Der Bau von Photovoltaik-Großprojekten boomt weltweit: In Nordindien wurde in diesem Jahr auf 14 000 Hektar der Solarpark Bhadla errichtet.
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Der Bau von Photovoltaik-Großprojekten boomt weltweit: In Nordindien wurde in diesem Jahr auf 14 000 Hektar der Solarpark Bhadla errichtet.

Sonnenenergie

Desertec in Down Under

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Solarstrom wird immer billiger – und die Kraftwerke immer riesiger. Nun wagen sich australische Milliardäre sogar an den Stromtransport nach Singapur.

Das mit großen Zukunftshoffnungen gestartete Wüstenstrom-Projekt Desertec scheiterte 2014 kläglich. Die Idee war, Europa mit Fernleitungen zum Teil mit Elektrizität aus Nordafrika und dem Nahen Osten zu versorgen. Doch das Projekt, vorangetrieben von Konzernen wie Siemens, ABB, Eon und der Deutschen Bank, war zu ambitioniert. Es wurde aufgegeben. Jetzt wird an einer Neuauflage des Konzepts gearbeitet – allerdings ausgerechnet im Kohleland Australien. Ein Teil des dort gewonnenen Stroms soll in einigen Jahren über eine Entfernung von 4500 Kilometern nach Singapur fließen. Der Hintergrund: Die Solarstrom-Produktion ist konkurrenzlos billig worden.

Der Bau von Solar-Großprojekten boomt weltweit. Anlagen mit einer Leistung von 2000 Megawatt (MW) – so viel produzieren zwei Atomkraftwerke – sind der neue Standard. Bislang verfügten die größten Anlagen nur über einige Hundert MW. Gebaut wurden und werden die neuen Mega-Projekte laut dem Infodienst IWR in Indien, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

In Indien ist im Frühjahr der Solarpark Bhadla im Norden des Landes an der Grenze zu Pakistan fertig geworden, mit dem letzten Teilprojekt wurden insgesamt 2200 MW erreicht. Der gesamte Komplex erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 14 000 Hektar, das entspricht fast 20 000 Fußballfeldern. In China steht ein ähnlich großer Solarpark in der Provinz Qinghai im tibetischen Hochland, Inbetriebnahme war im September. Die Besonderheit hier: Er ist mit einem Speicher gekoppelt, der die Stromabgabe auch zeitversetzt ermöglicht. Angeschlossen ist der Qinghai-Komplex an eine Ultrahochspannungsleitung, die die Elektrizität vom Westen in den dicht besiedelten Osten des Landes transportiert. Die Bauzeit lag angeblich bei rekordverdächtigen vier Monaten.

Wie billig der Solarstrom im Sonnengürtel der Erde produziert werden kann, zeigt das dritte aktuelle Mega-Projekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das etwa 35 Kilometer von der Stadt Abu Dhabi entfernt errichtet wird und ab 2022 produzieren soll. Der Stromabnahmevertrag für die 2000-MW-Anlage mit dem Versorger „Emirates Water and Electricity Company“ sieht umgerechnet 1,15 Eurocent pro Kilowattstunde vor. Elektrizität aus neu gebauten Kohlekraftwerken ist deutlich teurer, die Internationale Energieagentur (IEA) nennt für Anlagen zum Beispiel in Indien 4,7 Eurocent, in China 6,4, in den Vereinigten Staaten 9,9.

Solarenergie

Unterdessen laufen in Australien Planungen für ein Photovoltaik-Kraftwerk, das selbst diese Mega-Anlagen in den Schatten stellt. Mit zehn Gigawatt (10 000 MW) noch fünfmal größer soll die Anlage im Norden des fünften Kontinents werden, die derzeit vom Energieunternehmen Sun Cable aus Singapur entwickelt wird. Entstehen soll sie auf einem ehemaligen Farmgelände im „Northern Territory“, zwischen Alice Springs und der Hauptstadt des Nordens, Darwin. Der Standort ist bekannt für seine extrem hohe Sonneneinstrahlung. Geplant ist eine Speichereinrichtung mit einer Kapazität von 30 Gigawattstunden, die eine Stromlieferung rund um die Uhr ermöglichen soll, also auch nachts und bei bedecktem Himmel. Sun Cable will vorgefertigte Solaranlagen einsetzen, die in einer eigenen Fabrik in Australien produziert werden sollen.

Der Strom aus dem Kraftwerk soll die Region versorgen, ein großer Teil allerdings auch ins südostasiatische Singapur exportiert werden. Der Ökostrom soll zuerst über eine 750 Kilometer lange Hochspannungsleitung in die Küstenstadt Darwin mit ihren 130 000 Einwohnern übertragen werden. Von dort soll der Weitertransport nach Singapur über Unterseekabel laufen. Geplant ist, rund 20 Prozent des Strombedarfs des Stadtstaates damit zu decken. Den geplanten Exportwert der Elektrizität beziffert Sun Cable auf zwei Milliarden australische Dollar (1,2 Milliarden Euro) jährlich.

Die Kosten des Gesamtprojekts werden auf 22 Milliarden australische Dollar taxiert, umgerechnet rund 13,3 Milliarden Euro. Im Jahr 2023 soll mit dem Bau begonnen werden, 2026 der erste Strom fließen und 2027 der Export nach Singapur beginnen. Angeschoben haben den Plan unter anderem der australische „grüne“ Internet Milliardär und Co-Chef der Software-Firma Atlassian, Mike Cannon-Brookes, und der Bergbau-Unternehmer Andrew Forrest.

Bemerkenswert ist, dass die kohlefreundliche australische Regierung unter Ministerpräsident Scott Morrison dem Projekt im Sommer den Status eines „Großprojekts“ verlieh und damit Unterstützung zusicherte. Industrieministerin Karen Andrews sprach sogar davon, ihr Land werde damit zum „Führer auf dem Weltmarkt“, und Energieminister Angus Taylor erkannte darin eine „strategische Bedeutung“. Eine Kehrtwende in der Energiepolitik bedeutet das allerdings nicht. Gleichzeitig hat die Regierung nämlich die Laufzeit von Kohlekraftwerken verlängert und erklärt, Erdgas solle als „Übergangsenergie“ eingesetzt werden. Der Pro-Kohle-Kurs der Regierung gerät allerdings zunehmend unter Druck: Jüngst kündigte die ANZ-Bank als dritte Großbank an, keine neuen Kredite für Kohleprojekte zu vergeben und bestehende Kredite an Kohleunternehmen bis 2030 auslaufen zu lassen. Vielleicht investieren sie das Geld lieber in Desertec 2.0.

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