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„Der Hitzestress wächst“

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Von: Joachim Wille

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Dirk Messner
Dirk Messner ist Präsident des Umweltbundesamtes © dpa

Der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, über die Folgen des Klimawandels in Deutschland und die Erfordernisse, sich anzupassen.

Hamburg mit einem Klima wie an der Adria, in Frankfurt mit Kroatien vergleichbare Bedingungen, in der Lausitz das gesamte Jahr hohe Temperaturen wie in Nordspanien. So könnte es Ende des Jahrhunderts aussehen, wenn der Klimaschutz weltweit nicht Fahrt aufnimmt. Klingt erst mal nicht so schlimm, Herr Messner, oder?

Doch, das wäre schon schlimm, weil wir Menschen, die Ökosysteme und unsere Infrastrukturen wie Wasserversorgung, Gesundheitssystem oder auch unsere Städte an das hier herrschende Klima angepasst sind. Wenn es zu einem starken Klimawandel kommt, müssten wir all das in den nächsten Jahrzehnten umbauen, um uns auf radikal andere Wetterbedingungen vorzubereiten. Das ginge grundsätzlich zwar – aber unsere Ökosysteme können sich so schnell nicht anpassen.

Wie oft werden Hitze- und Trockenheitssommer oder Flutereignisse wie an Ahr und Erft im vorigen Jahr dann auftreten?

So genau kann das niemand vorhersagen. Heute gibt es in Deutschland im Schnitt etwa neun heiße Tage im Jahr. Bis Mitte des Jahrhunderts könnten es bei einem starken Klimawandel in einem durchschnittlichen Sommer bis zu 15 werden. Bei Dürre und Starkregen ist die Unsicherheit der Modellergebnisse höher. Wir wissen aber ganz sicher: Die Wahrscheinlichkeit solcher Extreme steigt durch den Klimawandel.

Der Weltklimarat warnt, dass vor allem Ballungsgebiete von den Folgen des Klimawandels betroffen sind und sein werden. Wie wird man da künftig leben?

Je stärker der Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten wird, desto größer wird der Hitzestress für Menschen. Der Wärmeinseleffekt in Städten hat zusätzlich direkte Folgen für die menschliche Gesundheit. Auch auf die Wirtschaft kann es schnell direkte Auswirkungen geben. Bei sehr hohen Wasserständen oder Sturmfluten können Häfen nicht mehr angelaufen werden und beeinträchtigen dann die Güterversorgung für die Wirtschaft und die Bevölkerung. Wir müssen davon ausgehen, dass solche Situationen in Zukunft zunehmen.

Zur Person

Dirk Messner ist seit 2020 Präsident des Umweltbundesamtes. Von 2003 bis 2018 war der habilitierte Politikwissenschaftler Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. 2018 bis 2019 leitete er das Institute for Environment and Human Security an der Universität der UN in Bonn. jw

Welche Temperaturerhöhung erscheint denn noch tolerabel?

Aktuell ist die Welt insgesamt schon etwas mehr als ein Grad heißer geworden, in Deutschland etwa 1,6 Grad seit 1880. Und wir sehen und spüren bereits viele Veränderungen und Beeinträchtigungen für Menschen und Ökosysteme aufgrund des Klimawandels. Ab etwa 1,5 Grad globaler Erwärmung werden die Folgen stärker. Zum Teil werden unwiderrufliche Prozesse angestoßen wie das Abschmelzen der Eismassen auf Grönland und in Teilen der Antarktis. In Deutschland können wir uns aufgrund unserer vergleichsweise günstigen klimatischen Bedingungen besser auf einen Temperaturanstieg vorbereiten als viele andere Regionen in dieser Welt. Daher sollten wir dort unterstützen, denn wir leben in einer vernetzten Welt.

Global werden die 1,5 Grad bereits um 2040 erreicht sein. Worauf steuern wir zu?

Wir sprechen hier über Szenarien, die je nach Treibhausgasemissionen variieren. Nach einer Analyse von letztem Herbst kämen wir zum Ende des Jahrhunderts auf einen weltweiten Temperaturanstieg von im Mittel plus 2,1 Grad, wenn alle Staaten ihre derzeitigen Ziele erreichen. Wenn wir nur die geplanten Maßnahmen betrachten, sind wir sogar bei ungefähr plus 2,7 Grad. Über den Landmassen ist der Temperaturanstieg höher als über den Ozeanen, der Temperaturanstieg in Deutschland wäre also voraussichtlich höher als der mittlere weltweite Temperaturanstieg.

Doch auch wenn die Temperaturerhöhung gebremst wird, braucht es Anpassung an das veränderte Klima. Welche Maßnahmen sind am wichtigsten?

Zunächst gilt es, den Klimaschutz voranzutreiben, weil wir ohne einen solchen auch in Deutschland in vielen Bereichen an die Grenzen unserer Anpassungskapazität kommen können. In Deutschland müssen wir unsere besonders bedrohten und sensiblen natürlichen Lebensgrundlagen schützen und nachhaltig nutzen. Das betrifft Böden, Wasser und Ökosysteme wie Wälder oder Feuchtgebiete. Zudem müssen wir unsere Städte gegenüber Hitze und Starkregen widerstandsfähiger gestalten. Auf dem Land müssen wir uns auf häufigere Starkregen und auf vermehrte Trockenheit einstellen, an den Küsten auf den steigenden Meeresspiegel. Naturbasierte Maßnahmen sind dabei wichtig für die Klimaanpassung, aber auch für den Klimaschutz und die Biodiversität. Das sind zum Beispiel mehr Grünflächen in den Städten, Renaturierungsmaßnahmen von Gewässern, Wiedervernässung von Mooren oder Küstenschutzmaßnahmen wie der Schutz von Salzwiesen.

Interview: Joachim Wille

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