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Bernd Lange (SPD).

Dauerhafte Grenzkontrollen

„Dauerhafte Grenzkontrollen wären wirtschaftlicher Sprengstoff“

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Bernd Lange (SPD), Vorsitzender des Handelsausschusses im Europaparlament, über nationale Alleingänge.

Herr Lange, hat die EU die Coronavirus-Krise rechtzeitig angepackt?

Nein. Die EU-Kommission hat zu viel Zeit verstreichen lassen. Was hat die Behörde gemacht, als es in China losging? Sie ist nach Afrika gefahren, sie ist nach Griechenland gefahren. Sie hat alles Mögliche gemacht. Den Virusausbruch aber hatte sie nicht auf dem Schirm.

Stattdessen haben wir nationale Alleingänge erlebt.

Das ist das Problem. Die Kommission hätte viel schneller dazu aufrufen müssen, dass wir eine gerechte Verteilung von Schutzausrüstung in der EU brauchen. Es gibt nur einige Länder, in denen Schutzmasken hergestellt werden. Belgien gehört nicht dazu. Ich frage mich, wie soll Belgien an die Ausrüstung kommen, wenn einige EU-Mitgliedsstaaten, auch Deutschland, das Zeug horten. Das hat die EU-Kommission ein wenig korrigiert. Aber das ist viel zu wenig und viel zu spät geschehen.

Wie werden sich die Grenzkontrollen auf die Lieferketten auswirken?

Es gibt da zwei Ebenen. Wir sind im pharmazeutischen Bereich zu fast 80 Prozent von China abhängig. Auch der Maschinenbau bei uns ist immens von Elektronik abhängig, die in Asien hergestellt wird. Und Schiffe brauchen nun einmal sechs Wochen von China bis Europa. Da wird es noch Probleme geben, da die Chinesen die Produktion noch nicht vollständig wieder hochgefahren haben.

Und die zweite Ebene?

In Deutschland ist das verarbeitende Gewerbe zu fast 70 Prozent abhängig von Zulieferern aus der EU. Durch diese Grenzkontrollen wird es zu Verzögerungen kommen, die gerade in der Automobilproduktion durchschlagen. Deswegen halte ich von diesen Grenzkontrollen sehr, sehr wenig.

Ist Schengen, also der freie Verkehr von Menschen und Güter, ernsthaft in Gefahr?

Das Risiko ist da, dass die Politik in manchen Mitgliedsstaaten über dauerhafte Grenzkontrollen nachdenkt. Das wäre wirtschaftlicher Sprengstoff. Aber ich hoffe doch sehr, dass es dazu nicht kommen wird, wenn die Coronavirus-Krise einmal vorbei ist. Da hängen etwa drei Prozent des Bruttonationalprodukts dran. Das haben wir lang und breit beim Brexit diskutiert. Es ist völlig absurd zu glauben, wir könnten Produktionen innerhalb Europas wieder auf die Nationalstaatsebene ziehen. Das wäre ökonomischer Selbstmord.

Interview: Damir Fras

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