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Ein Gamestop-Store in Kalifornien: Die US-Börsenaufsicht hat die Aktie des Unternehmens im Blick.
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Ein Gamestop-Store in Kalifornien: Die US-Börsenaufsicht hat die Aktie des Unternehmens im Blick.

Gamestop-Hype

„Denen zeigen wir es“

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
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Der Aktienkurs des Videospiele-Händlers Gamestop schießt immer weiter in die Höhe. Dahinter stecken auch junge Menschen, die der Wall Street die Stirn bieten wollen.

Luis möchte eines deutlich machen: „Ich bin kein Linker, ich bin kein Finanzfeind. Aber irgendwann nimmt man es persönlich, wenn man immer wieder angegriffen wird. Wenn man von Leuten von der Wall Street als gierig und dumm beschrieben wird, wenn Reporter des US-Senders CNBC einen als „fremde Macht“ bezeichnet, die die Börsen angreift. Ich bin ein 20-jähriger Mann an einem Computer in Frankfurt und keine fremde Macht.“

Luis ist Mitglied in der Gruppe – einem sogenannten Subreddit – „WallStreetBets“ auf der Social Media Plattform Reddit. Mehr als zwei Millionen Menschen – vor allem junge Männer – gehören diesem Subreddit weltweit an. Dort wird über die Börse diskutiert, Tipps und Meinungen werden ausgetauscht. Und diese Gruppe ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Aktienkurs von Gamestop, einer US-Einzelhandelskette für Videospiele, seit einigen Tagen durch die Decke geht.

Lag der Aktienkurs des Unternehmens im April 2020 an der New York Stock Exchange gerade einmal noch bei knappen 2,60 Dollar, so waren es am 4. Januar diesen Jahres 17,25 Dollar. Seit dem 12. Januar zog das Papier dann ab, auf bis zu 427 Dollar am Donnerstag. An der Frankfurter Börse wurden sogar fast 420 Euro erreicht.

Nicht die Kleinanlegerinnen und - anleger von Reddit alleine treiben den Kurs, inzwischen sind auch viele Profis involviert. Doch der Ausgangspunkt für den Hype liegt in dem Chat-Forum. Und dem, was Luis beschreibt: Die Kleinen wollen der Wall Street die Stirn bieten. „Viele dort denken: Wir zeigen es denen, die für die Finanzkrise verantwortlich waren, die gezielt Unternehmen kaputt machen“, sagt der Frankfurter Student. Denn viele Nutzer:innen von WallStreetBets glauben, dass die Aktie von Gamestop unterbewertet war und gezielt von Finanzmarktteilnehmern schlecht geredet wurde.

Kursentwicklung Gamestop.

Mit ihren Bemühungen hatten die Kleinanleger:innen diese Woche Erfolg: Der amerikanische Hedgefonds Melvin Capital musste wegen des Gamestop-Aktienhypes von zwei Konkurrenten gerettet werden – mit einer Kapitalspritze über 2,75 Milliarden Dollar. Was wohl auch Tesla-Chef Elon Musk gefreut haben dürfte: Durch einen Tweet heizte er die Gamestop-Rally Anfang der Woche weiter an – zum Schaden von Melvin Capital. Der Hedgefonds hatte jahrelang gegen Tesla gewettet und abfällig über den E-Auto-Hersteller hergezogen.

Melvin Capital geriet in Schieflage, weil der Hedgefonds in großem Stil ein Short-Seller von Gamestop-Aktien war. Beim Short-Selling spekulieren Investoren auf sinkende Aktienkurse; sie leihen sich die Papiere, verkaufen sie und hoffen auf einen billigen Rückkauf durch fallende Werte. Ein Beispiel: Eine Unternehmensaktie ist aktuell 50 Euro wert. Der Hedgefonds spekuliert auf einen fallenden Kurs, leiht sich zehn Aktien im Wert von 500 Euro und verkauft diese direkt. Als der Fonds die Aktie Monate später an den Verleiher zurückgeben muss, ist sie nur noch 25 Euro wert – der Hedgefonds kauft also zehn Aktien am Markt für 250 Euro und gibt sie zurück. Bruttogewinn: 250 Euro.

Steigt der Aktienkurs allerdings wider Erwarten, so muss der Fonds die Aktien teurer einkaufen. Um Verluste zu begrenzen, wird er das bei immer weiter steigenden Aktienkursen tun – und dadurch den Aktienkurs selbst weiter antreiben. Wenn viele Short-Seller ihre Positionen glattstellen und Aktien kaufen müssen, kann es zu einem sogenannten „Short squeeze“ kommen, der den Kurs weiter in die Höhe treibt.

Es ist öffentlich einsehbar, in welchen Firmen viele Short-Seller aktiv sind. Gamestop war zuletzt die am meisten geshortete Aktie an der Wall Street. Da Aktien auch mehrfach verliehen werden können, betrug der Short Interest bei Gamestop zeitweise fast 140 Prozent. Das bedeutet: Die Menge an Leerverkäufen – also Verkäufen geliehener Aktien – übersteigt sogar die Aktienanzahl des Unternehmens. Auch jetzt noch ist der sogenannte Short Interest sehr hoch. Was die Kleinanleger:innen von Reddit auf den Plan rief.

In den USA ist das Thema Gamestop in aller Munde. Die Kleinanleger:innen werden teils heftig angegriffen - was diese wiederum noch mehr anheizt. Sie seien dumm und wüssten nicht, was sie tun, lautet die Kritik. Oder: Sie würden versuchen, mit gezielten Absprachen die Märkte zu zerstören. Die Investmentbank Goldman Sachs bezeichnetet die Reddit-Anleger:innen als „gierigen Schwarm“. „Ausgerechnet die“, ärgert sich Luis. Goldman Sachs war in der Finanzkrise schließlich zum Inbegriff von Gier und mangelnder Moral geworden.

Viele Kritikpunkte sind allerdings zumindest bedenkenswert. So ist vollkommen unklar, wer die Nutzer:innen in den Reddit-Foren sind, die die Gamestop-Aktie hypen. Klarnamen werden nicht benutzt. „Die Motive der Mitglieder sind vollkommen intransparent“, moniert etwa ein Kommentator von CNBC. Zudem ist fraglich, ob die Fundamentaldaten des Unternehmens den Boom der Aktie rechtfertigen. Gamestop setzte bislang auf ein großes Filialnetz, auch in Deutschland - was in Zeiten, in denen sich die Gamer ihre Videospiele im Internet herunterladen, als veraltet gilt. Andererseits hat Gamestop mit dem Unternehmer Ryan Cohen seit kurzem einen neuen Großinvestor und Verwaltungsrat, der das Geschäft neu ausrichten will - auf ihn richten sich viele Hoffnungen.

Die US-Aufsichtsbehörden schauen sich das Treiben um die Gamestop-Aktie jedenfalls inzwischen genauer an. Die Situation werde von Wirtschaftsexperten im Weißen Haus und von Finanzministerin Janet Yellen beobachtet, sagt die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden. Auch die US-Börsenaufsicht (SEC) erklärte, sie habe das Thema im Blick. Einige US-Kommentator:innen wittern Marktmanipulation. Obgleich fraglich ist, ob man Hunderttausenden Kleinanleger:innen, die sich über Social Media gegenseitig hochhypen, tatsächlich einen Rechtsbruch wegen illegaler Absprachen vorwerfen kann. Das Thema scheint aber auch für die Aufsichtsbehörden neu zu sein.

So teilte die deutsche Finanzaufsicht Bafin der FR auf die Frage mit, ob und in welchem Fall es justiziabel sei, wenn Privatanleger:innen in Deutschland sich auf einer Social Media Plattform absprechen, die Aktie eines deutschen Unternehmens zu kaufen: „Entwicklungen wie aktuell bei Gamestop haben wir in Deutschland bislang nicht gesehen. Wir beobachten den Markt aber selbstverständlich auch daraufhin. Denn Absprachen können auch einen strafbaren Marktmissbrauch darstellen. Darüber, ob und welche Marktmissbrauchskonstellationen ganz grundsätzlich in Frage kommen könnten, verschaffen wir uns gerade ein Bild.“

Aufsichtsbehörden weltweit sollten sich wohl beeilen, sich ins Bild zu setzen. Denn klar ist, dass immer mehr junge Menschen sich ihre Aktientipps in Internetforen holen - und sich der Fall Gamestop durchaus wiederholen könnte. Bereits jetzt sind andere Aktien, in der Short-Seller stark aktiv sind, im Visier der Kleinanleger:innen. Blackberry etwa, Nokia, die kürzlich noch als Pleitekandidatin gehandelte Kinokette AMC, der Einzelhändler Bed, Bath & Beyond.

Die zumeist jungen Anleger:innen bewegen aber nicht nur Aktien, die stark geshorted sind, sondern sind grundsätzlich zu einer neuen Macht auf dem Markt geworden. Immer mehr junge Leute - auch in Deutschland - investieren in Aktien. In den USA nutzen mittlerweile mehr als 13 Millionen vor allem sehr junge Menschen die kostenlose Trading-App Robinhood - über die auch viele der jetzigen Gamestop-Käufe getätigt werden.

Die App steht in der Kritik, weil sie sehr bunt ist, den Anschein erweckt, die Börsenwelt sei einfach ein lustiges Spiel - und junge Menschen daher zu gewagten Transaktionen verleiten könnte. In Echtzeit können Anleger:innen dort verfolgen, welche Aktien gerade gekauft werden - und dann dem Rudel folgen. So trieben die Nutzer:innen im vergangenen Jahr etwa die Kodak-Aktie gemeinsam in die Höhe.

Luis aus Frankfurt ist mit seinem Investment in Gamestop vergangene Woche auch erstmals zum Aktionär geworden. Bislang hat sich das für ihn gelohnt: Für 2100 Euro hat er die Papiere gekauft. Am Donnerstag morgen waren diese 7600 Euro wert. Und Luis hofft auf mehr. Seine Devise lautet: Halten.

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