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Rezession

Coronavirus-Pandemie: Wie Italiens Schuldenberg die EU gefährdet

  • vonStephan Kaufmann
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Unter der Coronavirus-Pandemie leidet nicht nur die italienische Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft des Landes. Italiens Schuldenberg wächst - und könnte die Währungsunion sprengen.

  • Die Coronavirus-Pandemie trifft die italienische Wirtschaft
  • Italiens Schuldenberg wächst
  • Eine Rezession Italiens hätte Folgen für ganz Europa

Die Corona-Krise hält Italien fest im Griff. 60 Millionen Italiener stehen quasi unter Quarantäne. Das trifft auch die Wirtschaft, die bereits vor dem Ausbruch des Virus Sars-CoV-2 schwächelte. Zur Bekämpfung der Krise hat die Regierung in Rom nun Milliardenhilfen zugesagt. Doch das bedeutet auch: Italiens Schuldenberg wird hoch höher. Und das kann die ganze Euro-Zone treffen.

Um die Menschen zu schützen und die Ausbreitung des Virus Sars CoV-2 zu verlangsamen, hat die Regierung in Rom weite Teile der Wirtschaft stillgelegt. Noch ist unklar, wie stark der daraus folgende Rückgang des Bruttoinlandsprodukts sein wird. Deutliche Verluste sind vor allem in den Bereichen Groß- und Einzelhandel, Gastgewerbe, Kunst und Unterhaltung sowie Tourismus abzusehen. Auch der Flugverkehr wird hart getroffen – laut einem Medienbericht droht der ohnehin angeschlagenen Alitalia in Kürze das Geld auszugehen, trotz eines 400-Millionen-Euro-Zuschusses des italienischen Staates am Anfang des Jahres. „Hinzu kommen die untersagten privaten und öffentlichen Veranstaltungen“, so die Commerzbank. „Zusammen stehen diese Bereiche für mehr als 17 Prozent der Bruttowertschöpfung Italiens.“

Coronavirus-Pandemie: Italiens Wirtschaft könnte einbrechen

Je entschiedener die Regierung die Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 bekämpft, umso größer wird der wirtschaftliche Verlust. Dieser könnte wesentlich höher sein als im Zuge der großen Finanzkrise ab 2008. Denn damals stieg die Arbeitslosenrate nur bis maximal 13 Prozent. Derzeit allerdings sind große Teile der italienischen Arbeitnehmerschaft im Zwangsurlaub. Laut Modellrechnung der Commerzbank könnte Italiens Wachstumsrate im ersten Halbjahr um mehr als fünf Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2019 einbrechen – dabei seien negative Auswirkungen auf andere Wirtschaftszweige wie Landwirtschaft und Industrie noch nicht berücksichtigt.

Für Italiens Regierung geht es daher darum, nicht nur den Anstieg der Infektionsrate abzuflachen, sondern auch den Einbruch der Wirtschaft. Dafür hat sie umfangreiche Garantien ausgesprochen und ein Krisenprogramm über 25 Milliarden Euro aufgelegt. Das bedeutet allerdings auch: Ihr Schuldenberg wird noch höher, gleichzeitig schrumpft die Wirtschaftskraft.

Italien: Mit einem Krisenprogramm gegen die Folgen des Coronavirus

Bereits jetzt betragen die öffentlichen Schulden des Landes 140 Prozent der Wirtschaftsleistung, das ist in der Euro-Zone der zweithöchste Wert nach Griechenland. Auf Grund des schwachen Wirtschaftswachstums und der niedrigen Inflationsrate war Italien in den vergangenen Jahren nicht in der Lage, diese Schuldenquote zu senken, trotz niedriger Zinsen. „Italien hat keinen fiskalischen Spielraum, um die Nachfrage oder das Angebot zu stimulieren“, stellte bereits Ende 2019 die französische Bank Natixis fest.

Auf Grund seiner prekären Lage ist das Land massiv abhängig von der Einschätzung der Finanzmärkte: Jedes Jahr muss es Schulden im Wert von 20 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verlängern und dafür Geldgeber finden.

Corona-Krise: Aufregung an den Märkten

Solange die Zinsen niedrig sind, ist die Finanzierung der Schulden kein Problem. Dafür, dass sie niedrig sind, hat die Europäische Zentralbank (EZB) gesorgt: Als die Rendite zehnjähriger Anleihen Italiens 2012 über sieben Prozent geklettert waren und sich damit eine neue Runde in der Euro-Schuldenkrise anbahnte, kündigte EZB-Chef Mario Draghi an, zu tun „was immer nötig ist“, um den Zusammenhalt der Euro-Zone zu sichern. Die Anleger verstanden die Botschaft, die Rendite sank bis auf ein Prozent.

Die EZB sorgt also mit ihren Anleihekäufen und mit ihrer impliziten Garantie für eine gesicherte Refinanzierung italienischer Schulden. Umso größer war daher die Aufregung an den Finanzmärkten, als vergangene Woche die neue EZB-Chefin Christine Lagarde gezielte Ankäufe von Staatsanleihen einzelner Länder im gegenwärtigen Umfeld ablehnte. „Wir sind nicht hier, um Renditeabstände zu schließen“, sagte sie. Das führte kurzfristig dazu, dass die Renditen italienischer Papiere in die Höhe schossen. Lagarde ruderte daraufhin eilig zurück. Und zu Beginn dieser Woche unterstrich EZB-Direktor Fabio Panetta nochmals, die Zentralbank stehe bereit, „ungerechtfertigte“ Renditeabstände zwischen Staatsanleihen mittels Anleihekäufen zu verhindern.

Coronavirus-Pandemie: Italiens Schuldenkrise könnte die Währungsunion sprengen

Diese Versicherung ist nötig – nicht nur für Italien, auch für die ganze Euro-Zone. Denn eine Schuldenkrise des Landes hätte auf Grund ihres Ausmaßes das Potenzial, die Währungsunion zu sprengen. Da die Regierung zur Finanzierung ihrer Altschulden sich jedes Jahr 400 Milliarden Euro leihen muss, müssen sich italienische Banken immer größere Summen aufladen.

Laut Berechnungen der Finanzagentur Bloomberg haben Europas Banken Kredite über 446 Milliarden Euro an öffentliche und private Stellen in Italien verliehen. Besonders engagiert sind französische Häuser: BNP Paribas hält 150 Milliarden Euro, Credit Agricole knapp 100 Milliarden. Aber auch die Deutsche Bank hat fast 30 Milliarden italienische Schulden. Eine Krise der öffentlichen Finanzen Italiens griffe also auch auf das europäische Bankensystem über. Eine solche Krise zu verhindern ist also nicht allein die Aufgabe der Italiener, sondern der ganzen Euro-Zone.

Von Stephan Kaufmann

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