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Kinder verfolgen in Äthiopien am Radio ein Unterrichtsprogramm, das die Regierung des ostafrikanischen Landes wegen der Schulschließungen im Corona-Lockdown ausstrahlt.
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Kinder verfolgen in Äthiopien am Radio ein Unterrichtsprogramm, das die Regierung des ostafrikanischen Landes wegen der Schulschließungen im Corona-Lockdown ausstrahlt.

Debatte

Forum Entwicklung: Turbo für die Bildungskrise

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Fachleute diskutieren über die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche und die Chancen digitaler Unterrichtsmethoden.

Corona killt – auch Bildungschancen. Das wird immer klarer, je länger die Pandemie weltweit andauert. „Experten sagen schon: Dadurch entsteht eine Corona-Generation“, so der Journalist und Unicef-Deutschland-Vorstand Peter-Matthias Gaede. Das bedeutet zum Beispiel: Kinder und Jugendliche, die heute wegen Corona in vielen Ländern nicht oder nur eingeschränkt zur Schule gehen können und die (Aus-)Bildung vielleicht sogar ganz abbrechen, werden als Erwachsene schlechtere Jobs bekommen, also auch schlechtere Löhne.

Doch die Pandemie hat, gerade in armen Ländern, noch andere dramatische Folgen. Viele Kinder müssen arbeiten gehen, um ihre durch die Pandemiefolgen in Not geratenen Familien zu unterstützen, und Mädchen werden oft früher verheiratet – viele Eltern sehen das als einzige Perspektive, ihre Töchter versorgen zu können. Alles fatal, meint Gaede. Bildung sei schließlich der wichtigste Hebel, um die Lebensbedingungen zu verbessern.

Aufrüttelnde Zahlen zur Corona-Bildungskrise in den ärmeren Ländern

Peter-Matthias Gaede, Journalist und Vorstandsmitglied von Unicef Deutschland: „Es müssen Schulen gebaut werden.“

Der Unicef-Mann lieferte jetzt beim „Forum Entwicklung“, das von FR, dem Radiosender hr-info und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstaltet wird, aufrüttelnde Zahlen zur Corona-Bildungskrise in den ärmeren Ländern. So sind für mehr als 168 Millionen Kinder Schulen wegen der Lockdowns seit fast einem Jahr komplett geschlossen. In rund 40 Ländern gibt es Kürzungen in den Bildungsetats. Und: Schulen fallen als „Schutzräume“ gegen Gewalterfahrungen aus, Schulmahlzeiten können nicht verteilt werden, psychosoziale Unterstützung durch Lehrerinnen und Lehrer fehlt.

Allerdings verwies Gaede, der Chefredakteur der Zeitschrift „Geo“ und in den 1980er Jahren Lokalreporter bei der FR war, auch darauf: Schon vor der Pandemie hatten weltweit rund 258 Millionen Kinder und Jugendliche keinen Zugang zu Bildung. Corona wirkt hier also als Turbo für die Krise.

Annette Scheunpflug, Pädagogik-Professorin an der Universität Bamberg: „Viele Lehrkräfte wandern ab.“

Corona-Bildungskrise: Mangel an Pädagog:innen verschärft sich weiter

Und die Lage spitzt sich zu, da eine Rückkehr zur Normalität in den ärmeren Ländern noch länger als in den reichen dauern wird, etwa mangels Impfmöglichkeiten. Die Pädagogik-Professorin Annette Scheunpflug aus Bamberg, ebenfalls Teilnehmerin der Diskussion zum Thema „Bildung – Lernen aus der Pandemie“, sagte sogar: „Der Aufschwung in den Bildungssystemen der Entwicklungsländer, der etwa seit 2000 festzustellen ist, wird jetzt massiv in Frage gestellt.“ Besonders problematisch: Der dort ohnehin grassierende Mangel an Pädagog:innen – schon vor der Pandemie fehlten nach UN-Zahlen weltweit 69 Millionen – verschärfe sich nun weiter.

Viele Lehrer:innen, die wegen der Schulschließungen kein Gehalt bekommen, wanderten in andere Jobs ab, so die Professorin. Es wird geschätzt, dass die Zahl der fehlenden Lehrkräfte wegen Corona um 25 Millionen wächst. „Das schwächt die Schule als Institution“, warnte Scheunpflug, deren Uni-Institut mit Hochschulen in afrikanischen Ländern wie Kenia und Runda kooperiert – mit dem Ziel, Lösungen zur Verbesserung der Lehrer:innenbildung und zur Überwindung der Schul-Lockdowns zu finden.

Michael Holländer, Bildungsexperte der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ): „Digitale Tools bieten nicht nur in der Pandemie große Chancen.“

Die Pandemie hat den Finanzierungsbedarf in der Bildung deutlich erhöht“

Doch die Diskussion zeigte auch: Es kann durchaus einiges kann getan werden, um den Schulbetrieb nicht ganz einstellen zu müssen – vor allem dank der Möglichkeiten der Digitalisierung. Konkrete Beispiele lieferte in der Diskussion GIZ-Bildungsexperte Michael Holländer. So sei es sogar in Libanon, wo viele Schulen seit den politischen Unruhen 2019 geschlossen sind, gelungen, gemeinsam mit einer NGO vor Ort Lehrinhalte zu digitalisieren und auf einer e-Learning-Plattform („Tabshoura“, zu deutsch: Malkreide) verfügbar zu machen.

Dort gab es also schon „Homeschooling“, bevor das Wort hierzulande überhaupt jemand kannte. Ähnlich funktioniert die Lernplattform „Atingi“, die in Ländern wie Togo, Niger, Ruanda und Benin genutzt wird. Sie ermöglicht ortsunabhängiges Lernen, auch in entlegenen Regionen oder eben jetzt während der Corona-Schulschließungen. Holländer machte allerdings auch klar: „Die Pandemie hat den Finanzierungsbedarf in der Bildung deutlich erhöht.“

Melanie Stilz, Expertin für Informatik und Entwicklungszusammenarbeit an der TU Berlin: „Viele digitale Entwicklungen sind marktgetrieben und es entstehen neue Abhängigkeiten.“

Melanie Stilz warnte vor neuen Abhängigkeiten

Alle Teilnehmer:innen der Debatte waren sich einig, dass die Digitalisierung alleine zwar die Probleme nicht lösen kann (Gaede: „Es müssen vor allem Schulen gebaut werden!“), schon mangels Internet-Zugang in vielen Regionen der Entwicklungsländer. Doch dass ihre Rolle zunehmen wird, war ebenso unstrittig. Und dass sie gestaltet und reguliert werden muss. Die Berliner IT-Forscherin Melanie Stilz warnte vor neuen Abhängigkeiten, gerade in den armen Ländern. Microsoft, Samsung, Google oder Facebook, alle Größen der IT- und Tech-Branche, stiegen derzeit mit Sponsoring oder kostenlosen Bildungsangeboten ein, berichtete sie. Das sei gefährlich, wenn sie sich dafür mit dem Zugriff auf Nutzerdaten „bezahlen“ lassen. „Das fällt den Menschen irgendwann auf die Füße.“

Forum Entwicklung

Die Diskussion ist auf fr.de/eventvideo abrufbar.

Die 33. Folge der Forum-Entwicklung-Reihe fand coronabedingt erstmals ohne persönlich anwesendes Publikum statt, sie wurde per Streaming verbreitet. Drei der Diskutant:innen trafen sich mit FR-Moderator Tobias Schwab im Frankfurter „Haus am Dom“, Melanie Stilz wurde aus Berlin per Video zugeschaltet.

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