Der Triebzug 708 gehört zu jenen ICE der Siemens-Baureihe „Velaro“, die bereits im Bahnnetz unterwegs sind. Er bekommt bald viele Geschwister. 	Deutsche Bahn
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Der Triebzug 708 gehört zu jenen ICE der Siemens-Baureihe „Velaro“, die bereits im Bahnnetz unterwegs sind. Er bekommt bald viele Geschwister. Deutsche Bahn.

ICE

Siemens liefert Züge: Bahn macht Tempo

  • Michael Bayer
    vonMichael Bayer
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Der Konzern Siemens liefert 30 schnelle ICE-Züge - die ersten davon sollen schon im Winter 2022 Fahrgäste transportieren. Der Milliardenauftrag steht für eine Wende der Verkehrspolitik.

  • Siemens liefert der Bahn 30 ICE
  • Der ICE 3 soll helfen, den geplanten „Deutschlandtakt“ zu verwirklichen
  • Verkehrsminister Andreas Scheuer wertet die Investition der Bahn als Impuls für die Konjunktur

Deutschland setzt im Schienenverkehr wieder auf Hochgeschwindigkeit. Das ist die verkehrspolitisch entscheidende Botschaft hinter dem Kaufvertrag der Deutschen Bahn mit Siemens, der am Mittwoch in Berlin verkündet wurde. Konkret beschafft das Schienenunternehmen 30 ICE, die bis zu 320 Kilometer in der Stunde fahren; 60 weitere Züge können nachbestellt werden. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro.

Die schnellen Fahrzeuge, einsortiert als ICE 3, werden nötig, um die ambitionierten Vorgaben des geplanten Deutschlandtakts zu erfüllen. Zum einen, weil schlicht mehr Züge unterwegs sein müssen, um wie gewünscht die Zahl der Fahrgäste bis 2030 zu verdoppeln. Zum anderen, weil Knotenbahnhöfe zwingend in bestimmten Zeitspannen erreicht werden sollen – und es so auf jede Minute ankommen kann.

Langsamer als der ICE der ersten und zweiten Generation

Vor wenigen Tagen erst lieferte Hersteller Siemens den letzten von rund 50 bestellten ICE 4 mit zwölf Wagen an die Deutsche Bahn aus. Diese Fahrzeuge stehen noch für eine andere Verkehrspolitik: Der Zug bewegt sich mit gerade einmal 250 Kilometer pro Stunde – und ist damit sogar langsamer als der ICE der ersten und zweiten Generation. Man könne an vielen Stellen ohnehin nicht flotter fahren, hieß es seinerzeit, als die zahlreichen Ausbauprojekte im Zusammenhang mit dem Deutschlandtakt noch nicht bekannt waren.

Schon bald zeigten sich die Schattenseiten der Entscheidung: Mit der neuen, erfolgreichen Sprinter-Verbindung München–Berlin wurden die schnellen Fahrzeuge anderswo knapp. Und einige ersatzweise zwischen Köln und Frankfurt eingesetzte ICE 4 hatten im Westerwald ziemlich zu kämpfen. Die Bahn beschloss, die zweite Tranche der ICE 4 um einen angetriebenen Wagen zu ergänzen, um auf Tempo 265 zu kommen.

Keine schnellen Züge auf langsamen Strecken

Am Mittwoch räumte nun Bahn-Vorstandschef Richard Lutz mit Blick auf Hochgeschwindigkeitsstrecken unumwunden ein: „Dort hilft der ICE 4 nicht wirklich weiter.“ Siemens-Vorstand Roland Busch sah elegant ein „Mischkonzept“: Auf langsamen Strecken benötige man keine schnellen Züge, weil sie schwerer und damit energiefressender seien.

Dass der Auftrag an Siemens ging, überrascht kaum. Die Ausschreibung wünschte sich, dass die neuen Fahrzeuge im Verbund mit bereits seit 2009 eingesetzten Zügen des Typs „Velaro“ rollen können – mit vertretbarem Aufwand kann das nur derselbe Zug sein. So kam es dann auch. Im Grunde handelt es sich um eine Nachbestellung, die sich auch schneller umsetzen lässt als eine genehmigungspflichtige Neukonstruktion. Und das war die zweite, entscheidende Bedingung: Die ersten bestellten Fahrzeuge sollen bereits Ende 2022 auf den Schienen stehen.

Eine Milliarde Euro – Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will diese Investition der Bahn auch als Impuls für die Konjunktur sehen. Die Fahrzeuge würden im Siemens-Werk Krefeld zusammengebaut, erläuterte Vorstand Busch; mehrere Tausend Beschäftigte seines Konzerns auch an anderen Standorten wirkten genauso am Großauftrag mit wie 50 Zulieferer aus Deutschland.

ICE 3 mit Stellplätzen für Fahrräder

Und was bringt der neue ICE 3 den Fahrgästen? Details, etwa die Art der Sitze, will die Bahn erst in einem halben Jahr vorstellen. Klar ist schon jetzt: Die Züge bekommen neuartige Fensterscheiben, die den Mobilfunk durchlassen - was einen deutlich besseren Empfang verspreche.

Erstmals wird es in einem ICE 3 auch Stellplätze für Fahrräder geben, acht Stück. Bisher sind sie nur im ICE 4 und im siebenteiligen ICE T vorhanden. Geplant sind ferner ein Familienbereich und Kleinkindabteil. Mit zwölf Türen wurde die Zahl der Einstiege um zwei erhöht; eine Tür ist für Rollstühle geeignet.

Die neuen Züge bringen 13 000 Sitzplätze in die Fernverkehrsflotte ein. Sie sollen vom Winter 2022 an zunächst zwischen München und Nordrhein-Westfalen verkehren. In Deutschland rollen sie streckenbedingt maximal mit Tempo 300.

Die Deutsche Bahn geht davon aus, dass sie bis zum Jahr 2026 insgesamt über 421 ICE-Züge mit 220 000 Sitzplätzen verfügt.

Typen, Tempo, Trassen

ICE 1Mit dem Zug, gebaut von 1988 bis 1993, startete Deutschland ins Hochgeschwindigkeits-Zeitalter. Kennzeichen: Buckel über dem Restaurant. Tempo 280, 58 Fahrzeuge, einige davon verkehren bis in die Schweiz. Sollen überarbeitet und verkürzt bis 2030 rollen.
ICE 2 Erstellt von 1994 an; ähnelt optisch dem ICE 1, besteht aber aus zwei Teilen. Oft eingesetzt zwischen Berlin und Ruhrgebiet mit Zugteilung in Hamm. Ohne Buckel über dem Restaurant. Tempo 280, 44 Fahrzeuge.
ICE 3Mit Tempo 330 bisher schnellster ICE, im Inland bis Tempo 300 unterwegs. Gebaut seit 1997. Besteht aus acht Wagen, meist im Doppelpack auf Tour. Kennzeichen: vorne dynamisch zugespitzt, mit Farbstreifen an der Front. Viel gesehen auf den Schnellfahrstrecken Köln–Frankfurt und Nürnberg–Erfurt. 49 Fahrzeuge; 16 weitere mit Belgien- und Niederlande-Zulassung. Seit 2009 gibt es weitere 17 Züge (mit eckigen Türgläsern), die auch nach Frankreich fahren. Die jetzt bestellten ICE sind vom gleichen Typ.
ICE TKonzipiert für Routen jenseits der Rennstrecken. Kommt auf Tempo 230 und nimmt dank Neigetechnik Kurven schnell. Ebenfalls zugespitzt, aber vorne ohne Farbstreifen. In Hessen unterwegs zwischen Darmstadt, Frankfurt, Gießen und Kassel. Gebaut seit 1996. 59 Züge mit sieben Wagen, elf Fahrzeuge mit fünf Wagen. Eine Diesel-Variante rollt nicht mehr für Fahrgäste.
ICE 4Aktuelles Standard-Fahrzeug. Langer Zug mit eckigen Türgläsern, vorne breit. Viel unterwegs auf den Hauptrouten von Norden nach Süden bis in die Schweiz. 50 ICE mit zwölf Wagen für Tempo 250 sind ausgeliefert, bestellt weitere 37 Züge mit sieben Wagen sowie 50 Fahrzeuge mit 13 Wagen, die dann Tempo 265 schaffen.
Intercity/EurocityDie klassischen IC-Wagen sind Jahrzehnte alt und sollen ersetzt werden. Die früheren Interregio-Fahrzeuge ohne Klimaanlage sind bereits aussortiert. Seit 2015 setzt die Bahn aus dem Regionalverkehr bekannte Doppelstockwagen als Intercity 2 ein. Bestellt sind ferner 23 Züge beim spanischen Hersteller Talgo, die von 2023 an als EC fahren sollen. 

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