Pandemie

Coronavirus auf Nerzfarmen in Dänemark: Wahre „Virus-Fabriken“ 

  • vonThomas Borchert
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Das Coronavirus bringt in Dänemark die als grausam verschriene Pelztierzucht ins Wanken. Ein Experte spricht bei den Nerzfarmen von wahren „Virus-Fabriken“.

  • In Dänemark breitet sich das Coronavirus in den Nerzfarmen immer schneller aus.
  • Mehr als vier Millionen Tiere mussten bereits gekeult werden.
  • Experten sprechen sich für ein komplettes Verbot der Zucht aus.

Weil sich das Coronavirus immer schneller auf Dänemarks Nerzfarmen ausbreitet und dabei auch Menschen gefährdet, steht der weltweit größte Anbieter von Pelzen der kleinen Raubtiere möglicherweise vor dem endgültigen Aus. Als in dieser Woche bekanntwurde, dass mehr als vier Millionen Tiere auf bisher 89 Farmen mit Covid-19-Infektionen sofort getötet werden müssen, beklagten Branchensprecher, dass dann schon nicht mehr genügend Zuchttiere für das Auffüllen der Bestände vorhanden seien.

Tierschützer in aller Welt verlangen seit langem ein komplettes Verbot dieser Massenzucht in engen Käfigen. Dabei hilft nun Corona. „Menschen stecken Nerze an und dann wieder umgekehrt“, erklärt der zuständige Spezialist Anders Fomsgaard dem Internetmagazin Nordtinget.dk und fasst die vielen noch ungeklärten Fragen vor allem über schon mutierte Viren in dem Satz zusammen: „Mir erscheint das Risiko sehr hoch, dass wir es hier mit einer Art Virusfabrik zu tun haben.“

Nerzzucht ist in den Niederlanden bereits komplett verboten

Die Entscheidung, dass nun auch die Tiere auf virenfreien Farmen in einem Umkreis von bis zu acht Kilometern getötet werden müssen, kommt reichlich spät. Während beim europäischen Hauptkonkurrenten Niederlande wegen der Corona-Ausbreitung kurz nach der Schließung von 17 Farmen auch gleich das endgültige Verbot dieser Pelztierzucht beschlossen wurde, ging die Regierung in Kopenhagen im selben Monat Juni den umgekehrten Weg. Die Bestimmung zur Tötung von Beständen infizierter Farmen wurde wieder aufgehoben.

Dänische Veterinäre rücken an, um Nerze zu keulen.

„Nerze sind die Existenzgrundlage vieler Menschen und bei uns eine relativ große Industrie. Diese Sache hat viele Facetten“, zitierte Nordtinget.dk einen Sprecher der Gesundheitsbehörden. Erstaunliche Worte aus Kopenhagen, wo die Regierung keine Gelegenheit auslässt, sich für die Erfolge ihres meist schnellen, harten Eingreifens gegen Corona-Gefahren zu loben.

Mutierte Erreger auf den Farmen

Vor allem chinesische Zahlungsbereitschaft für hochklassige Pelze hat dem kleinen Dänemark 2019 umgerechnet 1,7 Milliarden Euro Exporterlöse mit 40 Millionen verkauften Nerzfellen eingebracht. Dass immer mehr Staaten wie Belgien, Großbritannien, Norwegen, Frankreich und Österreich diese Zucht neben der anderer Tiere ausschließlich der Pelze wegen verboten haben, hat in Kopenhagen offenbar wenig Eindruck gemacht. In Deutschland haben vor drei Jahren ohne Verbot die letzten Nerzfarmen dichtgemacht. Weil auch in Polen, dem zweiten europäischen Hauptkonkurrenten nach den Niederlanden, demnächst ganz Schluss sein wird, hat sich die dänische Branche mit 1100 Farmen wohl Hoffnung auf steigende Absatzzahlen gemacht – nachdem zuletzt Verkäufe wie auch Stückpreise kräftig gefallen waren und viele der dänischen Züchter schon vor Corona in akuten Schwierigkeiten steckten.

Die allein regierenden Sozialdemokraten wehren sich mit Händen und Füßen gegen das vom linken Parlamentsflügel geforderte Zuchtverbot. Parteisprecher Bjarne Laustsen meint: „Unsere Produktion wird vom Verbraucher bestimmt. Wir produzieren eben die Waren, die Kunden kaufen wollen.“

Nicht nur ethisch eine seltsame Logik, findet Peder Hvelplund von der Einheitsliste, die für ein komplettes Verbot eintritt: „Diese Branche ist für unsere Gesellschaft seit Jahren sowieso ein enormes Verlustgeschäft.“ Gigantisch könnten diese Verluste werden, nachdem das für Hvelplund „vollkommen verantwortungslos“ lockere Management die Ausbreitung des Coronavirus in immer mehr Nerzfarmen ermöglicht habe. Der Mann von der dänischen Einheitsliste beruft sich auf eine Warnung des staatlichen Chef-Epidemiologen Kåre Mølbak vor den mutierten Viren aus den Farmen: „Die könnten von uns gerade entwickelte Impfstoffe unwirksam machen.“

Rubriklistenbild: © AFP

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