1. Startseite
  2. Wirtschaft

Der Computer übernimmt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Frank-Thomas Wenzel

Kommentare

Der neue Ford Focus.
Der neue Ford Focus. © REUTERS

Die Mobilfunkmesse in Barcelona zeigt, wie sich Auto und Informationstechnik verbinden. Der neue Ford Focus kann selbstständig ein - und ausparken, Sicherheitsabstand halten und den Fahrer warnen, sobald sich ein anderes Fahrzeug im toten Winkel befindet.

Die Designer haben die Frontpartie mit dem markanten Kühlergrill geliftet. Doch Stephen Odell, Europa-Chef von Ford, kommt es am Montagmorgen auf die inneren Werte des nagelneuen Focus an. Zum Beispiel auf das überarbeitete Multimedia- und Assistenzsystem Sync. Das Auto könne fortan nicht nur autonom ein-, sondern auch ausparken, so Odell. Es ist nun in der Lage, im Stadtverkehr bis zu einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometer den Abstand zum vorausfahrenden Auto zu kontrollieren und notfalls automatisch zu bremsen. Der Bordcomputer kann den Fahrer alarmieren, wenn sich ein anderes Fahrzeug im toten Winkel befindet.

Der Focus ist das wichtigste Modell für Ford in Europa. Es ist ganz bestimmt als Signal zu verstehen, dass die aufgefrischte Version nicht auf dem Genfer Autosalon Anfang März, sondern auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona der Öffentlichkeit erstmals präsentiert wird. „Wir setzen beim Focus auf die Reputation eines Autos mit fortgeschrittener Technologie“, sagt Odell. Der neue Focus, den es ab Herbst in Deutschland gibt, tritt in der hart umkämpften Golf-Klasse an. Und die europäische Tochter des US-Konzerns will Kunden mit einem Paket an Informationstechnik überzeugen, das dicker ist als bei vielen Rivalen.

So soll dem Fahrer auch die Bedürfnisbefriedigung während der Fahrt einfacher gemacht werden: Sprachsteuerung aktivieren und „Ich habe Hunger“ sagen. Und schon wird auf dem acht Zoll (etwa 20 Zentimeter) großen Display eine Liste der nahegelegenen Restaurants angezeigt.

Ford ist längst kein Exot mehr auf der Mobilfunkmesse in Katalonien. Es gehört vielmehr inzwischen zum guten Ton, dass Aussteller an ihren Ständen zumeist sportliche Pkw stehen haben – ein Indiz dafür, dass es mit dem seit Jahren beschworenen Megatrend „Connected Cars“ ernst wird. Für automobile Traditionalisten keine gute Nachricht, bedeutet es doch, dass die guten alten Rundinstrumente verdrängt werden und sich immer größere Displays im Cockpit breit machen.

Es geht darum, menschliche Fehler zu vermeiden, heißt es beim Autobauer Ford

Das US-Technologieunternehmen QNX präsentiert gar einen Mercedes CLA mit einem umgebauten Armaturenbrett, das fast nur noch Bildschirm ist. Diese Form des Tunings soll dem Fahrer ermöglichen, jede Menge Entertainment-Anwendungen abzurufen und zugleich Informationen über den aktuellen Zustand des Autos zu erhalten. Stimmt was nicht, schlägt er Bordcomputer Alarm, notfalls vereinbart er automatisch gleich mit der Werkstatt einen Termin.

Auch Opel will bei der Verbindung von Mobilfunk und Automobil weiterkommen. Auf dem MWC wird eine Insignia-Limousine gezeigt, die auf dem Acht-Zoll-Bildschirm auch ein Icon für einen „App-Store“ zeigt. Nutzer/Autofahrer sollen demnächst erst einmal vier Anwendungen zur Verfügung stehen, dazu zählen das erfolgreiche Internetradio Tune-In, eine App, die das Wetter am aktuellen Ort und am Zielort anzeigt, und der Musik-Streaming-Dienst Mi-Roamer, damit sich der Modern-Jazz-Fan unterwegs mit der Musik seiner Wahl versorgen kann. Weitere Apps seien geplant, heißt es bei Opel.

Vielleicht kommt eines Tages Snips dazu. Snips ist ein französisches Start-Up-Unternehmen, das eine Anwendung entwickelt hat, die die Straßen nach ihrer Gefährlichkeit kategorisiert. In San Francisco etwa ist es freitagnachts um zwei Uhr auf einigen breiten Straßen in der Nähe der Innenstadt extrem gefährlich. Dann haben die Bars gerade dicht gemacht, und Autofahrer mit zu viel Blut im Alkohol sind unterwegs. Snips macht nichts anderes, als alle möglichen Informationen – etwa Adressen von Bars, deren Öffnungszeiten, Verkehrsdichte und Geschwindigkeiten auf bestimmten Straßen zu bestimmten Zeiten – zusammenzubringen, um daraus Gefahrenprofile zu errechnen. „Wir hoffen darauf, dass unsere Anwendungen in Navigationssysteme integriert werden“, sagt Snips-Mitgründer Alexandre Vallette. Denkbar wären dann neuen Formen von dynamischer Navigation: Der Autofahrer wird so geführt, dass er gefährliche Straßen meidet. Oder das Auto fährt da, wo es brenzlig werden könnte, automatisch besonders vorsichtig.

So stellen sich Informatiker und Ingenieure die automobile Zukunft vor. „Car to infrastructure“ heißen diese Lösungen. Das Auto kommuniziert mittels Kameras und Sensoren mit seiner Umgebung. Daran arbeiten alle Autobauer. Auch Ford. „Es geht darum, menschliche Fehler zu vermeiden“, erläutert Ford-Manager Pim van der Jagt. Der Autobauer präsentiert in Barcelona ein System, das in Echtzeit sich ständig aktualisierende 360-Grad-Landkarten erstellt. Ziel ist, Hindernisse und Gefahrenquellen frühzeitig zu entdecken. Hinter all diesen Bemühungen steckt der große Traum vom unfallfreien Fahren. Ganz so weit ist der Konzern noch nicht. Aber laut van der Jagt lässt sich mit der Technik, an der Ford derzeit arbeitet, schon ein Drittel der Crashs vermeiden.

Auch interessant

Kommentare