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Orry Mittenmayer hat 2018 den ersten Betriebsrat bei Deliveroo mitgegründet , später die Initiative „Liefern am Limit“. Seitdem engagiert er sich dafür, dass Gewerkschaften bessere Antworten auf die moderne Arbeitswelt finden.

Arbeitsbedingungen

Ein echter Lieferheld

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In der Corona-Krise kämpfen Lieferando-Fahrer nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen, sondern auch für den Schutz ihrer Gesundheit. Mittendrin: der Aktivist Orry Mittenmayer.

  • In der Corona*-Krise sind sie besonders gefragt: Lieferdienste.
  • Die Fahrer von Lieferando sorgen sich um ihre Gesundheit.
  • Die Arbeitsbedingungen der Fahrer sind oft schlecht.

Sie radeln in ihren orange leuchtenden Jacken durch die leeren Straßen, stehen sich vor abgeriegelten Imbissen die Beine in den Bauch oder hieven ihre großen Warmhalteboxen vom Rücken: Selten zuvor waren die Fahrer und Fahrerinnen von Lieferando so sichtbar wie in diesen Wochen, in denen Restaurants und Imbisse ihr Essen nur noch „to go“ anbieten dürfen. Allein in den zehn Tagen nach Beginn der Einschränkungen vermeldete der Online-Lieferdienst 2500 neue Restaurant-Anmeldungen. Die Bestellungen liegen auf Rekordniveau, das Geschäft brummt.

Doch nicht alle im Unternehmen sind zufrieden. Die „Rider“, wie manche der Fahrerinnen und Fahrer sich selbst nennen, machen sich ebenso Sorgen um ihre Gesundheit wie der Rest der Welt, und viele finden, Lieferando kümmere sich nicht genug um ihre Sicherheit - und die der Kunden. Seit Wochen streiten sie mit dem Unternehmen über die Bereitstellung von Desinfektionsmittel, Schutzkleidung und über allgemein bessere Arbeitsbedingungen. Eine entsprechende Petition haben fast 10.000 Menschen unterschrieben. Doch die Verhandlungen verlaufen zäh.

Corona-Krise: Lieferando empfiehlt Fahrern, sich die Hände zu waschen

Lieferando verweist auf Hygieneschulungen und darauf, die Fahrerinnen und Fahrer sollten sich in den Restaurants die Hände waschen. Diese wiederum berichten, derartige Schulungen hätten bestenfalls per Mail stattgefunden, und bei den Restaurants heiße es in aller Regel auch für die Lieferanten: Draußen bleiben!

Doch so leicht lassen die Beschäftigten Lieferando nicht aus der Verantwortung. Und das hat auch mit einer Gruppe von ehemaligen und noch aktiven „Ridern“ zu tun, die jahrelange Erfahrung im Ringen um Arbeitnehmerrechte bei den Online-Lieferdiensten mitbringen. Einer von ihnen ist Orry Mittenmayer, der Initiator der Petition.

Corona-Krise: Lieferando-Fahrer kämpfen um Arbeitnehmerrechte

Der 27-jährige Kölner hat als langjähriger Lieferfahrer nicht nur den ersten Betriebsrat beim ehemaligen Lieferando-Konkurrenten Deliveroo erkämpft. Er hat auch Anfang 2018 gemeinsam mit Mitstreitern die Initiative „Liefern am Limit“ gegründet. Deren Ziel: Politik und Öffentlichkeit auf die prekären Arbeitsbedingungen in einem Business aufmerksam zu machen, das die meisten bis dahin nur als praktische und günstige Dienstleistung wahrnahmen. Damals stießen Mittenmayer und seine Mitstreiter unverhofft auf eine politische Marktlücke. Talkshow-Einladungen und Interviews folgten. Über 3000 Menschen verfolgen heute die Aktivitäten der Initiative auf Facebook.

Doch bei „Liefern am Limit“ geht es nicht nur um die Öffentlichkeitsarbeit. Seit vielen Monaten kämpft die Initiative zusammen mit Unterstützung der Gastro-Gewerkschaft NGG dafür, dass Lieferando Betriebsräte akzeptiert und Mitbestimmung ermöglicht. Dabei erweist sich das Unternehmen als harter Brocken. Erst nach einem Urteil des Kölner Landesarbeitsgerichts im Januar ließ das Unternehmen dort Betriebsratswahlen zu.

„Liefern am Limit“ während der Corona-Krise

Nach außen hin versucht die Firma ihr Bremsen als Ausdruck eines modernen Zeitgeistes zu verkaufen. Die Gründung eines Betriebsrats entspreche „grundsätzlich nicht unserer Kultur als junges, sowie modernes und offenes Unternehmen“. teilte Lieferando der „Süddeutschen Zeitung“ mit. Das Argument kam Orry Mittenmayer bekannt vor. „Bei Deliveroo wurden wir Fahrer als harte Hunde gefeiert, es gab viel pseudosolidarisches Gerede von der großartigen Community.“ Doch wenn es um Lohnerhöhungen ging, hörte die Solidarität auf.

Und auch bei Lieferando tun sich hinter der fortschrittlich-freundlichen Fassade Abgründe auf. Vor einem Betriebsrats-Wahllokal musste Anfang März die Polizei anrücken. Eine Führungskraft soll versucht haben, Fahrer von der Wahl der gewerkschaftsnahen Liste „Lieferando Riders“ abzuhalten - und dabei sogar Prügel angedroht haben. Erfolg hatte die Aktion nicht. Die „Lieferando Riders“ verbuchten einen knappen Erfolg. An der Wahl nahmen 38 Prozent der Fahrer teil - für die Branche ungewöhnlich viel.

Lieferando: Digitaler Arbeitskampf während Corona-Krise

Warum es so schwer ist, Lieferfahrer zu organisieren, weiß Orry Mittenmayer nur zu gut. Denn auch wenn er heute auf Podien im ganzen Land über die Kämpfe der Rider und den digitalen Arbeitskampf spricht, Preise gewonnen und mit Robert Habeck und Gregor Gysi über die Regulierung der Plattformökonomie debattiert hat, gehörte er doch selber lange zu jenen, die trotz aller Probleme stumm blieben.

Mittenmayer war 23 Jahre alt, als er als Fahrer beim damals neuen Online-Lieferdienst Foodora anheuerte. Er hatte nach einer Ausbildung zum Buchhändler gerade sein Abitur an einer Abendschule für Schwerhörige nachgeholt – und brauchte Geld. Von da an war Mittenmayer bei jedem Wetter mit der pinken Box im chaotischen Kölner Stadtverkehr unterwegs. Dafür bekam er einen Stundenlohn von neun Euro und alle sechs Monate einen neuen befristeten Vertrag. Ging sein Fahrrad kaputt, musste er die Reparatur selbst bezahlen, war er krank, überlegte er sich zweimal, ob er zu Hause blieb. Machte er fünf Minuten Pause, sah die Zentrale das per App – und fragte nach. Auch nachdem er zum Konkurrenten Deliveroo gewechselt war und die pinke Box gegen eine türkise eingetauscht hatte, verbesserten sich die Arbeitsbedingungen nicht.

Lieferdienste: Kurzzeitverträge und Zeitdruck auf der Straße

Bei vielen von Mittenmayers Kölner Kolleginnen und Kollegen war die Lage noch schlechter: Sie bekamen nicht einmal Kurzzeitverträge, sondern mussten als Freelancer anheuern. Doch im Arbeitsalltag kamen sie selten dazu, sich auszutauschen. Die Schichten verbrachten alle einzeln und unter Zeitdruck auf der Straße, während die Deliveroo-App sie kreuz und quer durch die Stadt schickte. Viele kannten sich untereinander kaum, weil ständig Leute gingen und neu dazu stießen. Hinzu kamen Sprachbarrieren. Viele der Fahrer waren noch nicht lange in Deutschland.

Es sind genau diese Faktoren, die Gewerkschaften erschweren, all jene Menschen zu erreichen, die von der Wissenschaft als digitales Dienstleistungsprekariat bezeichnet werden. Ein Problem, für das die Gewerkschaften Antworten finden müssen, wenn sie mehr sein wollen als Besitzstandswahrer einer immer kleiner werdenden Gruppe, für die sichere Anstellungen und Tarifverträge noch die Norm sind. Und Menschen wie Orry Mittenmayer könnten dabei eine Schlüsselrolle einnehmen - Menschen, die prekäre Arbeitsbedingungen und Diskriminierung am eigenen Leib erlebt haben und darüber sprechen können, ohne dass es klingt als hätten sie ein Soziologie-Handbuch verschluckt.

Lieferfahrer: Angst vor dem Konflikt

Als er selbst im Sommer 2017 das erste Mal davon hörte, dass die Lieferfahrer eines Konkurrenzunternehmens einen Betriebsrat gegründet hatten, war er zwar interessiert – aber vor allem skeptisch: „Ich hatte Schiss vor dem Konflikt. Ich wollte einfach nur einen Job, mit dem ich mein Geld verdienen konnte. Von Gewerkschaften wusste ich damals nix“, sagt er. Bis dahin hatte er sich selbst als unpolitischen Menschen gesehen. Nicht, weil ihm egal war, in welcher Welt er lebte, sondern weil er den Eindruck hatte, als sei Politik etwas, das ältere, weiße Menschen in Hinterzimmern unter sich ausmachten. Menschen mit Uni-Abschlüssen, gradlinigen Berufswegen und ohne Handicaps.

Trotzdem: Der Erfolg der Kollegen brachte ihn zum Nachdenken. Statt eines Betriebsrats gründete er erstmal: eine What’sApp-Gruppe. Innerhalb von drei Monaten wuchs sie von fünf auf 50 Mitglieder an. Mittenmayer nahm Kontakt mit der NGG auf, informierte sich über Organizing-Strategien. Er und seine Mitstreiterinnen warteten abends vor Restaurants, luden vorbeikommende Fahrer zu ihren Treffen ein. Sie warben offensiv in sozialen Netzwerken und stellten einen „Migrant Riders Day“ samt Übersetzungen auf die Beine.

Lieferando und Deliveroo: Langer Kampf um Arbeitnehmerrechte

Nach einem halben Jahr Arbeit war es geschafft: Die Kölner Belegschaft wählte ihren ersten Betriebsrat. Und schon drei Monate später war keiner der fünf mehr im Unternehmen. Deliveroo hatte ihre Verträge auslaufen lassen – nicht ohne vorher Abmahnungen zu verteilen. Orry Mittenmayer war im Mai 2018 der letzte Betriebsrat, der gehen musste.

Heute, zwei Jahre später, ist Deliveroo Geschichte. Und für Orry Mittenmayer war der Rauswurf kein Ende, sondern ein Anfang. Wenn auch nicht ganz freiwillig, hat sein Weg ihm praktische politische Bildung und das Gefühl von Selbstermächtigung vermittelt. Eine Erfahrung, die er unbedingt weitergeben möchte. Denn: „Was ich heute tue, hätte ich mir früher niemals zugetraut.“

Von Alicia Lindhoff

Nach Hessen kauft auch NRW Software zur Datenanalyse von der US-Firma Palantir. Deren Einsatz verheißt Sicherheit – und birgt Risiken für uns alle.

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