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Die Verbuschung von Weideland verursacht in Namibia erhebliche wirtschaftliche und ökologische Schäden.
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Die Verbuschung von Weideland verursacht in Namibia erhebliche wirtschaftliche und ökologische Schäden.

Entwicklungshilfe

Da ist was im Busch

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Holz aus Namibia für Fernwärme in Hamburg? Ein mit deutscher Entwicklungshilfe gefördertes Projekt löst bei Umweltgruppen und in der Wissenschaft heftige Kritik aus.

Protest am Heizkraftwerk Tief-stack in Hamburg-Mitte. Rund 20 Aktivisten und Aktivistinnen von Robin Wood tauchen auf, sie entrollen ein schwarzes Transparent. Aufschrift in Rot: „Heizen mit Holz aus Namibia? Unfair und klimaschädlich“. Dazu brennen sie Bengalos ab, der Rauch soll zeigen: Hier wird’s brenzlig. Der Protest gilt den Überlegungen im Hamburger Senat zur Umrüstung des Kraftwerks von Kohle auf Holz. Genauer gesagt auf Holzpellets, die in dem südwestafrikanischen Land produziert werden sollen.

Die Umweltschützer:innen lassen kein gutes Haar an dem Projekt: „Wenn wir für warme Wohnzimmer hier in Hamburg die Ökosysteme Namibias verheizen, ist das klimaschädlich, gefährdet die Artenvielfalt und ist unfair“, sagt ihre Sprecherin Ute Bertrand. Hamburg stelle das Projekt als Hilfe für Namibia dar. Es sollten tatsächlich aber „mal wieder Ressourcen des Globalen Südens ausgebeutet werden, um den unersättlichen Rohstoffhunger von reichen Industrieländern im Norden zu stillen“. Und Bertrand fragt: „Hat Hamburg nichts aus der grausamen Kolonialgeschichte gelernt?“ Der Bezug: Das heutige Namibia stand 1884 bis 1914 als „Deutsch-Südwestafrika“ unter deutscher Herrschaft, mit dem Völkermord an den Herero als Fanal.

Harter Tobak. Aber das Projekt ist tatsächlich mindestens ungewöhnlich. Das Heizkraftwerk in Hamburg-Mitte produziert einen Großteil der Fernwärme für rund 500 000 Wohneinheiten in der Hansestadt, ist dort aber auch, weil Steinkohle verfeuert wird, eine der ganz großen CO2-Schleudern. Der rotgrüne Senat hat sich das Ziel gesetzt, den Treibhausgas-Ausstoß deutlich zu senken. Und so sieht das aktuelle Regierungsprogramm vor, dass bei der Fernwärme spätestens 2030 Schluss mit der Kohle ist, also auch in Tiefstack. Denkbar wäre etwa eine Umrüstung auf Erdgas oder eben eine Verfeuerung von Biomasse, wobei letztere grundsätzlich die weitaus bessere CO2-Bilanz hat.

Aber nun ausgerechnet Holzenergie aus Namibia? Die Idee ist 2019 bei einem Besuch einer Delegation aus dem afrikanischen Land in der Hansestadt entstanden, die von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) initiiert wurde. Die namibische Seite habe „die Notwendigkeit internationaler Abnehmer für die Buschbiomasse geäußert“, so die Hamburger Umweltbehörde. Mitte 2020 wurde dann ein „Memorandum of Understandig“ für die Prüfung einer „Transkontinentalen Biomassepartnerschaft Namibia-Hamburg“ unterzeichnet. Wissenschaftlich begleitet wird das Ganze von zwei Hochschulen aus Hamburg und Trier.

Ob das Projekt Sinn macht, wird seither fachlich untersucht und in Workshops mit „Stakeholdern“ besprochen, darunter Vertreter des Fernwärme-Unternehmens, von Umweltgruppen, von Betriebsrat und Gewerkschaft.

Dass Namibia überhaupt als Anbieter von Holz-Biomasse auftreten kann, liegt an einem dort, aber auch in den Nachbarländern im südlichen Afrika auftretenden Phänomen: der „Verbuschung“ von immer größeren Arealen. Fast die Hälfte Namibias – die Fläche von Deutschland und Österreich – ist nach Darstellung der GIZ inzwischen dicht mit „Büschen“, tatsächlich sind es eher kleinwüchsige Bäume, zugewuchert. Die Folgen: ein sinkender Grundwasserspiegel und ein zunehmender Platzmangel für die Landwirtschaft. „Es gibt zu wenig nutzbare Fläche, auf der zum Beispiel Gras wächst, und somit fehlt Platz für Nutztiere. Die Landwirtschaft ist bedroht“, heißt es bei der Organisation, die sich bereits seit 2014 im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums und der namibischen Regierung in dem Land mit diesem Problem befasst.

Die GIZ berät dort das namibische Umweltministerium und schult Landwirte, damit sie, so die Organisation, die Ausdünnung des Buschbestands mit Maschinen „effizienter und umweltverträglich“ durchführen können. Zudem lernten die Bauern, Holz zu vermarkten – etwa als Tierfutterbestandteil, Holzkohle, CO2-speichernde Pflanzenkohle oder Holzhackschnitzel zur Energiegewinnung. Auch die namibische NGO „Namibia Nature Foundation“ plädiert für die Eingriffe in den Busch. Sie seien eine „wichtige Maßnahme, um die biologische Vielfalt zu erhalten, sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen und die Ernährungssicherheit in einem Land zu gewährleisten, in dem der Großteil der Bevölkerung von natürlichen Ressourcen und der Landwirtschaft abhängig ist“.

Die GIZ betont, es gehe bei dem Projekt „Nutzung von Busch-Biomasse“ darum, „nachhaltige Lieferketten zu etablieren und Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, um sich Zugang zu weiteren Märkten zu schaffen“. Das Buschholz wächst so schnell und auf immer größeren Flächen nach, dass Namibias Regierung weitere Absatzkanäle sucht. Ein Export per Schiff nach Hamburg wäre für sie offenbar lukrativ.

Namibia

Aber kann ein Transport von Energieholz über 10 000 Kilometer überhaupt klimafreundlich sein? Die Hamburger Umweltbehörde sagt ja. Natürlich verfeuern die dafür nutzbaren Tanker mit 50 000 Tonnen Kapazität für Pellets viele Tonnen Schweröl auf dem langen Weg um Westafrika und Westeuropa herum bis in den Hamburger Hafen, doch umgerechnet auf den Heizwert des Holzes ist es wenig. Pro Megawattstunde (MWh) Pellets-Wärme im Heizkraftwerk Tiefstack entstehen nach der Berechnung der Hochschule Trier für die Hamburger Behörde rund 13 Kilogramm CO2. Wird dort Erdgas verbrannt, sind es 250 Kilogramm, also knapp 20 Mal so viel.

Bei einer anderen Kalkulation sieht es für das Namibia-Projekt sogar noch besser aus. Da ist der CO2-Wert sogar negativ. Das Argument: Langfristig werde auf den teilweise „entbuschten“ Flächen, im Boden, im nachwachsenden Holz und in der sonstigen Vegetation sogar mehr Kohlenstoff gespeichert, als bei Transport und Verbrennung frei werde.

Allerdings: Solche Berechnungen überzeugen Robin Wood und andere Gruppen nicht. Mitte Februar veröffentlichten 38 deutsche und internationale umwelt- und entwicklungspolitische Organisationen mit Wissenschaftler:innen einen offenen Brief an Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) mit der Aufforderung, bei dem GIZ-Projekt die „Reißleine“ zu ziehen. Deutsches Entwicklungsgeld dürften nicht dazu beitragen, „die Klima- und Biodiversitätskrise weiter zu befeuern“.

Sie sehen in dem von der GIZ als Gewinn für Umwelt, Klima und Arbeitsplätze so positiv beschriebenen Projekt die „industrielle Abholzung von Namibias größter Kohlenstoffsenke“, zudem müsse vor Ort „mit negativen Arbeitsmarkteffekten und einer Vertiefung sozialer Missstände“ gerechnet werden. Unterzeichner sind unter anderem die Deutsche Umwelthilfe, das Forum Umwelt und Entwicklung, der Hamburger Energietisch, aber unter anderem auch die namibische Umweltorganisation Earthlife Namibia.

Die Kritik hat inzwischen auch den Bundestag erreicht. Die FDP-Bundestagsfraktion attackiert das Projekt. Es sei „bizarr“, sagte deren entwicklungspolitische Sprecher, Christoph Hoffmann, und müsse gestoppt werden. Statt Pellets aus Namibia solle man lieber einheimisches Holz in die thermische Verwertung stecken, von dem es wegen der Dürreschäden in den Wäldern jede Menge gebe.

Rauchzeichen: Hamburg will Holz aus Namibia verheizen.

Das Müller-Ministerium hat die Kritik jetzt zurückgewiesen. In einer Antwort an Robin Wood heißt es, die in Namibia geplante Nutzung des Buschzuwachses werde „als klimaneutral erachtet“. Potenziellen Umweltrisiken werde gezielt begegnet. Außerdem seien „die Nutzung namibischer Busch-Biomasse in deutschen Kraftwerken oder die Exportförderung von Busch-Biomasse (…) keine Ziele des Vorhabens“. Die Waldschützer empört die Antwort: „Das verschleiert, was tatsächlich passiert.“

Die Hamburger Behörde betont auf Anfrage, das Namibia-Projekt werde völlig ergebnisoffen geprüft. Der Anstoß dazu sei ja nicht aus Hamburg, sondern von der namibischen Regierung gekommen, da der Eigenverbrauch der künftig anfallenden Holzmengen im Land „nicht annähernd die anfallende Menge aufnehmen kann“. „Deswegen prüfen wir die Anfrage aus Windhoek überhaupt“, sagte ihr Sprecher Björn Marzahn der FR.

Vorwürfe, man folge hier „neokolonialen Mustern“, weist er zurück. Und betont: Die Buschholz-Verbrennung werde „nur umgesetzt, wenn sich zweifelsfrei nachweisen lässt, dass dabei ökologische, soziale und wirtschaftliche Fakten im Einklang stehen“. Auch andere Möglichkeiten der Nutzung erneuerbarer Energien für Tiefstack würden geprüft, darunter auch Holz aus Deutschland. Eine Entscheidung soll bis Mitte des Jahres fallen.

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