstands und warum die Mehrwertsteuersenkung zum Problem werden könnte.

Wochenlang hatte ein Machtkampf zwischen Bahn-Chef Richard Lutz und Finanzvorstand Alexander Doll den Vorstand des Staatskonzerns lahmgelegt. Seit vergangener Woche ist klar: Doll muss gehen. Der neue Chef der Eisenbahner-Gewerkschaft EVG, Torsten Westphal, fordert nun von der Bahn-Führung eine überzeugende Zukunftsstrategie, die von Lutz vorgelegten Pläne reichten nicht aus. Und er warnt: Die geplante Mehrwertsteuersenkung, die er eigentlich für richtig hält, könnte zu noch mehr Gedrängel in den Zügen führen.

Herr Westphal, nach einem erbitterten Machtkampf verlässt Finanzvorstand Alexander Doll nun zum Jahresende den Bahn-Konzern. Was muss die Lehre aus den Vorgängen sein?
Die Bahn muss jetzt raus aus den Schlagzeilen. Wir brauchen eine Versachlichung der Diskussion. Die Sachthemen müssen wieder im Vordergrund stehen und nicht die Personaldebatten. Es tut dem Unternehmen insgesamt nicht gut, so unter Feuer zu stehen.

Torsten Westphal

Wie ist denn die Stimmung in der Belegschaft?
Die Beschäftigten haben die Nase gestrichen voll. Es gibt ohnehin schon viele Unwägbarkeiten: Zu wenig Personal, Zugausfälle, Verspätungen. Das allein ist schon schwierig genug. Und wenn dann noch solche Querelen im Vorstand hinzukommen, sagen die Kolleginnen und Kollegen zu Recht: Wir haben die Faxen dicke, das ist nicht mehr meine Bahn.

Die ganzen Querelen hatten sich entzündet am inzwischen gestoppten Verkauf der Bahn-Auslandstochter Arriva. Wie sollte es bei diesem Thema jetzt weitergehen?
Wir fordern, die gesamte Vorgeschichte des Arriva-Verkaufs gründlich aufzuarbeiten. Wenn ein ganz normaler Eisenbahner auf dem Zug Mist baut, muss er dafür geradestehen. Für den Vorstand darf es da keine anderen Kriterien geben.

Nach diesen Turbulenzen: Wie viel Vertrauen haben Sie noch in Bahnchef Richard Lutz und die anderen Vorstände?
Darüber zu diskutieren, wer jetzt weg muss und wer bleiben soll, bringt überhaupt nichts. Wir brauchen Klarheit und Entscheidungen in Sachfragen.

Zur Person
Torsten Westphal ist seit dem 12. November 2019 Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). 1966 in Rostock geboren wuchs er in Herrnburg, einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern auf.

Von 1982 bis 1984 lernte er Fahrzeugschlosser und Wagenmeister bei der Deutschen Reichsbahn. 1992 wurde er Gewerkschaftssekretär bei der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (Transnet), die später durch die Fusion mit der Verkehrsgesellschaft GDBA zur EVG wurde. 2016 übernahm er den Posten des Bundesgeschäftsführers. (FR)

Das müssen Sie erklären!
Wir müssen erst einmal wissen, welche Rolle die Bahn in der Verkehrspolitik der Zukunft spielen soll. Es sind in den zurückliegenden Monaten in der Politik viele wichtige Entscheidungen zugunsten der Bahn gefallen. Die Bahn kann viel zum Klimaschutz beitragen. Wir brauchen deshalb einen großen visionären Plan für den Schienenverkehr in Deutschland. Wir erwarten, dass sich der Bundesverkehrsminister mit dem Präsidium des Aufsichtsrats zusammensetzt, um klare Erwartungen und Ziele für die nächsten Jahrzehnte zu formulieren.

Die im Sommer vom Bahn-Vorstand vorlegte Strategie reicht Ihnen nicht?
Die Strategie des Bahnvorstandes geht in die richtige Richtung, sie geht mir aber nicht weit genug. Wenn wir heute feststellen, dass wir mittelfristig rund 200 Züge benötigen, dann müssen die Entscheidungen dazu jetzt getroffen werden und nicht irgendwann. Das Gleiche gilt für den Ausbau des Netzes und die Digitalisierung. Erst wenn die Politik ihren großen Plan für den Schienenverkehr der Zukunft fertig und die Erwartungen an die DB AG formuliert hat, muss geklärt werden, mit welchen Menschen an der Spitze er am besten umgesetzt werden kann.

Die Züge im Fernverkehr sind bereits heute oft hoffnungslos überfüllt. Und mit der geplanten Mehrwertsteuersenkung wird der Kundenansturm wahrscheinlich bald noch größer werden. War das eine kluge Entscheidung?
Es war eine kluge Entscheidung. Wir fordern die Mehrwertsteuersenkung schon seit langem. Das ist eine Maßnahme, die Lenkungswirkung entfalten kann – weg von Auto und Flugzeug.

Die Züge dürften dadurch aber noch voller werden. Das könnte auf viele Reisende abschreckend wirken.
Das Problem der vollen Züge sehe ich auch. Die Bahn rechnet damit, dass durch die Absenkung der Mehrwertsteuer bis zu fünf Millionen Fahrgäste pro Jahr hinzukommen werden. Ich hinterfrage, ob die richtigen Vorkehrungen getroffen worden sind, um das zu bewältigen. Noch mehr Leute in den Zügen, noch mehr Stress für unsere Kollegen, die den ganzen Frust abbekommen, wenn die Kapazitäten nicht vorhanden sind – das kann nicht Sinn der Sache sein. Insofern muss jetzt dringend auch die Infrastruktur ertüchtigt werden, damit überhaupt mehr Züge fahren können.

Werden Ihre Kollegen künftig noch häufiger sagen müssen, Zug X oder Zug Y ist überfüllt und kann nicht losfahren, wenn nicht vorher Reisende aussteigen?
Wenn nicht deutlich mehr ICEs und Intercitys angeschafft werden, die Infrastrukturkapazität nicht erhöht und ausreichend Personal eingestellt wird, werden Züge wegen Überfüllung nicht starten können. Das bereitet mir Sorge. Es besteht die große Gefahr, dass die Stimmung irgendwann umkippt. Die Menschen sind ja bereit, auf die Bahn umzusteigen. Das spüren wir jeden Tag. Um das in den Griff zu bekommen, braucht man eine Langfriststrategie.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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