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Halten die Finanzinstitute den Turbulenzen der Märkte in der Coronakrise stand?

Neue Finanzkrise?

Corona: Die Angst der Banken vor einer neuen Finanzkrise 

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Noch geht es den Geldhäusern gut. Doch die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus könnten wohl eine neue Finanzkrise auslösen – und wer kann dann noch helfen?

  • Die Finanzkrise wird oft als Messlatte für das wirtschaftliche Ausmaß der Corona-Krise herangezogen
  • Die Krise könnte dieses Mal vom Realsektor in die Finanzbranche hinüberschwappen
  • Bankenbeobachter sind noch optimistisch, dass Corona keine Bankenkrise nach sich zieht

Die Messlatte für das wirtschaftliche Ausmaß der Corona-Krise ist momentan oft die Finanzkrise, die seit 2007 die Welt erschütterte. Viele Ökonomen und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) haben betont, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus vermutlich schlimmer sein werden als die der großen Bankenkrise; immer wieder ziehen Analysten und Politiker Parallelen zu dieser Zeit. Was den meisten Menschen bei dem Wort „Finanzkrise“ vermutlich jedoch zuerst in den Sinn kommt, sind marode Banken, gierige Manager, ein verdorbenes Finanzsystem. Die Krise damals ging von der Finanzbranche aus und schwappte in den Realsektor hinüber – dieses Mal könnte es genau andersherum sein.

Coronakrise: „Konjunkturprogramm ist indirekt ein Banken-Rettungsprogramm“

Bankenbeobachter hoffen allerdings, dass es nicht so weit kommen wird – und sind noch optimistisch. „Im Moment sehe ich keine Bankenkrise auf uns zukommen“, sagt etwa Jan Pieter Krahnen, Direktor des Center for Financial Studies in Frankfurt. Auch Stephan Paul, Professor für Finanzierung und Kreditwirtschaft an der Universität Bochum meint: „Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung ist indirekt auch ein Banken-Rettungsprogramm. Akut muss man sich keine Sorgen um die Banken machen.“ Doch das könne sich ändern, sagt Paul.

Zum einen sind die Geldhäuser – genau wie andere Investoren – von den Turbulenzen an den Aktienmärkten betroffen. „Die Frage ist, was einzelne Banken ich ihrem eigenen Wertpapierportfolio haben. Das könnte kritisch sein“, meint Paul. Das mittelfristig größte Problem für die Institute dürften allerdings ihre Kreditportfolios sein. Denn geraten durch die Krise viele Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten, können sie ihre Kredite nicht mehr oder nicht mehr vollständig bedienen. Die Banken müssen sie dann abschreiben.

Geschäftsbanken mit Firmenkunden könnten von Coronakrise getroffen werden

Anders als in der Finanzkrise ab 2007 würde dies nicht hauptsächlich Investmentbanken betreffen – sondern Geschäftsbanken mit vielen Firmenkunden, also auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Gleichwohl ist auch das Investmentbanking von der jetzigen Krise betroffen: Denn von den Finanzhäusern begleitete Börsengänge werden wohl wegen Corona kaum noch stattfinden, von ihnen miteingefädelte und finanzierte Unternehmensübernahmen ebenso wenig.

Zwar gehen die Banken mit deutlich mehr und qualitativ besserem Eigenkapital in die jetzige Krise, als es 2007 der Fall war. Doch warnt etwa Sascha Steffen, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management, dass die wichtigen Kernkapitalquoten der Banken deutlich sinken könnten – je nachdem, wie viele Unternehmen in der Krise ihre Kreditlinien ziehen. Insbesondere größere Firmen lassen sich von ihren Banken gegen Gebühr Linien einräumen, so dass sie im Notfall schnell an Geld kommen. Banken müssen für ausgegebene Kredite Eigenkapital vorhalten.

Strenge Kontrollen

Die Finanzaufsicht hat in der Corona-Krise einem Medienbericht zufolge die Überwachung der Liquidität von Banken verschärft.

Die größten systemrelevanten Institute der Eurozone müssen der EZB-Bankenaufsicht täglich in Telefonkonferenzen ihre Liquiditätskennziffern sowie ihre internen Planungen zur Steuerung der flüssigen Mittel durchgeben, wie das „Handelsblatt“ berichtete. Etwas kleineren Banken müssen ein bis zwei Mal pro Woche Rechenschaft ablegen.

Im Vergleich zur Finanzkrise 2008 haben die Banken heute dickere Liquiditätspuffer, so die Zeitung. Bisher ist es bei keiner europäischen Großbank zu Engpässen gekommen. afp

In den USA etwa hätten seit dem 1. März Unternehmen Kreditlinien in Höhe von mindestens 124 Milliarden Dollar bei ihren Banken gezogen, sagt Steffen. Hinzu käme, dass in Krisen vor allem Unternehmen mit schlechteren Ratings – also einer schlechteren Bonität – ihre Kreditlinien abrufen. Diese wiederum haben aber eben auch ein höheres Ausfallrisiko und bergen damit auch eine höhere Abschreibungsgefahr für die Banken. Umso mehr Unternehmen ihre Linien abrufen, umso weniger Spielraum haben Banken zudem für die Vergabe von Krediten an Neukunden oder an Kunden ohne bereits eingeräumte Kreditlinien, wozu viele kleine Unternehmen zählen dürften.

Coronakrise: Gesetzgeber und Notenbanken versuchen, Unternehmen und Banken zu helfen

Momentan versuchen Gesetzgeber und Notenbanken weltweit, ihren Unternehmen und damit auch den Banken zu helfen. So können in Deutschland beispielsweise Unternehmen über ihre Hausbank Kredite beziehen, für die die staatliche Förderbank KFW 80 bis 90 Prozent des Risikos übernimmt – die Banken sind also nur mit kleineren, aber alles in allem doch nicht vernachlässigbaren Summen mit ihm Boot. Unternehmen bekommen in Deutschland auch direkte staatliche Hilfen. Die Europäische Zentralbank (EZB) entlastet Unternehmen mit Zugang zum Kapitalmarkt außerdem damit, dass sie ihre Anleihen aufkauft. Kleinen und mittelständischen Unternehmen ohne Kapitalmarktzugang versucht sie indirekt zu helfen, indem sie die finanzierenden Banken entlastet, sodass diese ihren Firmenkunden mehr Kredite geben können.

Die EZB hat die von ihr beaufsichtigten größten europäischen Banken am Freitag außerdem aufgefordert, für das Jahr 2019 und 2020 vorerst keine Dividenden zu zahlen und keine Aktienrückkaufprogramme aufzulegen. Zuvor hatte auch schon die deutsche Finanzaufsicht Bafin diesen Appell an die deutschen Finanzhäuser gerichtet. Kapitalerleichterungen hatten die europäischen Finanzaufseher den Banken in den vergangenen Wochen schon zugestanden – und weitere Maßnahmen zugunsten der Bankbilanzen, etwa bei der Bewertung kritischer Kredite, werden erwartet.

Coronakrise: Wenn es ernst wird, dürfte die EZB helfen

Und was, wenn das alles nicht reichen sollte? Wenn insbesondere die Länder in Südeuropa nicht die finanzielle Kraft haben, um ihre Wirtschaft – auch ihre Banken – zu stützen? „Wenn es ernst würde, dann steht die EZB schon Gewehr bei Fuß. Sie wäre sofort mit weiteren Maßnahmen da“, meint Krahnen vom Center for Financial Studies.

Steffen von der Frankfurt School of Finance and Management sieht als letzte Stütze den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) in der Pflicht. Dieser hat momentan 60 Milliarden Euro vorgesehen, um notfalls Banken direkt zu kapitalisieren. Steffen fordert eine Aufstockung dieser Summe auf mindestens 200 Milliarden Euro – und notfalls eine Zwangskapitalisierung der größten europäischen Banken, auch der gesunden, um eine Stigmatisierung einzelner Institute zu verhindern. Vorbild dafür wären die USA in der Finanzkrise.

Coronakrise: ESM könnte Staaten Geld zur Verfügung stellen

Allerdings sieht die – noch nicht verabschiedete, aber geplante – Reform des ESM keine direkte Kapitalisierung von Banken durch den ESM mehr vor. Juristisch wäre es zwar noch möglich, faktisch aber eher unwahrscheinlich. Der ESM könnte allerdings weiterhin einzelnen Staaten Geld zur Verfügung stellen, die dann ihre Banken damit kapitalisieren könnten.

Die Corona-Krise könnte mittelfristig auch noch ein ganz anderes großes Thema der Banken ganz deutlich zutage treten lassen. Schon seit Jahren schließen die Institute Filialen, da immer weniger Kunden vorbeikommen. Dieser Trend dürfte sich durch die jetzige Situation beschleunigen: „Die Banken – und die Kunden – sehen nun, wie viel man auch online machen kann“, meint Paul von der Uni Bochum. Schließlich haben wegen Corona derzeit viele Bankfilialen geschlossen. Das Filialsterben könnte durch die Krise beschleunigt werden. Für Mitarbeiter in diesem Geschäftsbereich sind das schlechte Nachrichten.

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