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Noch ist nicht ganz klar, wie der Zusammenhalt der Eurozone am besten gesichert werden kann.

Interview

Wirtschaftsweiser über Folgen der Corona-Krise: „Wir können uns Schulden leisten“

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Der Wirtschaftsweise Achim Truger über die ökonomischen Folgen der Corona-Krise, den Streit über Gemeinschaftsanleihen und die Gefahr für das Projekt Euro.

  • Zahlreiche Betriebe in Deutschland stehen wegen der Corona-Krise still. 
  • Experten warnen vor einem drastischen Einbruch der Wirtschaftsleistung. 
  • Der Wirtschaftsweise Achim Truger rät zur Ruhe. 

Um die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 zu verlangsamen, stehen in Deutschland seit Wochen viele Unternehmen still. Ökonomen warnen vor einem drastischen Einbruch der Wirtschaftsleistung und fordern daher ein baldiges Ende des Shutdown. Der Wirtschaftsweise Achim Truger rät zur Ruhe. Wichtiger als das Entwerfen immer neuer Horrorszenarien sei es, eine Strategie für den Zusammenhalt der Eurozone zu entwickeln.

Wirtschaft zu Corona-Zeiten: Wie viel findet nicht statt? 

Herr Truger, alle sprechen davon, dass der Shutdown die deutsche Wirtschaft extrem hart trifft und dass Deutschland daher schnell zur Normalität zurückkehren muss. Wie viel der Wirtschaftsleistung findet derzeit eigentlich nicht statt? Lässt sich das beziffern?

Nein, das kann man nur schwer schätzen. Was wir wissen: Die Unternehmen, die überwiegend auf Grund behördlicher Vorgaben geschlossen sind, machen etwa sieben Prozent der Wertschöpfung aus.

Der Wirtschaftsweise Achim Truger über die ökonomischen Folgen der Corona-Krise.

Sieben Prozent – das klingt nicht katastrophal …

Dazu kommen aber noch Bereiche, die nicht produzieren, weil ihre Zulieferer ausgefallen sind, insbesondere in Norditalien. Andere Betriebe arbeiten nicht, weil das Arbeitsangebot eingeschränkt ist, zum Beispiel weil Menschen krank oder in Quarantäne sind oder weil sie wegen der Kinderbetreuung zu Hause bleiben. An anderen Stellen wiederum steht die Produktion still, weil die Nachfrage anderer Betriebe fehlt. Wie viele das jeweils sind, dazu gibt es keine harten Daten. Aber es zeigt: Einfach wieder hochfahren können wir die Produktion in Deutschland gar nicht, weil wir abhängig sind von ausländischen Zulieferern und Abnehmern.

Starker Einbruch durch Corona-Krise

Laut Negativszenario des Sachverständigenrates könnte durch die Pandemie die deutsche Wirtschaftsleistung um bis zu 5,4 Prozent schrumpfen. Einige Ökonomen sagen einen deutlich stärkeren Einbruch voraus.

Es gibt Ökonomen, die in Risikoszenarien eine viel härtere Krise ausrechnen. Das kann man natürlich machen. Aber die Unsicherheit der Prognosen ist im Moment schon sehr hoch. Zuweilen kann man den Eindruck gewinnen, durch manche Horrorszenarien werde politisch Druck aufgebaut, um ein möglichst schnelles Ende des Shutdown zu erreichen.

Angenommen, die deutsche Wirtschaftsleistung sinkt 2020 tatsächlich um fünf Prozent – warum wäre das so eine Katastrophe? Schließlich wäre das Bruttoinlandsprodukt dann immerhin so hoch wie 2017, was als gutes Jahr gilt.

Zum einen gibt es ja meist ein Wachstum der Arbeitsproduktivität. Steigt die Wirtschaftsleistung nicht, droht daher Arbeitslosigkeit, da der gleiche Ausstoß mit weniger Arbeit erreicht werden kann. Zum anderen besteht bei einem schockartigen Einbruch die Gefahr, dass Unternehmen pleitegehen und sich eine selbst verstärkende Spirale nach unten entwickelt.

Wachstum nach Corona-Krise im Jahr 2021? 

Ist es bei den aktuellen Wachstumsprognosen überhaupt angemessen, nur das Jahr 2020 zu betrachten? Denn für 2021 wird ja aufgrund des Einbruchs im Vorjahr mit einem sehr starken Wachstum gerechnet.

Tatsächlich muss beides zusammengedacht werden. So sagen einige der extrem pessimistischen Prognosen für dieses Jahr für das kommende Jahr dann ein Wachstum von elf Prozent vorher. Die Hoffnung ist ja: Die Regierung tut viel, sie vergibt Kredite und Garantien und finanziert Kurzarbeit, so dass Unternehmen nicht untergehen und Arbeitsplätze nicht gestrichen werden. Sie stehen damit für den kommenden Aufschwung zur Verfügung. So war es auch in der großen Finanzkrise 2009.

Kann man denn davon ausgehen, dass der Aufschwung desto stärker wird, je tiefer der Einbruch war?

Wenn es gelingt, die Krise zu überbrücken und Unternehmen und Jobs zu sichern, dann gilt dieser Effekt. Je tiefer der Absturz, desto größer ist allerdings auch das Risiko sich selbst verstärkender Effekte nach unten und einer schleppenden Erholung.

Corona: Abwägung zwischen Schutz und Wirtschaft 

Häufig wird gesagt, der Shutdown sei nötig, um die Menschen vor dem Virus zu schützen – es gäbe also eine Abwägung zwischen dem Schutz der Menschen und dem Wohl der Wirtschaft. Gleichzeitig wird gesagt, ein vorzeitig beendeter Shutdown berge die Gefahr einer Ausbreitung der Pandemie, worunter auch die Wirtschaft leiden würde. Findet der Shutdown nun auf Kosten der Wirtschaft statt oder um sie zu schützen?

Hier gibt es keine Abwägung zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Der Widerspruch besteht nicht. Die Wirtschaft kann nur gedeihen, wenn das Gesundheitswesen nicht überfordert ist, die Menschen gesund sind und nicht aus Angst zu Hause bleiben.

Im Moment kompensiert die öffentliche Hand die Nachfrageausfälle des Privatsektors. Dafür nimmt sie viele neue Schulden auf. Wird das zum Problem, gerade in hochverschuldeten Ländern wie Italien? Braucht es irgendwann einen Schuldenschnitt?

Vorerst ist die Neuverschuldung kein Problem, denn die Zinsen sind sehr niedrig. Und das gewährleistet derzeit die Europäische Zentralbank (EZB), indem sie Anleihen am Finanzmarkt kauft.

Direkte Kredite an Staaten möglich? 

Mit ihren Anleihekäufen unterstützt die EZB die Kreditaufnahme der Regierungen. Die Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht forderte schon in der großen Finanzkrise ab 2009, die EZB solle direkt Kredite an Staaten vergeben anstatt nur an Banken. Das war damals ein kühner Vorschlag. Heute dagegen tun die Zentralbanken Großbritanniens und der USA genau das. Die US-Zentralbank verleiht sogar Geld direkt an Unternehmen. Was ist dagegen zu sagen?

In der Eurozone gibt es eine strikte Trennung zwischen Geldpolitik und Finanzpolitik. An die versucht man sich zu halten. Allerdings ist diese strikte Trennung ohnehin immer schwierig, weil eine Zentralbank grundsätzlich der lender of last resort ist, also der letzte Kreditgeber. In der Europäischen Währungsunion tat sie sich zwar schwer, diese Funktion zu erfüllen. Seit der Eurokrise jedoch hat sich die EZB dazu entschlossen, als lender of last resort zu fungieren und darüber den Euro zu retten. Hätte sie dies nicht getan, wäre der Euro heute Geschichte. Im Euroraum bleibt die EZB-Politik aber politisch umstritten, weil gerade die Länder im Norden eine Vergemeinschaftung von Kreditrisiken ablehnen.

Und ist ökonomisch – nicht politisch – etwas dagegen zu sagen, wenn die Zentralbank staatliche Anleihen kauft?

Auf Dauer kann die Zentralbank nicht den Staat finanzieren, das könnte Inflationsgefahren heraufbeschwören und wäre auch nicht demokratisch legitimiert. Aber als Maßnahme in einem Katastrophenszenario spricht nichts dagegen. Inflation ist dann unsere geringste Sorge.

Wie könnte die EZB mit der Corona-Krise umgehen? 

Könnte die EZB nicht einfach die staatlichen Schulden aufkaufen und stilllegen, um einen Anstieg der Schuldenlast zu verhindern?

Wir müssen erst mal abwarten, wie tief die Krise wird und wie hoch die Schulden steigen. Ich halte nichts davon, jetzt schon Horrorszenarien an die Wand zu malen. Das erzeugt nur Angst und Unsicherheit und bremst die Politik dabei, das Nötige zu tun, um die Wirtschaft zu retten. Sollte es aber doch zu einer sehr großen zusätzlichen Schuldenlast kommen, dann wäre immer noch die Frage, ob dies überhaupt wirtschaftlich bedrohlich ist. Denn bei niedrigen Zinsen können sich Staaten höhere Schulden leisten, solange es Wachstum gibt.

Und wenn das Wachstum nicht reicht?

Dann könnte die Eurozone auch gemeinsame Anleihen auflegen, die EZB könnte diese Anleihen kaufen – und es wäre auch denkbar, dass die EZB diese Schulden stilllegt oder in ewig laufende Anleihen umwandelt. Ich weiß nicht, ob das notwendig sein wird. Aber man sollte sich dem Problem, wenn es auftritt, pragmatisch stellen. Zentralbanken und Finanzpolitik sollen nicht heiligen Prinzipien folgen, sondern müssen problemgerecht handeln. Außergewöhnliche Probleme rechtfertigen im Zweifel außergewöhnliche Maßnahmen.

Corona-Krise: Verbesserung der Schuldentragfähigkeit  

Es gäbe eine andere Variante der Krisenbewältigung: Wie nach der Eurokrise könnten die Staaten versuchen, über eine neue Runde Spar- und Austeritätspolitik ihre Schuldentragfähigkeit zu verbessern …

Dadurch würde die Krise vertieft und verlängert. Das macht mir tatsächlich Sorgen. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Auf Druck der Euroländer im Norden wird die Auflage gemeinsamer Euroanleihen abgelehnt. Gleichzeitig bleiben die Schuldenregeln in Kraft, also die Vorgabe, dass ein Land seine Gesamtschulden auf unter 60 Prozent der Wirtschaftsleistung drücken muss. Damit wäre ein Land wie Italien, dessen Schulden jetzt schon über 130 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen, zum drastischen Sparen verdammt, obwohl seine Schulden bei niedrigen Zinsen eigentlich tragfähig sind.

Viele Ökonomen sagen aber, Italien komme um mehr Sparsamkeit ohnehin nicht herum.

Italien spart seit langem, seit Mitte der Neunzigerjahre erzielt das Land Primärüberschüsse im Haushalt. Seiner Wirtschaft hat dies schwer geschadet. Gegen einen weiteren und absehbar dauerhaften Sparzwang würde sich die Regierung in Rom wohl wehren. Der daraus folgende Streit innerhalb der Eurozone würde voraussichtlich die Finanzmärkte beunruhigen, das heizt die Spekulation an, die Zinsen für Italien steigen, was die Schuldentragfähigkeit mindert. Eine neue Krise wäre dann weniger das Werk der Finanzmärkte, sondern wie in der Eurokrise das Werk des Umgangs mit den europäischen Schuldenregeln.

Wie mit den Corona-Regeln umgehen? 

Sie plädieren also dafür, diese Regeln zu streichen oder abzumildern?

Entweder man lässt mehr Spielraum. Oder man lässt das Problem gar nicht erst aufkommen, indem man gemeinsame Anleihen auflegt. Das Problem ist doch: Wir führen in Europa derzeit wieder Debatten und erzielen keine Einigkeit, weil der lange Schatten der Eurokrise über allem liegt. Hinter allen Überlegungen, wie gegen die aktuelle Krise anzugehen wäre, steht für Europas Süden die Befürchtung, nach der Krise heftig sparen zu müssen, was ökonomisch, sozial und politisch kaum durchzuhalten wäre.

Eine dritte Möglichkeit wäre: Die Schuldenregeln bleiben bestehen, es gibt keine Eurobonds, dafür aber kauft die EZB weiter Anleihen, hält die Zinsen niedrig und die Schuldentragfähigkeit aufrecht.

Achim Truger (50) lehrt Sozioökonomie mit Schwerpunkt Staatsfinanzen an der Universität Duisburg-Essen. Davor arbeitete er als Experte für Steuer- und Finanzpolitik für das Institut WSI und danach an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. 2019 wurde er zum Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“). kau

Das ist, was wir seit 2012 sehen: Die EZB rettet das Spiel immer in die nächste Runde. Damit wird das Problem aber nur verschoben, nie gelöst. Es bleibt die dauerhafte Forderung an Länder wie Italien bestehen, ihren Haushalt zu konsolidieren, was diese Länder aber nicht können, denn dazu brauchen sie nicht Sparsamkeit, sondern Wachstum. Dieses Spiel kann man nicht ewig spielen. Bleibt Europa auf diesem Weg, werden das der Euro und vielleicht auch die EU nicht überleben. Regierungen wie die deutsche müssen sich entscheiden. Entweder nehmen sie Druck von der Euro-Peripherie und starten eine europäische Investitionsoffensive. Oder sie bleiben hart. Dann aber sollten sie sich überlegen, ob sie das Projekt Euro nicht lieber aufgeben und zur nationalen Währung zurückkehren – mit den katastrophalen Folgen, die das für die deutsche Wirtschaft mit sich brächte.

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