Größter Verlust seit 1970

Deutsche Wirtschaft erleidet durch Corona Rekord-Einbruch

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Die deutsche Wirtschaft hat aufgrund der Corona-Pandemie zwischen April und Juni mehr als 10 Prozent an Leistung verloren. Auch eine neue Bankenkrise könnte drohen.

  • Die deutsche Wirtschaft hat durch Corona einen Rekord-Einbruch erlebt.
  • Experten rechnen mit einer lang andauernden Erholung.
  • Trotzt Aufwärtstrend scheint eine neue Bankenkrise möglich.

Frankfurt/Wiesbaden - Noch nie seit Beginn der vierteljährlichen Messung im Jahr 1970 ist die deutsche Wirtschaft so stark geschrumpft, wie zwischen April und Juni 2020. Das hat das Statistische Bundesamt (Destatis) am Donnerstag (30.07.2020) in Wiesbaden bekannt gegeben. Grund für den radikalen Einbruch ist die Corona-Pandemie.

Deutsche Wirtschaft in Corona-Krise um mehr als 10 Prozent geschrumpft

Nach Angaben von Destatis schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 10,1 Prozent. Das bedeutet, in Deutschland wurden 10,1 Prozent weniger Waren und Dienstleistungen hergestellt, als noch in den ersten drei Monaten des Jahres. Gegenüber dem Vorjahr brach die Wirtschaft sogar um 11,7 Prozent ein.

Hauptgrund für den Einbruch war der Rückgang des Konsums während der Corona-Pandemie. Geschäftsschließungen und weniger Verdienst durch Kurzarbeit sorgten dafür, dass weniger Geld zur Verfügung stand und ausgegeben wurde. Auch der Außenhandel war betroffen. Importe und Exporte brachen ebenfalls ein. Der Einbruch bringt eine größere Rezession mit sich, als die Wirtschaftskrise 2008/2009. Damals war die Wirtschaft im zweiten Quartal 2009 um 7,9 Prozent eingebrochen.

Dax bricht ebenfalls wegen Corona-Pandemie ein

An der Börse* sorgten die neuen Zahlen für Sorge. Der deutsche Aktienindex DAX gab bis zum Mittag um 2,20 Prozent auf  12 539,59 Punkte nach. Damit erreichte er den niedrigsten Stand seit zwei Wochen. Dennoch haben sich die Kurse seit dem Tiefstand im April 2020 wieder erholt. Damals lag der DAX* zeitweise bei unter 8500 Punkten, nachdem er noch im Februar mit einem Allzeithoch von mehr als 13.700 Punkten geschlossen hatte.

Ob die Entwicklung an den Börsen aber noch einen Indikator für die reale wirtschaftliche Entwicklung darstellen, ist umstritten. Die „Bank für internationalen Zahlungsausgleich“ hatte Ende Juni davor gewarnt, dass Aktien* oftmals nicht mehr die Entwicklung der Aktienkurse nicht mehr die schwache Entwicklung der Wirtschaft abbilde.

Wirtschaft trotz Corona-Einbruch wieder zuversichtlicher

Trotzt der verheerenden Zahlen sehen Experten die Wirtschaft derzeit wieder auf einem besseren Weg. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, sieht noch eine lange Strecke bis zur Erholung. Eine DIHK-Blitzumfrage ergab, dass die Hälfte der befragten Unternehmen frühestens im kommenden Jahr wieder von einer Rückkehr zur Normalität ausgeht.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sieht zwar „keinen Anlass zur Panik“, ZEW-Forscher Friedrich Heinemann verdeutlicht aber, dass es sich bei der Corona-Krise um keinen „einfache Konjunkturkrise“ handle. Er mahnte die Politik, nicht darauf zu bauen, die Wirtschaft wieder so aufzubauen, wie sie vor der Corona-Pandemie funktioniert habe. Auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung rechnet damit, dass sich eine Erholung der Wirtschaft noch durch das Jahr 2021 hinziehen wird.

Vonseiten der Bundesregierung war dem Einbruch der Wirtschaft bereits entgegengesteuert worden. Für 2020 und 2021 wurden rund 130 Milliarden Euro zur Anregung der Konjunktur bereitgestellt. Die staatlichen Ausgaben, beispielsweise für Infrastrukturprojekte, sollen als Gegengewicht zum Einbruch des privaten Konsums dienen. Zu diesem Zweck wurde auch die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent gesenkt, der verminderte Satz von 7 auf 5 Prozent.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex - das Stimmungsbarometer der Wirtschaft basierend auf rund 9000 Unternehmensmeldungen - verbesserte sich von April bis Juni erheblich. Die Erwartungen lagen im April bei 69,5 Punkten, im Juni bei 91,4.

Warnung vor neuer Bankenkrise aufgrund der Corona-Pandemie

Ob die Maßnahmen in vollem Umfang greifen, ist noch nicht klar. Bereits vor Bekanntwerden der schlechten Wirtschaftsdaten hatte das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) vor einer anstehenden Bankenkrise gewarnt. Schlimmstenfalls könnten durch den Corona-Schock laut IWH „hunderte Banken in ernste Schwierigkeiten geraten“. Viele Kredite insbesondere der Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind von Ausfällen bedroht, da die Corona-Krise insbesondere kleine und mittlere Unternehmen getroffen hat. Selbst wenn es für die deutsche Wirtschaft sehr gut läuft, halten wir eine neue Bankenkrise für wahrscheinlich“, sagte IWH-Präsident Reint Gropp.

Mehr Arbeitslose durch Corona-Pandemie

Der Arbeitsmarkt steht ebenfalls nach wie vor unter Druck, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilt. So stieg die Zahl der Arbeitslosen im Juni gegenüber dem Vormonat saisonbereinigt um 69.000, gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 637.000 Menschen ohne Arbeit. Damit sind 6,2 Prozent der Menschen, die arbeiten könnten, ohne Beschäftigung.

Historischer Einbruch der US-Wirtschaft

Auch Daten aus den USA könnten die deutsche Wirtschaft langfristig belasten. Nach letzten Stand brach die dortige Wirtschaft durch die Corona-Pandemie mehr als dreimal so stark ein, wie in Deutschland. Um 32,9 Prozent ging das BIP zurück, wie die Regierung in Washington am Donnerstag (30.07.2020) mitteilte. Ein historischer Einbruch, dessen Folgen für die Weltwirtschaft derzeit noch nicht bekannt sind. Von Marcel Richters *fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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