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Biotech-Firmen, die an Therapien und Impfstoffen gegen das Coronavirus arbeiten, sind derzeit sehr gefragt.

Profit in der Krise

Die Corona-Gewinner

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Die meisten Unternehmen leiden unter dem umgehenden Virus. Doch für Biotech-Firmen und Hedgefonds birgt die Epidemie große wirtschaftliche Chancen.

Panik, Verunsicherung und Kursstürze dominieren die Aktienmärkte derzeit. Doch es geht auch anders. Wie wäre es mit einem Plus von rund 40 Prozent in knapp sechs Wochen? Das bislang bestenfalls bei einigen Branchenkennern bekannte US-Unternehmen Regeneron Pharmaceuticals ist plötzlich zu einem Shootingstar geworden. In zahlreichen Anleger-Blogs steht die Aktie ganz oben auf den Empfehlungslisten. Das Papier kostete Ende Januar um die 330 Dollar. Zwischenzeitlich kletterte es sogar auf fast 500 Dollar und war gestern für 475 Dollar zu haben.

Regeneron bezeichnet sich selbst als Biotechnologieunternehmen. Die Forscher beschäftigen sich gerade mit Antikörpern des Coronavirus. Läuft alles gut, soll daraus eine Therapie entwickelt werden. Wobei dies in enger Kooperation mit dem US-Ministerium für Gesundheit und soziale Dienste geschieht. Das ist deshalb von Relevanz, weil die Trump-Regierung nach anfänglicher Verharmlosung der Epidemie nun mit Hochdruck daran arbeitet, die Ausbreitung der Infektionen einzudämmen – Beobachter erwarten inzwischen, dass Corona zu einer massiven Gefahr für den Präsidenten werden könnte, der im November wiedergewählt werden will.

Von verstärkten Anstrengungen auch anderer Regierungen können nach Einschätzungen von Analysten viele Aktiengesellschaften profitieren. Firmen, die sich mit Medizintechnik, Diagnostik und mit Telemedizin mittels Computer befassen. Hinzu kommen auch viele große Pharmahersteller.

Und natürlich sind Biotechnologen dieser Tage extrem gefragt. Das gilt auch für die Fachkräfte von Qiagen. Die Firma, die 1984 in Düsseldorf gegründet wurde, entwickelt unter anderem Tests zur Diagnose von Krankheiten. Innerhalb kürzester Zeit haben die Spezialisten ein Verfahren zum Nachweis des Coronavirus entwickelt – insgesamt können Erreger von 21 Atemwegserkrankungen erkannt werden.

Gerade hat Qiagen die ersten vier Prototypen der Testkits an Krankenhäuser in China ausgeliefert. Innerhalb einer Stunde soll ermittelt werden können, ob eine Person das Virus in sich trägt oder nicht. Der Corona-Detektor könnte in Kliniken, aber auch an Flughäfen weltweit eingesetzt werden. Analysten prognostizieren bereits, dass das Qiagen-Produkt eine Schlüsselrolle beim Kampf gegen die Pandemie spielen könnte. Die Aktie schoss in der vorigen Woche um gut 20 Prozent in die Höhe.

Allerdings wird das Plus dadurch verzerrt, dass fast zeitgleich mit dem Corona-Test die Übernahme von Deutschlands größtem Biotech-Unternehmen durch den US-Laborausrüster Thermo Fisher für 10,4 Milliarden Euro auf den Weg gebracht wurde.

Für einen anderen Profiteur der Corona-Krise hat der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Bruce Aylward, höchstpersönlich Werbung gemacht: Das Medikament Remdesivir sei derzeit die einzige Arznei, die gegen das Virus wirken könne. Es wurde von der US-Firma Gilead eigentlich für den Kampf gegen Ebola entwickelt. Die mögliche Zweitanwendung hat dem Dividendenpapier des Unternehmens ein Plus von gut 14 Prozent innerhalb von drei Tagen gebracht – während die Aktienindizes weltweit abstürzten.

Sollen Privatanleger jetzt beherzt bei den Krisengewinnern zugreifen? Analysten warnen. Die Kursgewinne könnten sich schnell wieder verflüchtigen, wenn sich die Lage bei den Neuerkrankungen mit dem Virus verbessere. Zudem drohten bei den Forschungsprojekten der Biotech-Firmen immer wieder heftige Rückschläge – auch bei den verheißungsvollen Vorhaben.

Branchenkenner machen zudem darauf aufmerksam, dass konventionellere Unternehmen der Medizin- und Pharmabranche unter Aufgabenverlagerungen in den Krankenhäusern leiden könnten: Um Corona-Patienten zu behandeln, werden Knieoperationen und andere Eingriffe auf später verschoben. Entsprechend geringer ist dann der Bedarf etwa an Infusionen oder bestimmten Arzneien. Für fast alle anderen Unternehmen der Gesundheitsbranche kommt hinzu, dass Lieferketten reißen und Vorprodukte bald fehlen könnten.

Das gilt auch für das Drägerwerk. Die Lübecker stellen das her, was derzeit in aller Munde, genauer formuliert vor aller Munde ist: Atemschutzmasken. Das Management hat versichert, dass die Produktion im Inland und im Ausland auf Hochtouren laufe. Zudem fertigt die Firma auch Beatmungsgeräte, die auf Intensivstationen benötigt werden. Die Aktie schoss jüngst binnen weniger Handelstage um 40 Prozent in die Höhe, hat inzwischen aber einen Großteil der Gewinne wieder abgegeben.

Ursache waren eher pessimistische Aussagen des Vorstands: Durch die Pandemie entstehe auch Unsicherheit für die Geschäftsentwicklung in diesem Jahr, zudem würden die Risiken für die Gesamtwirtschaft zunehmen. Eggert Kuls, Analyst bei Warburg Research, macht darauf aufmerksam, dass Dräger auch in China produziert, was Risiken berge. Das Management erwarte offenbar, dass das Absatzplus durch Corona und Belastungen sich letztlich ausgleichen würden.

Die heftigen Ausschläge an den Börsen sind indes einigen Akteuren am Finanzmarkt höchst willkommen: Leerverkäufern. Sie wetten dieser Tage massiv auf fallende Aktienkurse. Das heißt, dass sie Papiere „leihen“, um sie einige Wochen oder Monate später an den ursprünglichen Besitzer zurückzugeben. Dabei verkaufen sie die Aktien direkt nach dem Erwerb, in der Hoffnung sie vor der Rückgabe deutlich günstiger wieder erwerben zu können. Solche Deals machen auch Hedgefonds, die mit allen möglichen Finanzinstrumenten agieren.

Laut „Handelsblatt“ sollen zwei Fonds derzeit bei solchen Spekulationen mit Aktien der Deutschen Bank deutlich im Plus liegen. Sie profitieren davon, dass das Papier des Geldhauses im Februar ein Zwischenhoch erlebte, aktuell aber rund 40 Prozent niedriger notiert.

Unter anderem die Leerverkäufe haben es ermöglicht, dass Dutzende Hedgefonds auch noch im Februar Gewinne machen konnten. Der Eureka Hedge Fund Index, der mehr als 2000 Fonds abbildet, hat seit Jahresbeginn nur um 1,5 Prozent nachgeben. Der Deutsche Aktienindex musste hingegen Einbußen von mehr als 20 Prozent hinnehmen.

Mit den Wetten auf fallende Aktien dürfte es in den nächsten Wochen weitergehen. Airlines und Tourismusunternehmen dürften im Fokus stehen. Genauso wie Firmen aus der Ölbranche. Ein Preiskrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien ist ausgebrochen, der noch schwere Verwerfungen nach sich ziehen kann.

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