Analyse

Der Deckel muss weg

  • schließen

Den gesunkenen CO2-Ausstoß 2018 verdanken wir dem milden Winter. Soll der Rückgang nachhaltig sein, muss die Politik mehr tun.

Kommt Deutschland beim Klimaschutz doch wieder in die Spur? Man könnte es meinen, denn im letzten Jahr ist der CO2-Ausstoß hierzulande überraschend stark zurückgegangen – um 50 Millionen Tonnen oder 5,7 Prozent. Das ist bemerkenswert, da die Treibhausgasemissionen unter dem Strich seit 2009 nicht mehr gesunken waren. Doch leider ist die Hoffnung verfrüht. Hauptgrund für die positivere Klimabilanz war die milde Witterung in den Wintermonaten und der daraufhin zurückgegangene Verbrauch von Heizenergie. In einer aktuellen Analyse des Thinktanks „Agora Energiewende“ heißt es daher: Der CO2-Rückgang sei „voraussichtlich nicht nachhaltig“.

Die Lücke zum ursprünglichen, inzwischen aufgegebenen Ziel der Bundesregierung, die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, ist immer noch groß. 2018 waren trotz des aktuellen Rückgangs erst 31,7 Prozent erreicht. Binnen zwei Jahren weitere acht Prozentpunkte einzusparen, wäre allenfalls mit tiefen Einschnitten bei der Kohleverstromung machbar, für die es wohl keine politischen Mehrheiten gibt.

Agora-Direktor Patrick Graichen warnt: „Schon der nächste durchschnittlich kalte Winter und kleinere konjunkturelle Veränderungen werden die positive Entwicklung wieder zunichtemachen.“ Nötig seien nachhaltige Maßnahmen, besonders bei der Braunkohle sowie im Verkehrs- und Gebäudebereich. Ansonsten sei weder das Klimaziel für 2020 noch das für 2030 zu erreichen. Bis 2030 soll der CO2- Ausstoß um 55 Prozent sinken.

Tatsächlich hatte die Klimapolitik laut der Analyse nur einen kleinen Anteil an dem CO2-Minus von 2018, nämlich vor allem durch die Reform des EU-Emissionshandels. So sank der Steinkohle-Verbrauch auf das niedrigste Niveau seit 1950, nachdem die CO2-Preise von im Schnitt rund fünf Euro 2017 auf 15 Euro 2018 gestiegen waren – die Steinkohle-Verstromung wurde zusehends unwirtschaftlicher, wodurch die Emissionen der Energiewirtschaft um rund zehn Millionen Tonnen CO2 sanken. Die besonders klimaschädliche Braunkohle-Nutzung hingegen verringerte sich kaum.

Positiv wertet Agora, dass 2018 erstmals genauso viel Elektrizität aus erneuerbaren Energien wie aus Kohle stammte, nämlich jeweils 35,2 Prozent der Stromerzeugung. Möglich sei der neuerliche Ökostrom-Rekord durch ein „starkes Sonnenjahr“ in Kombination mit einem erstmals seit 2013 wieder kräftigen Fotovoltaik-Ausbau von über drei Gigawatt gewesen. Auch der Windstrom legte laut der Analyse zu, doch deutlich weniger als in den Vorjahren, vor allem wegen des um rund 50 Prozent eingebrochenen Anlagen-Neubaus.

Der Thinktank warnt, ein Wachstum auf dem 2018er Niveau reiche keinesfalls aus, um das von der Regierung für 2030 vereinbarte Zubau-Ziel zu erreichen. Dann sollen 65 Prozent des Stroms aus Wind, Sonne und Co. kommen. „Der Ausbau der Ökoenergien muss beschleunigt werden“, fordert Graichen. Die Bundesregierung solle vor allem die Fotovoltaik-Nutzung erleichtern, die auch von der Bevölkerung stark favorisiert werde.

Tatsächlich ist es überfällig, den noch vor der Fukushima-Energiewende eingeführten Förderdeckel für Solaranlagen von 52 Gigawatt installierter Leistung aufzuheben. Bleibt das Limit, kommt der Fotovoltaik-Ausbau bereits 2020 weitgehend zum Stillstand – und das kann die Regierung ja wohl kaum wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare