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Corona: Große Fragezeichen hinter den jüngsten 2G-Beschlüssen 

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Von: Prof. Oliver Holtemöller

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Prof. Dr. Oliver Holtemöller ist stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Prof. Oliver Holtemöller ist stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). © Imago/Litzka

Im Kampf gegen die vierte Welle der Corona-Pandemie hat Deutschland offenbar den richtigen Zeitpunkt zu einer raschen Eindämmung des Virus verpasst. Zu diesem Schluss kommt Prof. Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Zudem sei nicht klar, ob die am Donnerstag verabschiedeten 2G-Maßnahmen geeignet seien, die aktuelle Welle zu brechen, schreibt Holtemöller im Gastbeitrag.

Halle - Die Politik steht in der Corona-Pandemie vor der schwierigen Aufgabe, die Effekte von Eindämmungsmaßnahmen auf das Infektionsgeschehen auf der einen Seite und deren nicht-intendierte Nebenwirkungen auf der anderen Seite gegeneinander abwägen zu müssen. So führen die Einschränkung wirtschaftlicher Aktivität zu Umsatzeinbußen und Insolvenzen, Schulschließungen zu einem Anstieg der Bildungsungleichheit und allgemeine Kontakteinschränkungen zu psychischen Belastungen.

Bei aller nachvollziehbaren Unzufriedenheit mit der aktuellen Verschlechterung der Lage können wir festhalten, dass Deutschland im internationalen Vergleich bei dieser Abwägung bis in den Herbst 2021 insgesamt nicht allzu schlecht abgeschnitten hat.

Stimme der Ökonomen

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Die zwei Dimensionen in der Pandemie-Bekämpfung

Bei dem Zusammenhang zwischen Pandemiebekämpfung und wirtschaftlicher Aktivität gibt es zwei Dimensionen: Zum einen besteht ein Zielkonflikt zwischen der Reduktion der Anzahl an Corona-Opfern durch Kontaktbeschränkungen und der wirtschaftlichen Aktivität: wenn jetzt „2G“ im Einzelhandel gilt und Bars und Diskotheken mancherorts schließen müssen, dann verursacht dies Umsatzausfälle. Zum anderen gibt es gute und schlechte Eindämmungspolitik: bei schlechter Politik gibt es sowohl viele Corona-Opfer als auch hohe wirtschaftliche Schäden, und bei guter Politik gibt es von beiden weniger.

Wie sieht der empirische Zusammenhang aus? In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) angehören, ist die Korrelation zwischen Corona-Opfern und Verlust an Wertschöpfung (Bruttoinlandsprodukt) positiv, d.h. der gute-Politik-schlechte-Politik-Nexus ist dominant.

So ist es in den skandinavischen Ländern Dänemark, Finnland und Norwegen sowie in Südkorea und Australien gelungen, sowohl das Infektionsgeschehen als auch den wirtschaftlichen Verlust gering zu halten. In Großbritannien, Italien, Portugal und Spanien hingegen fallen sowohl die Opferzahlen als auch der Verlust an Wertschöpfung besonders groß aus.

Es gibt allerdings auch Anhaltspunkte für den negativen Zusammenhang zwischen Opfern und wirtschaftlichen Kosten: in den USA ist beispielsweise zwar der wirtschaftliche Verlust kleiner als in Deutschland, aber die Anzahl der Corona-Opfer in Relation zur Bevölkerung deutlich größer.

Politik hat richtigen Zeitpunkt zur Eindämmung der vierten Welle verpasst

Insgesamt zeigt der empirische Befund, dass wirtschaftliche Interessen und Anti-Coronamaßnahmen nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Vielmehr kommt es darauf an, rechtzeitig effektive Eindämmungsmaßnahmen zu beschließen. Es scheint so zu sein, dass die deutsche Politik den richtigen Zeitpunkt für zielgenaue Maßnahmen zur Dämpfung der vierten Welle verpasst hat. Und es ist bei Weitem nicht klar, ob die jüngsten flächendeckenden „2G“-Maßnahmen geeignet sind, die aktuelle Welle zu brechen. Denn Geimpfte können ebenfalls erkranken und das Virus übertragen. Zielgenauer wären wohl mehr Tests und zügige Quarantänedurchsetzung; gegenwärtig muss man mehrere Tage auf das Ergebnis eines PCR-Tests warten.

Wenn aufgrund langen Zögerns und wenig effektiver Maßnahmen am Ende wieder nur der flächendeckende Lockdown bleiben sollte, weil das Gesundheitssystem sonst überlastet wird, dann werden sowohl Opferzahlen als auch wirtschaftliche Einbußen höher ausfallen als es bei früherem, zielgenauerem Handeln der Fall gewesen wäre. So dürften die vorübergehende Abschaffung kostenloser Bürgertest und das Schließen der Impfzentren im Nachhinein als suboptimal zu bezeichnen sein. Auch Mehrausgaben für größere Kapazitäten für die Kontaktnachverfolgung und für die Überwachung der Quarantäneanordnungen hätten wohl eine positive Rendite.

Ein Schritt in die richtige Richtung könnte es sein, die Corona-Politik stärker an empirischer Evidenz – auch aus anderen Ländern – darüber auszurichten, welche Maßnahmen tatsächlich helfen, das Infektionsgeschehen einzudämmen und welche nicht. Der neu einberufene Krisenstab könnte dabei eine wichtige Rolle spielen.

Corona-Maßnahmen müssen klar, verständlich und nachvollziehbar sein

Nur wirksame Maßnahmen, deren Nutzen sich der Bevölkerung erschließt, werden aus Eigenantrieb eingehalten. Maßnahmen, die nicht verstanden werden oder deren Nutzen zweifelhaft ist, unterminieren hingegen das Vertrauen in die Politik. Ohne dieses Vertrauen dürfte es jedoch sehr schwerfallen, auf die fünfte Welle besser vorbereitet zu sein als auf die vierte.

Zum Autor: Prof. Dr. Oliver Holtemöller ist stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und Professor für Volkswirtschaftslehre, insb. Makroökonomik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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