Friedrich Hennemann 1996 bei einer Protestkundgebung von Vulkan-Arbeitern.
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Friedrich Hennemann 1996 bei einer Protestkundgebung von Vulkan-Arbeitern.

Nachruf

Der Meister der Beihilfen-Klaviatur

  • vonEckhard Stengel
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Friedrich Hennemann führte die Bremer Vulkan-Werft mit in den Ruin. Nun ist er gestorben.

Er hatte Visionen von einem „maritimen Zeitalter“ und baute den größten deutschen Werftenkonzern samt internationalen Tochterfirmen auf – aber letztlich verbrannte er Millionen an Staatsbeihilfen und hinterließ einen Trümmerhaufen, ohne zumindest seine Mitschuld zu bekennen: Friedrich Hennemann, der langjährige Vorstandschef des Bremer Vulkan-Verbunds, ist jetzt im Alter von 84 Jahren gestorben.

Wegen seiner körperlichen Größe und seines nicht zu erschütternden Selbstbewusstseins wurde der hagere Hanseat auch „Friedrich der Große“ genannt. Geboren im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen, arbeitete er zunächst als Reedereikaufmann. Aber er wollte höher hinaus. Nach dem Abitur am Abendgymnasium studierte er Pharmazie, später Wirtschaft und brachte es dabei bis zum Doktortitel. Bevor er die Vulkan-Spitze erklomm, wirkte der Sozialdemokrat ab 1974 rund 13 Jahre lang in der Bremer Landesregierung mit: als Staatssekretär für Gesundheit und später für Wirtschaft.

1987 steckte die traditionsreiche Bremer Vulkan-Werft schon einmal in der Krise. Auf Betreiben der SPD-Alleinregierung wechselte Hennemann in die Firmenleitung. Dort setzte er auf Wachstum, Wachstum, Wachstum: Innerhalb weniger Jahre verwandelte er das Werftunternehmen in einen internationalen Technologiekonzern mit rund 90 Firmen, darunter renommierte Maschinenbau- und Elektronikwerke. Das Personal wuchs von 8000 auf bis zu 28 000 Menschen, der Umsatz vervierfachte sich innerhalb von sieben Jahren auf rund drei Milliarden Euro.

Möglich wurde die Expansion auch durch Subventionen der damaligen staatlichen Treuhandanstalt, gezahlt für die Übernahme und Modernisierung ehemaliger DDR-Betriebe. Kaum jemand spielte so virtuos wie Hennemann auf der Beihilfen-Klaviatur.

„Kann das alles gutgehen?“, fragten sich Beobachter bald. Es ging nicht gut. 1995 geriet der Konzern in Liquiditätsnöte, und die kreditgebenden Banken drängten den selbstherrlichen Chef aus dem Amt. Nur ein halbes Jahr später, ausgerechnet am 1. Mai 1996, musste der Konzern Konkurs anmelden. 9000 von zuletzt 23 000 Beschäftigten in Bremen und bei einigen Tochterfirmen verloren ihre Stelle.

Als Sozialdemokrat hatte Hennemann immer Wert auf den Erhalt von Arbeitsplätzen gelegt und wurde deshalb auch vom Betriebsrat geschätzt. Einige Aufträge waren von vornherein mit Verlust kalkuliert – Hauptsache, sie brachten Arbeit. Aber nach dem Zusammenbruch des Konzerns galt Hennemann nur noch als Buhmann, als „Niete in Nadelstreifen“, obwohl er sicher nicht der Alleinschuldige war.

Das „süße Gift der Subventionen“ habe die dringend nötigen Anstrengungen zur Produktivitätssteigerung vermindert, rügte ein Bremer Untersuchungsausschuss 1998. Und er monierte das „dichte Geflecht“ zwischen SPD-Mitgliedern in Konzernvorstand, Betriebsrat und Senat, im Klartext: den Filz.

Für Hennemanns Finanzgebaren interessierte sich bald auch die Staatsanwaltschaft. Denn der Vulkan-Vorstand hatte 437 Millionen Euro an Subventionen, die für die Werften in Wismar und Stralsund gedacht waren, für angeschlagene westdeutsche Tochterfirmen verwendet. Nach der Insolvenz konnte der Konkursverwalter nur noch feststellen: „Das Geld ist weg.“ Sieben Wochen lang saß Hennemann in U-Haft. Doch nach langem Hin und Her stellte das Landgericht Bremen das Untreue-Strafverfahren 2010 ein – zu unklar war die Beweislage. Er sei „staatlich geprüft unschuldig“ – so interpretierte er die Verfahrenseinstellung. Und Schuld an der Vulkan-Pleite sah er nur bei anderen.

Eigentlich sollten Hennemann und vier Vorstandskollegen zumindest einen Teil der versickerten Gelder zurückzahlen. Nach jahrelangem Zivilprozess ließen sich die vier auf einen Vergleich ein; Hennemann dagegen beharrte so lange auf seiner Unschuld, bis die Treuhand-Nachfolgerin BvS ganz auf eine Rückzahlung verzichtete.

Dass Hennemann Subventionen auch in die eigene Tasche gesteckt hätte, das zumindest wurde ihm nie vorgeworfen. Aber als Privatmann wurde er 2005 wegen Steuerhinterziehung zu 18 000 Euro Geldstrafe verurteilt.

Als er 80 wurde, fühlte er sich noch einmal zu Höherem berufen: Er wollte SPD-Landesvorsitzender werden, fand 2016 aber nicht genug Unterstützungsunterschriften für eine Kandidatur. Auch als möglicher Bundestagsbewerber brachte er sich ins Gespräch, und 2018 kandidierte er tatsächlich für den Landesvorsitz. Der weißhaarige Pensionär bekam ganze neun von 151 Stimmen. Aus Friedrich dem Großen war endgültig ein bemitleidenswerter Friedrich Größenwahn geworden.

In dieser Woche ist er nun gestorben – vermutlich so verbittert, wie er nach seinem Vulkan-Abstieg schon immer gewirkt hatte.

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