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Der Wachstumsmotor lahmt

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Von: Stephan Kaufmann

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Containerladungen am Mannheimer Hafen. Der Mannheimer Hafen ist der viertgrößte Binnenhafen Deutschlands und mit seinem Containerterminal einer der bedeutendsten Europas.
Die deutschen Exporte sind im Juni auf Rekordniveau geklettert. © Arnulf HettrichImago

Deutschlands Ausfuhren erreichen eine Rekordhöhe – aber die Überschüsse schmelzen. Das ist nicht nur schlecht.

Die deutsche Exporte sind im Juni auf Rekordniveau geklettert, meldete am Mittwoch das Statistische Bundesamt. Es war der dritte Anstieg in Folge. Hinter der Erfolgsmeldung verbergen sich jedoch tiefgreifende Verschiebungen. Denn die hohe Inflationsrate führt zu drastisch höheren Importen. Deutschlands Nettoerträge im Außenhandel schmelzen ab. Das belastet das Wachstum – und führt allerdings auch dazu, dass der im Ausland viel kritisierte deutsche Leistungsbilanzüberschuss sinkt.

Laut vorläufigen Zahlen exportierten deutsche Firmen im Juni Güter für 134 Milliarden Euro, das waren satte 4,5 Prozent mehr als im Mai. „Die Gesamtbilanz sieht damit für das zweiten Quartal auf den ersten Blick recht erfreulich aus, denn auch in den Vormonaten konnte ein sattes Wachstum verbucht werden“, kommentierte die VP Bank. Allerdings müssten die Daten mit Vorsicht genossen werden. Denn bei den Exportzahlen handele es sich um eine nominale Größe. Das Volumen wird schlicht aufgebläht dadurch, dass die Exporteure höhere Preise verlangen. „Preiserhöhungen können das nominale Exportvolumen erhöhen, ohne dass real tatsächlich mehr exportiert wurde“, erklärt die VP Bank. Insgesamt bremsten Materialknappheiten und Lieferengpässe weiter die deutsche Ausfuhr.

Gleichzeitig verteuern sich die Importe drastisch, was ihr Volumen ebenfalls erhöht. Im Juni lagen die Preise für Einfuhren knapp 30 Prozent höher als ein Jahr zuvor, im April und Mai hatten sich die Importe um über 30 Prozent verteuert, insbesondere wegen der gestiegenen Energierechnung. Das Ergebnis: Im gesamten ersten Halbjahr 2022 sind die deutschen Exporte zwar um 13 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode gestiegen, die Importe aber erhöhten sich um 26 Prozent.

Ein extremer Fall ist Russland, wo die deutschen Lieferungen sanktionsbedingt um 32 Prozent sanken, die Einfuhren aber um die Hälfte zulegten.

Damit schrumpft auch der deutsche Außenhandelsüberschuss (Exporte minus Importe). Im ersten Halbjahr belief er sich auf nur noch 32 Milliarden Euro. Da der Exportüberschuss in das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eingeht, drückt sein Rückgang die Wirtschaftswachstumsrate. „Der klassische Wachstumsmotor Deutschlands, der Außenbeitrag, lahmt“, stellt die DZ Bank fest.

Importpreise steigen rasant

Das hat aber auch einen positiven Effekt. Denn mit dem Plus in der Güterhandelsbilanz sinkt auch der Überschuss der deutschen Leistungsbilanz. Er entspricht dem Zuwachs an Forderungen gegenüber dem Ausland. 2015 hatte der Leistungsbilanzüberschuss einen Rekordstand von 8,6 Prozent des BIP erreicht, 2021 betrug er immer noch 7,4 Prozent. Werte über sechs Prozent gelten in EU-Definition als „makroökonomisches Ungleichgewicht“. Denn wenn Deutschland hohe Forderungen gegenüber dem Ausland aufbaut, bedeutet dies gleichzeitig, dass das Ausland immer höhere Schulden bei Deutschland hat. Auch der Internationale Währungsfonds hat die Überschüsse daher häufig kritisiert.

Nun sieht es so aus, als würden diese Überschüsse zurückgehen. Das liegt zum einen an den schrumpfenden Erträgen aus dem Güterhandel. Sie beliefen sich 2020 und 2021 jeweils auf 190 Milliarden Euro, errechnet die Deutsche Bank. Da die Exportpreise inzwischen schwächer steigen als die Importpreise, erwartet das Institut hier nur noch einen Überschuss von 80 Milliarden Euro im laufenden und im nächsten Jahr. Danach dürften sie wieder etwas zulegen.

Teilweise kompensiert wird dieser Rückgang der Exportüberschüsse durch stetig steigende Einkommen aus dem Ausland, vor allem durch Kapitalerträge ausländischer Direktinvestitionen deutscher Adressen. Auch sie gehen in die Leistungsbilanz ein. Die Deutsche Bank erwartet für 2022 einen Leistungsbilanzüberschuss von nur noch 140 Milliarden Euro. „Gegenüber dem Jahr 2021 mit 265 Milliarden Euro ist dies nahezu eine Halbierung und die mit Abstand größte Differenz über die gesamte Zeitreihe“, so die Bank. Für 2023 rechnet sie mit einem Leistungsbilanzüberschuss von 160 Milliarden, in den Folgejahren dürfte es wieder Richtung 200 Milliarden Euro gehen.

Damit sinken die Leistungsbilanzquoten gemessen am BIP von über sieben Prozent in 2021 auf unter vier Prozent in 2022 und unter fünf Prozent in den Folgejahren, bleiben also innerhalb der EU-Vorgaben. Deutschland baut also weiter Forderungen gegenüber dem Ausland auf, nur langsamer. „Die Kritik an Deutschlands Leistungsbilanzüberschüssen dürfte damit zunehmend verstummen“, erwartet die Deutsche Bank.

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