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Die 174 Hektar große Zitrusplantage in der Halbwüste bei Murcia.
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Die 174 Hektar große Zitrusplantage in der Halbwüste bei Murcia.

Plantagenbesuch

Crowdfarming: Was passiert, wenn Deutsche Orangenbäume in Spanien adoptieren?

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Crowdfarming wird immer populärer - dabei können Menschen Bäume im Süden adoptieren. Ein Konzept, von dem beide Seiten profitieren.

Lorca - Der adoptierte Orangenbaum ist partout nicht zu finden. Fünfmal hat er sich durch das dichte sattgrüne Geäst zu einem anderen Stamm hindurchgekämpft. Jetzt gibt Francisco Sánchez Cánovas, genannt Paco, die Suche auf. Die Plakette mit der Endnummer 1547 besäße ohnehin lediglich symbolischen Wert. Die Orangen, die die fünfjährige Sophias zwei Wochen später 2000 Kilometer weiter nördlich im winterlichen Hessen in den Händen halten wird, sind nicht zwangsläufig von ihrem Baum. Wohl aber garantiert von der 174 Hektar großen Zitrusplantage Doña Ana, bei Lorca in der Region Murcia im Südosten Spaniens.

Dort hat Sophias Patenonkel in ihrem Namen die Nummer 1547 adoptiert. Dort ist der 27 Jahre alte Sánchez Chef und empfängt die Leute aus Deutschland, die Sophias Baum besuchen möchten.

Crowdfarming: Transport mit möglichst kleinem CO2-Abdruck

Crowdfarming nennt sich das Projekt, das die Fünfjährige zur Farmerin auf Zeit macht. Hinter dem Namen verbirgt sich eine Online-Plattform, die Direktvermarktung von Lebensmitteln organisiert. Vom Kontakt zwischen Produzierenden und Verbraucherinnen und Verbraucher bis hin zum Transport mit möglichst kleinem CO2-Fußabdruck. Bestellungen werden gesammelt und gehen gemeinsam auf die Reise.

Ins Leben gerufen haben Crowdfarming Landwirte aus Spanien, inzwischen bieten Kolleginnen und Kollegen aus sieben weiteren Ländern auf diesem Weg Mangos, Olivenöl, Gewürze, Schafskäse oder auch Bio-Pasta an. Einkaufen ohne Zwischenhandel, so die Idee, gibt Erzeugenden mehr Macht und erhöht ihren Unternehmergeist.

Lieferkette schrumpft

Crowdfarming ist eine Online-Plattform für Direktvermarktung mit Sitz in Spanien (www.crowdfarming.com). Möglich sind Adoptionen eines Baumes, Tiers, Bienenstocks oder Stück Landes, dann gibt es zu bestimmten Terminen Lieferungen. Kund:innen können über die Plattform aber auch einfach konventionell oder ökologisch hergestellte Produkte von Landwirtinnen und Landwirten aus acht Ländern ordern.

Zum Preis von knapp 60 Euro inklusive Logistikkosten kann man laut Plattform beispielsweise in Spanien einen Orangenbaum adoptieren und erhält dafür pro Saison zwei Kisten zu je 15 Kilogramm mit Bio-Orangen geliefert.

Saisonale Produkte gelangen so über möglichst umweltfreundliche Wege direkt zu den Verbraucher:innen. Weil der Zwischenhandel entfällt, schrumpft die Lieferkette auf ein Minimum. Auch die energieintensive Zwischenlagerung in Kühlhäusern entfällt. Die Farmen können dank des garantierten jährlichen Einkommens besser kalkulieren, Arbeitskräften feste Verträge anbieten und im Idealfall besser entlohnen.

Für Transparenz soll auch die Möglichkeit eines Besuchs auf der Plantage sorgen. Kund:innen lernen dann die Produktion und die Menschen kennen, die dahinter stehen. Nach der Erfahrung der Autorin funktioniert die Organisation einer Visite aber etwas holprig. (FR)

Von Patenschaftsmodellen wie diesen profitieren beide Seiten. „Grundsätzlich ist das ein tolles Modell“, sagt Katrin Wenz, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz BUND. Sie ermöglichten den Produzierenden ein auskömmliches Wirtschaften, weil sie die Preise selbst bestimmen. Und sie böten Verbraucherinnen und Verbrauchern, die im Winter nicht auf Zitrusfrüchte oder Avocados verzichten möchten, mehr Transparenz. Besser Avocados aus Portugal als etwa aus dem weit entfernten Mexiko, wo dafür Urwälder zerstört werden.

Zu achten sei auf klimafreundlichen Transport und faire Löhne für die Erntehelfer:innen, so Wenz. Wichtig sei auch, dass die Mengen den Bedarf nicht übersteigen, damit nichts weggeworfen wird. „Ökologisch erzeugte Orangen sind relativ kurz lagerbar, weil die Schale unbehandelt ist.“ Der Wasserverbrauch werde erst kritisch, wenn sich die Verantwortlichen veralteter Techniken bedienten und auf Masse setzen. „Die Monokulturen sind das Problem.“

Crowdfarming: Bäume werden mit Tröpfchenbewässerung versorgt

Die Plantage Doña Ana im heißen Lorca setzt auf ein ausgeklügeltes System der Tröpfchenbewässerung mittels Sonden. Das Wasser kommt aus einem Stausee, dem Fluss Tajo und einer Entsalzungsanlage in der Nähe. Paco Sánchez hebt einen Schlauch an, mit dem die Bäume gezielt und wohldosiert versorgt werden, wie der 23-Jährige erzählt, der beruflich in die Fußstapfen seines gleichnamigen Vater getreten ist. Im Moment teilen sich Senior und Junior die Aufgaben als Betriebsleiter. Für die Finanzen ist Maria Luisa Henriquez Santana zuständig.

Paco Sanchez Canovas zeigt die Tröpfchenbewässerung für die Obstbäume auf seiner Plantage.

Bei der Autofahrt durch die Plantage zeigt er dem Besuch zwei Insektenhotels, legt einen Stopp bei den Arbeitern ein, die die Zitronenbäume ausschneiden. Latinos, sagt er, seien die besten Arbeitskräfte, denen zahle er auch gerne etwas mehr. Überprüfen lässt sich das nicht. Die abgeschnittenen Blätter der Zitronenbäume dienen der großen Schafherde als Futter, die auf dem Hügel neben dem Zaun auf das saftige Festmahl wartet und dort farblich mit der kargen Landschaft verschmilzt.

Crowdfarming: „Sensibilität für die Herstellung landwirtschaftlicher Produkte wächst“

Die Finca ist seit 2017 in Umstellung auf biologische Landwirtschaft, sagt Paco Sánchez, der sich größte Mühe gibt, über die Sprachbarrieren hinweg den Besuchenden die Arbeit in der grünen Oase inmitten einer Halbwüste nahezubringen. Er demonstriert, wie die Früchte mit einer Spezialschere namens Tichera geerntet werden. „Alles per Hand.“ Zeigt, wie sich die beiden angebauten Sorten Valencia und Navell-Powell optisch voneinander unterscheiden. Vor vier Jahrzehnten gediehen hier Oliven oder Mandeln, sagt der 27-Jährige. Auch Salat und Gemüse wurde angebaut – mit entsprechend riesigem Wasserbedarf.

Nach eineinhalb Stunden endet die Tour durch die Plantage. Nicht allein die Gäste aus Deutschland haben viel gelernt. Auch Paco Sánchez sollte sich darauf einstellen, dass womöglich bald weitere Neugierige ihren Baum besuchen könnten. Das legt eine aktuelle Umfrage des BUND für den am Mittwoch in Berlin vorgestellten Pestizidatlas nah. „Die Sensibilität für die Herstellung landwirtschaftlicher Produkte wächst, unabhängig von Bildungsabschluss und Geschlecht“, sagt Agrarexpertin Wenz. (Jutta Rippegather)

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