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Setzt auf Vegetarier als Käufer: Godo Röben, einer der Geschäftsführer von "Rügenwalder Mühle".

Rügenwalder Mühle

"Damit haben wir nicht im Traum gerechnet"

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Rügenwalder-Mühle-Chef Godo Röben spricht im FR-Interview über den großen Erfolg seiner Veggie-Wurst und eine Ernährungswende in Deutschland.

Die Rügenwalder Mühle zählt zu den bekanntesten deutschen Wurst- und Fleischwarenherstellern. Ursprünglich war das im 19. Jahrhundert gegründete Unternehmen im westpommerschen Rügenwalde (heute Darlowo) beheimatet. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste der Standort an der polnischen Ostseeküste aufgegeben werden, um zunächst im niedersächsischen Westerstede und ab 1956 im ostfriesischen Bad Zwischenahn einen Neuanfang zu wagen. Geschäftsführer sind Lothar Bentlage und Godo Röben. Röben war es, der 2014 den Versuch vorantrieb, mit fleischfreien Produkten neue Käufer zu erreichen.

Herr Röben, mit der Rügenwalder Mühle verbinden Verbraucher seit eh und je Teewurst, Mett und andere Fleischwaren. Seit Ende 2014 bieten Sie auch vegetarische Produkte an. Warum brechen Sie mit Ihrer jahrzehntelangen Tradition?
Genau genommen ist es eine 183 Jahre alte Tradition. Das Unternehmen gibt es schon seit 1834. Für die Entscheidung, vegetarische Wurst, Schnitzel und Frikadellen ins Programm aufzunehmen, sprechen aus unserer Sicht drei große Entwicklungen, die man als Fleischunternehmen beim besten Willen nicht ignorieren kann.

Die wären?
Erstens spielt das Tierwohl für den Verbraucher heute eine größere Rolle denn je. Dazu haben Lebensmittelskandale und Medienberichte zu Haltungsbedingungen in konventionellen Betrieben beigetragen, aber auch soziale Netzwerke, über die zum Beispiel Bilder aus der Massentierhaltung verbreitet und kommentiert werden. Ein Schnitzel aus konventioneller Haltung stößt daher heute auf größere Vorbehalte als noch vor 20 Jahren. Die zweite große Veränderung betrifft das Klima. Nutztiere tragen mehr klimaschädliche Gase in die Atmosphäre als der gesamte Verkehr. Drittens hat gesunde Ernährung einen höheren Stellenwert als früher. Ernährungsmedizinisch betrachtet, essen die Menschen in Deutschland und in anderen Industrieländern mehr Fleisch und Wurst, als ihnen gut tut. Das Bewusstsein, dass das so ist, wächst.

Aus dem Munde des Geschäftsführers eines Unternehmens, das auch Fleisch verarbeitet, klingt das beinahe geschäftsschädigend.
Das glaube ich nicht. Es hat doch keinen Sinn, die Wirklichkeit zu leugnen. Das haben andere Branchen schmerzhaft erfahren müssen. Ein Beispiel sind die großen deutschen Energiekonzerne, die viel zu lange an der Atomkraft festgehalten haben und jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen. Oder die hiesigen Autobauer, die die E-Mobilität lange verschlafen haben und sich jetzt enorm anstrengen und ins Zeug legen müssen, um Versäumtes aufzuholen. Einen solchen Fehler wollen wir nicht machen. Wir haben uns für innovative Produkte entschieden, von denen wir glauben, dass sie gewandelten Bedürfnissen und Ansprüchen in großen Teilen der Kundschaft entsprechen. Die Rügenwalder Mühle will niemanden zum Fleischverzicht nötigen oder zum Vegetarismus bekehren. Aber wir wollen den Kunden fleischlose Alternativen bieten, die auch dem Wurst-Fan schmecken.

Auch wenn die Alternative nicht nach Wurst schmeckt, sondern nur so aussieht.
Vor fünf Jahren, als wir Veggie-Produkte erstmals ernsthaft in Erwägung gezogen haben, hätte ich Ihnen Recht gegeben. Die meisten Produkte stammten damals von kleinen Betrieben, die bislang im Wurstmachen keine Erfahrung hatten. Das Meiste hat überhaupt nicht geschmeckt.

Was auf Ihre Erzeugnisse selbstredend nicht zutrifft.
Genau. Ich habe damals unsere Metzgermeister gefragt, ob sie eine Wurst ohne tierisches Eiweiß herstellen können, die genauso wie unsere Wurst mit Fleisch schmeckt. Das haben die Kollegen als Herausforderung begriffen, und ich muss sagen: Sie haben mit Bravour bestanden.

Finden das Ihre Kunden auch?
Wir haben in Blindtests festgestellt, dass die Verbraucher zum Beispiel bei Paprikamortadella oder Hühnernuggets keinen Unterschied zwischen Veggie- und Fleisch-Produkten bemerken. Meinem Vater, der den Vegetarismus grundsätzlich für „ausgemachten Schwachsinn“ hält, habe ich zum Abendbrot mal eine Platte mit unserer fleischfreien Wurst und den vegetarischen Mühlen-Frikadellen kredenzt, die hat er rückstandslos verputzt. War alles vegetarisch, hat er aber nicht gemerkt.

Kritiker des neuen Veggie-Trends wie die Fernsehköchin Sarah Wiener monieren, dass vegetarische Wurst in den gleichen Fabriken hergestellt und mit reichlich Aroma- und anderen Zusatzstoffen versehen wird. Es handele sich keineswegs um besonders gesunde Produkte, vor allem im Vergleich zu selbst gekochten Gerichten. Können Sie mit der Kritik etwas anfangen?
Im Grundsatz ja. Frau Wiener hat sicher Recht, wenn sie den Wert von selbst gekochtem Essen betont. Ich esse auch lieber selbst zubereitete Speisen. Aber in der Lebenswirklichkeit fehlt es vielen Menschen an Zeit und Lust, selbst zu kochen. Diese Menschen wünschen sich eine Lösung von den Lebensmittelherstellern, die es ihnen ermöglicht, mal auf Fleisch zu verzichten und stattdessen vegetarische Schnitzel, Salami oder Frikadellen zu essen, ohne lange in der Küche zu stehen.

Wie kommen die Produkte an?
Als wir Ende 2014 mit fünf Tonnen Veggie-Wurst pro Woche starteten, gab es schon die Sorge, ob wir diese Menge denn loswerden. Zwei Monate später waren wir bei 70 bis 80 Tonnen pro Woche, damit hatten wir nicht im Traum gerechnet. Mittlerweile verkaufen wir regelmäßig 100 Tonnen wöchentlich, das ist etwa ein Fünftel unserer gesamten Produktion. Wir haben unsere Veggie-Produktion erweitert, ein neues Gebäude für Verwaltung und Verpackung gekauft und unsere 460-Mann-Belegschaft auf knapp 600 Mitarbeiter erweitert. In den vergangenen Monaten ist das Wachstum des Veggie-Bereichs allerdings fast zum Stillstand gekommen.

Woran liegt’s?
Vor allem an den zahlreichen Nachahmern. Rügenwalder Mühle war ja der erste bekannte Hersteller, der vegetarische Wurst und Fleischwaren auf den Markt gebracht hat. Unser Erfolg hat dann die Konkurrenz geweckt. Mittlerweile vertreiben auch die ganz großen Fleischverarbeiter wie Tönnies und Wiesenhof vegetarische Produkte, bekannte Marken wie Meica und Herta sind ebenfalls dabei. Das hat unser Wachstum natürlich gebremst.

Dann ist es mit der fleischlosen Herrlichkeit schon wieder vorbei?
Mit dem rasanten Wachstum der ersten Monate schon, mit der grundsätzlich notwendigen Veränderung der Ernährungsgewohnheiten nicht. Demnächst werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wenn die alle so viel Fleisch konsumieren wie die Nordamerikaner oder Europäer heute, würden Böden, Gewässer und Klima hoffnungslos überlastet. Deshalb glaube ich, dass die Menschheit vor einer gewaltigen Umstellung der Ernährung steht, dass pflanzliche Nahrungsmittel immer wichtiger werden. Wir planen für 2020, dass unsere vegetarischen Produkte 40 Prozent unseres Umsatzes ausmachen.

Warum setzen Sie nicht auch auf Biofleisch? Das wird umwelt- und tierschonender erzeugt und genügt auch höheren Ansprüchen an eine gesunde Ernährung.
Das haben wir in der Vergangenheit versucht, sind damals aber an den geringen am Markt verfügbaren Biofleischmengen gescheitert. Für die Bauern bedeutet die Umstellung auf Bio ja erst einmal hohe Investitionen, nicht selten im Millionenbereich, und eine jahrelange Übergangsphase. Mittlerweile haben aber mehr Erzeuger ihre Höfe umgestellt, so dass wir erneut einen Versuch wagen und neben konventionellen und vegetarischen Produkten auch wieder die Einführung einer Bio-Linie planen.

Um die Ernährungsgewohnheiten der Menschen mit Tierwohl, Klimaschutz und Gesundheit in Einklang zu bringen, wird ein bisschen mehr nötig sein als ein paar Veggie-Schnitzel im Kühlregal. Muss nicht die Politik den Prozess aktiv unterstützen?
Unbedingt. Es bedarf klarer gesetzlicher Standards und Regelungen, ähnlich wie sie für die Energiewende beschlossen wurden.

Was schwebt Ihnen da vor?
Wir wollen den Verbraucher nicht bevormunden, aber wir wollen informierte Kunden, die eine Wahl haben. Deshalb befürworten wir eine Kennzeichnung von Fleisch- und Wurstwaren wie es sie für Eier seit langem gibt. Einfache Codes, die anzeigen, unter welchen Haltungsbedingungen und mit welchen Futtermitteln das Lebensmittel erzeugt wurde. In dem Punkt sind wir mit den Grünen bei uns in Niedersachsen ganz auf einer Linie.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) setzt aber auf freiwillige Vereinbarungen und unverbindliche Kennzeichnungen wie etwa das Tierwohllabel.
Der Minister traut sich längst nicht so viel, wie er sich trauen sollte. Agrarbetriebe und Ernährungswirtschaft brauchen verbindliche Zielvorgaben und teils auch finanzielle Unterstützung, um die Ernährungswende zu vollziehen. Verbraucher wollen Transparenz, sie wollen verständliche Informationen und sie wollen auf den ersten Blick erkennen, was sie sich da in den Einkaufswagen legen. Mit freiwilligen Selbstverpflichtungen allein wird das nicht gehen.

Schmidt will auch Transparenz, allerdings in anderem Sinne: Vegetarische Erzeugnisse sollen nicht länger unter den Bezeichnungen Wurst, Frikadelle oder Schnitzel verkauft werden dürfen, weil die angeblich die Verbraucher in die Irre führen.
Wenn wir anstelle von Veggie-Frikadellen oder vegetarischer Mortadella „Bratstücke auf Weizengrundlage“ oder „Sandwichbelag auf Pflanzenbasis“ anbieten, fühlen sich die Kunden bestimmt nicht besser informiert. Solche Bezeichnungen haben bloß einen abschreckenden Effekt. Eine Täuschung der Verbraucher kann ich auch nicht erkennen. Wer vegetarische Wurst kauft, weiß, was er tut. Es gibt alkoholfreies Bier und entkoffeinierten Kaffee, warum also nicht fleischlose Mortadella? In dieser Frage stehen kritische Verbraucherorganisationen wie Foodwatch und auch die Fleischindustrie hinter uns. Um es klar zu sagen: Der Minister sitzt da auf dem total falschen Dampfer.

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