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„Alles hängt zusammen“, sagt Nicolas Hulot zu den diversen Krisen.

Frankreich

„Warten wir nicht auf weitere Krisen!“

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Der französische Umweltschützer und Ex-Minister Nicolas Hulot über die Corona-Pandemie und die Zukunft des Planeten.

Nicolas Hulot ist der bekannteste Umweltschützer Frankreichs. Der ehemalige TV-Produzent der Natursendung Ushuaia, der für die Franzosen eine Art „grünes Gewissen“ verkörpert, wurde 2017 Umweltminister Emmanuel Macrons, nachdem er entsprechende Angebote mehrerer Staatspräsidenten von Jacques Chirac bis François Hollande abgelehnt hatte. 2018 trat er von seinem Posten zurück, weil er mit seinen Vorstellungen für eine Energiewende und einen ökologischen Umbau der Gesellschaft nicht durchgedrungen war.

Herr Hulot, brauchte es ein Virus, um das weltweite Bewusstsein für die Umweltprobleme des Planeten zu vermitteln?

Ich hätte es angesichts des menschlichen und ökonomischen Leides durch die Coronakrise natürlich vorgezogen, dass es ohne geht. Wir zahlen dafür einen hohen Preis. Ich kann nur sagen: Warten wir nicht auf weitere Krisen! Nach der humanitären Nothilfe müssen die Staaten, allen voran die EU, ein Inventar erstellen, um die Frage zu beantworten: Was wollen wir bewahren, was aufgeben oder ändern? Unsere Gesellschaft ist geschwächt, sie befindet sich in einem kritischen Moment. Fehlentwicklungen führen zu einem Bumerang-Effekt, fallen also auf uns zurück. Das zeigt sich gerade auch in der aktuellen Krise.

Man hört Stimmen, dass die massiven Beschränkungen wegen des Coronavirus übertrieben seien im Vergleich zu den hunderttausenden von Toten, die der Klimawandel verursache.

Ich sehe das anders: Wir unternehmen nicht zu viel in der Coronakrise, sondern zu wenig gegen die anderen Krisen! Wir tun zu wenig für die Todesopfer aufgrund der Umweltverschmutzung, zu wenig für die Klimavertriebenen. Auf sie achten wir schon gar nicht mehr. Dabei zeigt die aktuelle Krise, dass wir resolut agieren können. Aber wir dürfen nicht länger glauben, dass wir am Schluss doch noch verschont oder gerettet werden.

Sehen Sie einen direkten Bezug zwischen Virus und Umweltschäden?

Die Wissenschaftler meiner Stiftung (Fondation pour la Nature et l’Homme, die Red.) gehen von der Hypothese aus, dass das Virus plötzlich den Träger gewechselt hat und pathogen geworden ist, nachdem es sich seit Urzeiten in seinem angestammten Ökosystem bewegt hatte. Viren wie Covid-19, Sars oder Ebola sind nicht das einzige Indiz. Ein anderes ist das Aufkommen der Tigermücke, die das Denguefieber überträgt, bis in unsere Breitengrade. Die Temperaturzonen verlagern sich und bringen diese Krankheiten in den Norden. Klimawandel und Zerstörung der Ökosysteme – alles hängt zusammen.

Werden wir auch nach dem Lockdown auf gewisse Freiheiten verzichten müssen?

Diese Einschränkungen wurden wider Erwarten breitflächig akzeptiert – ganz einfach, weil die Leute ihren Sinn eingesehen haben. Auf diesem Weg müssen wir weitergehen. Nicht, indem wir die Freiheit einschränken, sondern, indem wir aufhören, unsere Zukunft zu beeinträchtigen. Wir müssen unsere Produktions- und Konsummethoden überdenken, die CO2-Wirtschaft abbauen, toxisches Verhalten ändern – das darf uns nicht länger Angst machen.

Ist Entschleunigung angesagt?

Im Bereich der humanitären Hilfe müssen wir jetzt sehr schnell handeln. Aber danach müssen wir das überstürzte Tempo unserer Welt verlangsamen.

FR-Serie

Corona killt den Klimaschutz? Kohleausstieg verschieben, CO2-Bepreisung überprüfen, Emissionsziele für Autos verschieben – aus Wirtschaft und Politik mehren sich solche Forderungen. Bereits geltende und geplante Klimaschutz-Gesetze und -Fördermaßnahmen sollen zugunsten einer Ankurbelung der Wirtschaft vorübergehend ausgesetzt oder ganz zurückgenommen werden. Tatsächlich muss der Neustart der Wirtschaft aber genutzt werden, um Klima- und Umweltschutz den überfälligen Push zu geben. Wie, das beleuchtet die FR in einer Interview-Serie mit prominenten Experten.

Sollen wir weniger fliegen?

Es geht nicht darum, solche Gewohnheiten auf einen Schlag zu stoppen, sondern, vernünftig zu fliegen, indem man eine CO2-Kompensation in den Ticketpreis einbaut. Wenn der Flug einer Person zehn Tonnen kostet, hat sie zwanzig Tonnen in die Wiederherstellung eines Ökosystems zu stecken.

Vor Ihrer Ministerzeit waren Sie ein Fernsehstar dank der Umweltsendung „Ushuaia“, die aus den entferntesten Winkeln der Erde berichtete. Was sagen Sie den Globetrottern heute: Sollen sie Weltwunder wie den Machu Picchu nicht mehr bereisen?

Wenn mein Bewusstsein für die Grenzen des Planeten vor 20 oder 30 Jahren gleich gewesen wäre, hätte ich hoffentlich die Konsequenzen gezogen. Heute fällt mir der Verzicht leichter. Ich reduziere meine Reisen massiv. Es ist mir ein Vergnügen, in der Nähe zu reisen. Das Gefühl eines Umgebungswechsels ist auch so möglich, dafür sind Flugreisen nicht immer nötig.

Müssen wir auch auf den Freihandel verzichten?

Es geht nicht darum, die Grenzen zu schließen. Aber wir müssen mit denen Handel treiben, die ähnliche ökologische und soziale Vorgaben haben. Machen wir ein Inventar, bewahren wir, was uns schützt, und ändern wir, was uns gefährdet. Verkaufen wir nicht Herbizide ins Ausland, wenn wir es bei uns verboten haben. Kurz: Gehen wir vom freien zum gerechten Handel über. Auch kann China nicht ewig für Europa produzieren. Gewisse Produktketten müssen wir auf unseren Kontinent zurückbringen.

Wie lässt sich der – nicht nur ökonomische – Multilateralismus angesichts der nationalen und bilateralen Trends retten?

Unsere Institutionen sind nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen eine Institution für die Güter, die allen gehören. Es geht nicht, dass der brasilianische Präsident Bolsonaro den Amazonaswald in Stücke haut. Der Uno-Sicherheitsrat sollte sich des Problems annehmen. Wir müssen den Tatbestand des „Ökozids“ schaffen.

Besteht nicht die Gefahr, dass wir nach der Krise in die alte Welt zurückfallen?

Ich denke, dass die Welt von morgen radikal anders sein wird als die heutige. Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, immer mehr Krisen zu haben. Dafür muss aber die Politik wieder wichtiger werden als die Finanzwelt. Wir müssen die Steuerflucht und die Spekulation bekämpfen und dürfen nicht mehr zögern, die Schulden zu erhöhen. Die EU muss während sieben Jahren mindestens zwei Prozent der Wirtschaftsleistung für die Hilfe der Ärmsten einsetzen, für die Bildung, die Entwicklung neuer industrieller Strategien, für die Energiewende.

In Frankreich gehen die ersten Milliardenhilfen allerdings an CO2-Sünder wie den Autohersteller Renault und die Fluggesellschaft Air France …

Wenn wir diese Firmen jetzt nicht retten, gehen Millionen Jobs verloren. Danach müssen wir aber Gegenleistungen verlangen. Es ist die Rolle des Staates, regulierend einzugreifen: Wir brauchen weniger thermische Automotoren, weniger Inlandsflüge auf Strecken, die auch die Eisenbahn übernehmen kann.

Hat die Reaktion der Bürger in der Covid-Krise nicht gezeigt, dass man nicht mehr alles vom Staat erwarten sollte?

Idealerweise kombiniert sich politischer Wagemut mit dem Bürgerwillen. Das setzt ein gewisses Vertrauen in die Politik voraus. Gerade in Frankreich fehlt das, und das ist gefährlich. Aber die Bürger sind auch nicht frei von Widersprüchen. Als ich Umwelt- und Energieminister war, erhielt ich ebenso viele Petitionen gegen Windräder wie gegen Atomkraft.

Warum sind Sie als Umweltminister von Präsident Macron 2018 zurückgetreten?

Die Ökologie ist eine Frage der Zivilisation. Es genügt nicht, sie einem Umweltminister zu übertragen. Schon gar nicht, wenn daneben ein Agrarminister konträre Aufgaben wahrnimmt. Ich bin zurückgetreten, als ich die Gewissheit hatte, dass ich weder die politischen noch die finanziellen Mittel haben würde, um die Energiewende wirklich irreversibel zu gestalten. Ich merkte, dass die Politik entmachtet worden ist durch die Finanzwelt. Die EU könnte das ändern, wenn sie zum Beispiel gemeinsame Steuern schaffen oder gemeinsam gegen die Steueroptimierung und Steuerparadiese vorgehen würde.

Interview: Stefan Brändle

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