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Tropenmedizinerin Gisela Schneider, Moderator Tobias Schwab und GIZ-Experte Matthias Rompel (von links).

Corona-Pandemie

Corona-Impfstoff: „Darf nicht sein, dass reiche Länder ihn für sich monopolisieren“

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Beim „Forum Entwicklung“ findet eine Aufhebung des Patentschutzes auf künftige Vakzine und Medikamente gegen Covid-19 Sympathie.

  • Experten sind sicher: Pandemien wie Corona werden häufiger aufkommen.
  • Beim „Forum Entwicklung“ wurde diskutiert, wie sich die Welt besser für diese Krisen wappnen kann.
  • Auch die Verteilung eines Corona-Impfstoffs war Thema.

Harald Lesch zerstörte gleich als erstes eine Hoffnung, die viele haben. Die Corona-Pandemie werde sicher kein Einzelfall bleiben, sagte der bekannte Physiker und TV-Wissenschaftsmoderator. Er befürchtet: „Das wird immer wieder passieren.“ Je stärker der Mensch die Natur ausbeute und in vorher unberührte Regionen vordringe, desto wahrscheinlicher werde es, dass Krankheitserreger aus der Tierwelt auf den Menschen überspringen. Mediziner hätten bereits seit Jahrzehnten vor einem Szenario wie bei Covid-19 gewarnt, sagte Lesch. Nicht ausgeschlossen, dass die Corona-Krise erst der Anfang einer ganzen Welle von Epidemien sei.

Leschs Mahnung setzte den Rahmen für die Diskussion. „Corona als Weckruf – Wie werden Pandemien wirksam bekämpft?“, lautete der Titel der jüngsten Veranstaltung des „Forum Entwicklung“, das in Frankfurt regelmäßig von FR, hr-info und GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) veranstaltet wird.

Corona-Pandemie: Wie kann sich die Welt besser auf Krisen wie diese vorbereiten?

Wie die Welt sich künftig besser gegen solche Mega-Krisen wappnen kann, ist eine der zentralen Fragen. Bereits jetzt, am Beginn des zweiten Infektionsschubs, sind global mehr als 40 Millionen Menschen an Covid-19 erkrankt, und über eine Million ist daran oder damit gestorben. Corona sorgt für die schwerste Wirtschaftsrezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Weltbank schätzt, dass dadurch in Entwicklungs- und Schwellenländern 150 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut abrutschen könnten.

Die Pandemie stellt die armen Länder vor besondere Herausforderungen. Das ist offensichtlich, wird hierzulande aber wenig diskutiert, wie der Forums-Moderator, FR-Redakteur Tobias Schwab, betonte. Social distancing – in dichtbesiedelten Städten oder Flüchtlingslagern kaum zu leisten. Regelmäßiges Händewaschen ebenso, wo es kein fließendes Wasser gibt. Unterfinanzierte Gesundheitssysteme, wo überhaupt vorhanden, geraten schnell an ihre Limits.

Zugeschaltete Gäste: Philosoph und Physiker Harald Lesch und Caroline Schmutte, Deutschlandchefin des britischen Wellcome Trust.

Corona-Pandemie: Viele Länder in Afrika mit relativ niedrigen Infektionszahlen

Trotzdem sind gerade viele Länder Afrikas bisher mit relativ niedrigen Infektionszahlen durch die Corona-Krise gekommen. „In Afrika hat man Erfahrung damit, dass einem die Welt um die Ohren fliegt, das passiert da immer wieder“, sagte auf dem Podium die Tropenmedizinerin Gisela Scheider, Leiterin des Instituts für Ärztliche Mission mit Sitz in Tübingen. Man sei dort gewohnt, mit Epidemien umzugehen. Es habe in vielen Ländern sofort Lockdowns gegeben, berichtete Schneider, und schnelle Selbsthilfe. Es wurden Masken genäht, einfache Spender für Hand-Desinfektionsmittel gebaut.

Nach den TV-Bildern mit den vielen Corona-Särgen aus dem ersten europäischen Hotspot Bergamo seien gleich Anfragen von westafrikanischen Partnern an ihr Institut gekommen, was es mit Corona medizinisch auf sich habe. Die Sorge sei gewesen: Covid-19 ist so gefährlich wie Ebola. „Wir haben Online-Seminare gemacht“, berichtete Schneider, „und konnten sie von der Panik herunterholen.“ Trotzdem bedeute Corona natürlich eine schwere Belastung für die Menschen in den armen Ländern, und nicht nur für die Infizierten, da oft ohne Krankenversicherung und ohne staatliche Hilfen, wenn der Job wegen Corona verloren geht.

Corona und weitere Pandemien: Robuste Gesundheitssysteme wichtig

GIZ-Experte Matthias Rompel betonte die Bedeutung von gefestigten Gesundheitssystemen, um Corona und eventuell nachfolgenden Pandemien beherrschen zu können. Das sei auch in armen Ländern machbar. Beispiel: „Malawi ist eines der ärmsten Länder, aber die Strukturen in dem Bereich sind robust.“ Die Eschborner Entwicklungsorganisation arbeitet seit langem in vielen Ländern daran, die Strukturen in diesem Bereich zu stärken. In Sierra Leone, Guinea und Liberia zum Beispiel werden rund 700 Gesundheitsstationen auf dem Land mit Solarsystemen ausgerüstet, um die Stromversorgung für Licht in den Behandlungsräumen, für Labors und Kühlung von Medikamenten und Impfstoffen sicherzustellen.

In der Corona-Krise wiederum hat die GIZ schnell Hilfestellung in einer Reihe von Entwicklungsländern geleistet. In Malawi wurden fast 2800 Gesundheitskräfte für den Umgang mit Corona-Verdachtsfällen geschult, Einsätze zur Covid-19-Diagnostik gab es unter anderem in Namibia, Benin sowie mittel -und südamerikanischen Ländern, in Kenia wurden Flüchtlinge angelernt, um Seife und Desinfektionsmittel zu produzieren.

Corona-Impfstoff soll den gefährdetsten Menschen zur Verfügung stehen

Großen Raum in der Forum-Diskussion nahm das Thema Corona-Impfstoff ein. Caroline Schmutte von der britischen Gesundheitsstiftung „Wellcome Trust“ gab hier die Linie vor. Es müsse – etwa durch die WHO – dafür gesorgt werden, dass künftige Impfstoffe weltweit für jene Gruppen zu Verfügung steht, die am gefährdetsten sind und ihn am nötigsten brauchen – wie Menschen aus dem Medizin- und Bildungssektor. Es dürfe nicht sein, dass die reichen Länder ihn dank ihrer Kaufkraft für sich monopolisieren.

Die unter anderem von Südafrika und Indien im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO erhobene Forderung, den Patentschutz für Corona-Impfstoffe, -Medikamente und -Tests aufzuheben, um eine preiswerte Produktion zu ermöglichen, fand in der Debatte viel Sympathie.

In der Schlussrunde der Diskussion ließen Teilnehmer „einen Funken Optimismus“ (Schmutte) erkennen, dass die Corona-Krise kein Dauerzustand wird. Auch Moderator Schwab gab der Hoffnung Ausdruck, „dass die Bude bei den Forum-Abenden bald wieder voll ist“. Die Diskussion am Donnerstagabend war die erste nach einem Dreivierteljahr Corona-Pause. Mit Begrenzung auf 50 Teilnehmer und Abstandspflicht. Sehr viele Interessenten hatten keinen Platz mehr bekommen. (Joachim Wille)

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