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Fertig für den Staatsbesuch: Tegel wartet 2011 auf den Papst.

Tegel

Das Tor zur westlichen Welt schließt

  • vonWolfgang Mulke
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Am Sonntag hebt am Berliner Flughafen Tegel die letzte Maschine ab – eine persönliche Erinnerung.

Der Autor dieser Zeilen hat als Student oft am Flughafen Tegel gearbeitet. Einer meiner Jobs bestand Anfang der 80er Jahre darin, den roten Teppich für Staatsgäste erst aus- und zum Abflug wieder einzurollen. Da war TXL, wie das internationale Kürzel für Tegel lautet, noch das Tor der West-Berliner zur freien Welt. Die Präsidenten oder Königinnen wurden stets von einem Vierergespann auf dem Rollfeld empfangen. Der Regierende Bürgermeister, seinerzeit Richard von Weizsäcker, flankiert vom amerikanischen, britischen und französischen Stadtkommandanten. Berlin war ja noch eine besetzte Stadt.

Der rote Teppich war so schwer, dass vier Leute anpacken mussten. Das Aufrollen beim Abschied war eine Sekundenarbeit. Drehte die Maschine den Gastgebern schon den Rücken zu, war es zu spät, wie ich bei einem Staatsbesuch feststellen musste. Der Läufer wurde durch den Luftdruck der Turbinen vom Boden gehoben, flog durch die Luft und landete nur wenige Meter vor dem späteren Bundespräsidenten. Der amüsierte sich noch Monate später über meinen Fauxpas.

Erinnerungen an den alten Airport haben anscheinend viele Berliner. In Scharen haben sie den sechseckigen Terminal aus den 70er Jahren noch einmal zum Abschied besucht. „Ausgebucht“, meldet Flughafenchef Engelbert Lüdge-Daldrup und sprach dabei nicht von den Flugzeugen am neuen BER, sondern von der Besucherterrasse in Tegel, „wir haben alle ein bisschen Wehmut.“ Oben auf dem Dach stehen die Besucher und fotografieren die letzten Starts- und Landungen. Unten im Terminal ist schon fast nichts mehr los. Die meisten Geschäfte sind schon nach Schönefeld gezogen. Ebenso die Fluggesellschaften. An diesem Sonntag hebt die letzte Maschine ab, eine Air France nach Paris. 1960 kam auch der erste Flug aus der französischen Hauptstadt. Tegel lag im französischen Sektor. Danach werden große Kreuze auf die Landebahn gemalt, damit sich kein Pilot noch einmal hierhin verirrt.

„Es ist ein Flughafen, der alle Höhen und Tiefen erlebt hat“, sagt Engelbert-Daldrup. Der Bau der ersten Piste 1948 dauerte nur 90 Tage. Damals blockierte die Sowjetunion die Zufahrtswege nach West-Berlin. Alle Güter, von Kohlen über Nahrungsmittel bis hin zu den Bauteilen für ein Kraftwerk, wurden von den West-Alliierten eingeflogen. So bauten die Berliner eben mal schnell einen Landeplatz. Den benötigte das französische Militär ohnehin.

Alle 2,7 Minuten ein Flieger

Erbaut wurde Tegel 1974 nach Plänen der Architekten Gerkan, Marg & Partner, die auch den Berliner Hauptbahnhof oder die Neue Messe Leipzig entwarfen. Das Beton-Sechseck mit den kurzen Wegen für die Passagiere war ursprünglich für zwei Millionen Passagiere ausgelegt. Der Boom im Luftverkehr in den letzten Jahren brachte die Abfertigung an die Grenzen des Machbaren, trotz zweier provisorischer weiterer Terminals. Im vergangenen Jahr schleusten die Betreiber mehr als 24 Millionen Fluggäste durch die Kontrollen. Alle 2,7 Minuten startete oder landete eine Maschine.

„Otto Lilienthal“ prangt der Name des TXL noch in großen Lettern an der Wand des Hauptgebäudes. Der Flugpionier hat Ende des 19. Jahrhunderts die ersten größeren Flugversuche absolviert, bevor er 1896 dabei abstürzte und starb. Da war Fliegen Fortschritt. Bei der Einweihung des neuen BER protestierten Klimaschützer, weil Fliegen das Klima belastet. Für die West-Berliner war Tegel das „Tor zur Welt“, einfach nur Freiheit. Und jeder Besuch dort verhieß, an Freiheitsgefühl wenigstens zu schnüffeln, wenn Reisen selbst zu teuer war.

Berlin wäre nicht Berlin, wenn es jetzt nicht aus dem kleinsten Großflughafen der Welt etwas wahrlich Gigantisches schaffen wollte. Bald soll die „Urban Tech Republic“ ins Terminal einziehen. Das plant die staatliche Beuth-Hochschule für Technik. Statt Pässe zu kontrollieren, werden die Forscher dort Klimaschutz-Technologien für Städte, Mobilitätskonzepte und Heizungstechniken entwickeln. Rundum entstehen den Plänen zufolge Tausende Wohnungen, Gewerbegebäude nebst dazugehöriger Infrastruktur. Autofrei soll es bleiben und der ebenfalls geplante, nicht weit entfernte Siemens-Innovationscampus per Seilbahn angebunden werden. So dient Tegel auch in Zukunft dem Fortschritt.

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