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Die Menschen brauchen Geld.

Analyse

Corona-Krise: Zeit, dass die Staaten richtig Schulden machen

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Die Wirtschaft wird wegen des Corona-Virus vermutlich stärker schrumpfen als während der Finanzkrise. Die Staaten sind gefordert.

Fabrikschließungen, verwaiste Innenstädte, geschlossene Grenzen – die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des neuen Coronavirus führen zu sinkenden Umsätzen und Einnahmeverlusten in fast allen Branchen.

Um die Folgen abzufedern, ist insbesondere der Staat gefordert. Zwar wird auch er Einnahmeverluste erleiden. Gleichzeitig aber ist er ein potenter Schuldner, der über Kredite den Rückgang der privaten Nachfrage auffangen kann. Das bedeutet: neue Staatsschulden, und zwar nicht zu knapp. „Beenden Regierungen das laufende Jahr mit einem Haushaltsdefizit im einstelligen Prozentbereich“, schreibt Autor Martin Sandbu in der „Financial Times“, „dann haben sie sehr wahrscheinlich zu wenig getan.“ Was übertrieben klingt, ist plausibel.

Noch weiß niemand, wie groß die ökonomischen Schäden infolge der Corona-Pandemie sein werden. Es bietet sich aber ein Vergleich mit der großen Finanzkrise ab dem Jahr 2008 an. Die großen Industriestaaten verbuchten 2009 Rückgänge des Bruttoinlandsprodukts von drei bis fünf Prozent. Sinkende Steuereinnahmen und zusätzliche Ausgaben trieben die Schulden in die Höhe: Nach 2008 stieg die jährliche Neuverschuldung in Deutschland von null auf über vier Prozent der Wirtschaftsleistung, in Japan von drei auf acht Prozent, in den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien sogar von drei auf zehn Prozent. Der Anstieg der Staatsschulden in den kommenden Jahren betrug für die Eurozone über 20 Prozent der Wirtschaftsleistung, in den USA 35 Prozent und in Japan 50 Prozent.

Der „lock down“ wird die Wirtschaftstätigkeit drücken

Derzeit sieht es so aus, als könnten die ökonomischen Einbußen höher ausfallen als damals. Der Ökonom Pierre-Olivier Gourinchas rechnet vor: Sinkt die Wirtschaftsleistung für einen Monat um die Hälfte, im Folgemonat nur um 25 Prozent und kehrt sie dann wieder auf ihren alten Wachstumspfad zurück, so fällt das „Wachstum“ des Bruttoinlandsprodukt für das Gesamtjahr 6,5 Prozent niedriger aus. Sind es zwei Folgemonate mit 25 Prozent weniger Wirtschaftsleistung, so steigt das Minus für das Gesamtjahr auf zehn Prozent. Es ist also wahrscheinlich, dass die Verluste höher sein werden als in der großen Finanzkrise. Angesichts dessen müssen entsprechend auch die staatlichen Maßnahmen größer ausfallen und damit die Neuverschuldung der öffentlichen Hand.

Dagegen wird häufig eingewandt, staatliche Mehrausgaben brächten nicht viel, weil sie zum einen keine Hilfe gegen Fabrikschließungen seien und zum anderen die Menschen angesichts von Ausgangssperren und geschlossenen Geschäften gar nicht einkaufen gehen könnten. Das ist zwar korrekt, der „lock down“ wird die Wirtschaftstätigkeit auf jeden Fall drücken. Der Sinn eines Fiskalprogramms, das die Einkommen im Abschwung absichert, ist aber, dass die Nachfrage nicht noch tiefer fällt als ohnehin unvermeidlich.

Es gilt also zu verhindern, dass die Menschen angesichts der Krise das Geld zusammenhalten aus Angst vor dauerhaften Einkommensverlusten. Das Angst-Sparen kann zu einer sich selbst verstärkenden Spirale nach unten führen. Daher brauchen die Menschen Geld – und sie brauchen es schnell. Es ist von daher kein Wunder, dass derzeit vermehrt Wege diskutiert werden, auf denen der Staat den Menschen direkt Geld zukommen lassen kann, zum Beispiel einfach als Geschenk per Überweisung.

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