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Rhine Clean Up - Düsseldorf
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Jenseits von Lohnarbeit: Zeit für ehrenamtliches Engagement im Umweltschutz.

Wachstumskritik

„Das Wichtigste ist Zeitwohlstand“

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Hannah Heller (Grüne) und Nina Treu (Linke), zwei Wachstumskritikerinnen, die für den Bundestag kandidieren, über gemeinwohlorientiertes Wirtschaften und mögliche Koalitionen.

Frau Heller, Frau Treu, was haben Sie gegen Wachstum?

Heller: An sich nichts. Aber wenn das Alte immer weiter wächst, kann auch nichts Neues entstehen. Es war ein großer Fehler, dass Politik das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zum einzigen Maßstab für Erfolg gemacht hat. Das hat dazu geführt, dass wir heute vor der ökologischen Katastrophe stehen.

Treu: Zunächst mal gilt die simple Feststellung, dass auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum möglich ist, weil jedes Wirtschaftswachstum mit dem Verbrauch von Ressourcen verbunden ist.

Muss das so sein?

Treu: Es gibt ja das große Märchen, dass die Wirtschaft wachsen kann, aber der Ressourcenverbrauch im Vergleich weniger steigt oder sogar sinkt. Aber das funktioniert nicht. Der Kapitalismus ist auf Profit und Wachstum ausgelegt. Wir haben es mit einem politischen Grundverständnis zu tun, bei dem es nicht darum geht, den Kuchen besser zu verteilen, sondern immer nur darum, ihn insgesamt größer zu machen, weil dann angeblich auch das kleinste Kuchenstück wächst. Aber wir brauchen ein System, das die Bedürfnisse der Menschen befriedigt und zugleich die ökologischen Grenzen nicht sprengt.

Die Mehrheit der Bevölkerung scheint durchaus an eine natürliche Verbindung zwischen Wachstum und Wohlstand zu glauben.

Treu: Ja, aber das ist kein Naturzustand. Viele Menschen spüren die Grenzen des Wachstums sehr genau: Dass unsere Gesellschaft so gestresst ist, ist ja zum großen Teil dem Überfluss an Informationen und Produkten geschuldet, mit denen wir konfrontiert werden. Aber zwischen dem, was die Menschen stört, und dem Bewusstsein für Alternativen klafft eine große Lücke. Daran müssen wir arbeiten.

Heller: Das Problem ist, dass Wachstum immer mit positiven Aussichten gleichgesetzt wird: Wohlstand, Erfolg, Karriere. Ich denke, im ersten Schritt würde es helfen, wenn wir die Art, wie wir Wohlstand messen, anpassen würden. Die Grünen haben da ein cooles Konzept, das sich Jahreswohlstandsindikator nennt.

Was ist das?

Heller: Ökologische, soziale und andere gesellschaftliche Indikatoren sollen mit einbezogen werden und der wirtschaftliche Erfolg nur eins von vielen Kriterien sein. Das ist einerseits etwas Neues, kommt aber andererseits dem Gefühl, dass irgendetwas wachsen sollte, entgegen. Das erscheint mir auch notwendig – zumindest für den Übergang zu einem kulturellen Wandel, den ich durchaus kommen sehe. Es wird darum gehen, weniger, aber viel Schöneres zu haben.

Wie wollen Sie für diesen Wandel werben?

Heller: Ich sage den „Fridays-for-Hubraum“-Fans immer, dass sie ihr schön gepflegtes, aufgetuntes Auto sogar länger fahren könnten, wenn es wieder langlebige und reparierbare Produkte gäbe. Klar brauchen wir weniger Autos. Aber wenn jemand all sein Geld in so ein Fahrzeug stecken möchte, wird das auch in Zukunft noch möglich sein.

Treu: Das ist mir viel zu milde. Ich würde nicht sagen, ihr könnt eure fetten Autos behalten, sondern fragen: Habt ihr überhaupt die Wahl, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, wenn der Bus zu selten kommt oder zu teuer ist?

Wie wollen Sie die Leute von einem anderen System überzeugen?

Treu: Das Wichtigste ist Zeitwohlstand. Entweder die Menschen arbeiten zu viel, oder sie suchen nach mehr Arbeit, weil sie zu wenig verdienen. Als Linke und Wachstumskritikerin fordere ich eine radikale Arbeitszeitreduktion auf bis zu 20 Stunden pro Woche mit Lohnausgleich in unteren und mittleren Einkommensgruppen.

Steht das im Programm der Linkspartei?

Treu: Ja – mehr Zeit und weniger Stress für alle durch kürzere Arbeitszeiten mit Lohn- und Personalausgleich statt blindem Wachstum der Profite. Aber erst mal mit 30 Stunden. Es wäre ja schon ein Fortschritt, sichtbar zu machen, was alles jenseits von Lohnarbeit stattfindet: Sorgearbeit, von Frauen geleistet, politische Arbeit im Ehrenamt oder Phasen des Lernens. Dafür brauchen wir mehr Zeit, das lässt sich ganz realpolitisch vermitteln.

Im Wahlprogramm der Linkspartei ist nur von einem „anderen Produktionsmodell für nachhaltige Lebensweisen“ die Rede – und von Steigerung der Nachfrage. Das klingt nicht nach Wachstumskritik.

Treu: Die Nachfragesteigerung ist raus. Wir wollen nachhaltige Lebensweisen und hohe Lebensqualität und benennen auch, wie. Richtig ist aber, dass die Linke – nicht nur als Partei, sondern die gesellschaftliche Linke insgesamt – aus dem Schema „Wohlstand durch Wachstum“ noch nicht herausgefunden hat. Es gibt immer noch die Vorstellung von so etwas wie „sozialistischem Wachstum“, bei dem zwar die Produktionsmittel in gesellschaftlichen Besitz gelangen und irgendwie ökologisch gestaltet werden, aber eben mit Wachstum. Mit meiner Kandidatur will ich auch innerhalb der Linken für ein anderes Denken zu werben.

Und, gelingt es?

Treu: In der Linkspartei gibt es da sehr viele Ansätze, zum Beispiel einen Transformationsfonds für Arbeitsplätze oder die Aufwertung von Sorgearbeit. Aber der Begriff „Postwachstum“ wird oft gemieden, weil er die Leute abschrecke. Meine Erfahrung ist aber, dass die Wachstumskritik sehr anschlussfähig ist.

Heller: Wie die Verkehrswende oder auch die Ernährungswende funktioniert, können wir uns noch vorstellen. Aber wenn wir die bestehende Wirtschaftsordnung kritisieren, ziehen viele Leute den Schluss, wir wollten alles verstaatlichen und zentralisieren. Wir müssen klarmachen, dass wir eine dezentrale und demokratischere Wirtschaft wollen. Ninas und meine Rolle ist es, unseren Parteien zu sagen: Liebe Linke, liebe Grüne, schaut euch die praktischen Beispiele für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften an, die es längst gibt, und lasst uns versuchen, sie zu stärken. Dann werden sich auch die Ängste vor Sozialismus und Zentralisierung geben.

Nina Treu kandidiert in Leipzig für Die Linke.

Wie sähe eine positive Botschaft aus?

Heller: Warum sprechen wir nicht von „Kleeblatt-Ökonomie“? Der Stengel wäre die fürsorgende Wirtschaft, und die drei Blätter stehen für eine demokratische Daseinsvorsorge, für gemeinschaftliche Formen des Wirtschaftens und dann auch für einen marktwirtschaftlich-wettbewerblichen Teil – aber mit einer Orientierung am Gemeinwohl, die in den Bilanzen ausgewiesen werden muss.

Im Grünen-Wahlprogramm heißt es: „Wir wollen ein wirklich nachhaltiges Wachstum.“ Auch das klingt nicht nach Wachstumskritik.

Heller: Bei der Arbeit am Entwurf hatten sich die führenden Stimmen in der Partei eher der Stimmung der Mitte angepasst. Aber es gab dann sehr viele Anträge von der Basis, und jetzt heißt es, dass wir Wachstum gutheißen, wenn es innerhalb der planetaren Grenzen stattfindet. Das bedeutet eigentlich, dass wir heute eher herunterfahren müssen. Viele Grüne sind in Basisbewegungen organisiert, und schon deshalb wird man uns die Wachstumskritik nicht so schnell austreiben – auch wenn wir eine Regierungsbeteiligung anstreben.

Hannah Heller ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat Speyer und kandidiert für den Bundestag.

Freu Treu, könnten Sie mit Hannah Heller besser koalieren als mit Ihrer eigenen Partei?

Treu: Naja. Eine Regierung unter grüner Beteiligung wird behaupten, dass man mit Reformen sehr weit kommt in Richtung Klimagerechtigkeit und Gerechtigkeit insgesamt. Ich sage: Mit Privateigentum und Großkonzernen, mit industrieller Ausrichtung auf Autos, Rüstung und Chemie geht das nicht.

Warum nicht?

Treu: Es ist unmöglich, unsere 48 Millionen Autos auf Elektroantrieb umzustellen. Dafür haben wir weder die Batterien noch genug Ökostrom. Wir müssen die Industriestruktur komplett umbauen, und dass die Arbeiterinnen und Arbeiter da schon weiter sind als das Management, hat eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung gezeigt. Sie wissen, dass ihre Arbeitsplätze gefährdet sind und würden sich gern am Umbau beteiligen. Ich gebe zu, dass hier auch die Vorschläge meiner Partei noch nicht weitreichend genug sind, aber zu den Grünen stehe ich hier im klaren Widerspruch.

Und Sie, Frau Heller, könnten Sie mit Frau Treu besser koalieren als mit Ihrer eigenen Partei?

Heller: Jedenfalls wäre mir eine grün-rot-rote Regierung lieber als eine schwarz-grüne oder grün-schwarze. Der Wohlstand wird besonders durch zunehmende Ungleichheit gefährdet, und das zu ändern, ist zentral für die sozialökologische Transformation. Da bin ich mit Nina sicher einiger als mit jemandem von der CDU.

Und mit Ihrer Partei?

Heller: Es stimmt sicher, dass wir größere Schritte brauchen, als sie in einem grünen Regierungsprogramm für vier Jahre stehen. Aber aus meiner Sicht ist es richtig, jetzt erst einmal das zu tun, was nahe liegt. Mit Ninas Forderungen in einen Wahlkampf zu gehen und damit regieren zu wollen, wäre überfordernd für die Menschen. Schon jetzt gibt es viel Gegenwind, und den müssen wir mit einbeziehen.

Treu: Sicher ist Politik ein Abbild dessen, was in der Gesellschaft geschieht. Aber ich glaube auch, dass sie vorangehen und die Notwendigkeit von Veränderungen benennen muss. Unseren Wähler:innen müssen wir den Mut zum Wandel zutrauen, denn echte Veränderung kann nur von unten kommen.

Heller: Wir müssen darauf setzen, dass die basisdemokratischen Bewegungen, in denen wir ja beide aktiv sind, ihren Einfluss auf die Politik steigern. Wenn wir in den Bundestag kommen, sollten wir gemeinsam dafür sorgen, dass dort an Visionen gearbeitet wird. Wir sollten Möglichkeitsräume aufzeigen, über die in der Politik bisher viel zu wenig diskutiert wird.

Interview: Stephan Hebel

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