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Annette Maier ist die Chefin der Cloud-Dienste von Google in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Google Cloud

„Die Cloud demokratisiert das Internet“

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Annette Maier, Chefin der Cloud-Dienste von Google Deutschland, über Datensicherheit, Marktmacht und warum sie eine Staats-Cloud überflüssig findet.

Die Cloud bestimmt heutzutage unser digitales Leben. Wer mit den Datenwolken-Diensten Geld verdienen will, muss über gigantische Rechenkapazitäten verfügen. Für Annette Maier, Deutschland-Chefin von Google Cloud, ist deshalb klar, dass sich in diesem Geschäft nur die ganz Großen durchsetzen können. Die Angst vor zu großer Marktmacht einzelner Konzerne hält sie dennoch für unbegründet. Schließlich könnten Nutzer souverän jederzeit über ihre Daten verfügen.

Frau Maier, wo befindet sich eigentlich die ominöse Daten-Cloud? Überall und nirgends?

Wenn Sie erlauben, möchte ich meinen Morgen beschreiben: Ich schaue mir auf Youtube die neuesten Nachrichten an. Über die Deutsche-Bahn-App kaufe ich mir eine Fahrkarte. Im Zug höre ich Musik über Spotify und arbeite dabei meine E-Mails ab. Bis dahin habe ich also schon viermal Cloud-Dienste genutzt. Alle Dienste von Google, also auch Youtube, liegen schon immer in der Cloud. Das ist vielen Nutzern gar nicht bewusst.

Bei einem Streamingdienst wie Spotify kann es nicht anders sein?

Spotify ist einst mit zwei, drei Servern im Keller und einer guten Idee gestartet. Dann haben die Gründer erkannt, dass sie es sich gar nicht leisten können, eine Infrastruktur mit eigenen Servern aufzubauen und sind zu Google Cloud gewechselt. Das zeigt: Die Cloud demokratisiert das Internet und gibt zum Beispiel auch Start-ups die Möglichkeit, auf quasi unendliche Ressourcen zuzugreifen. Kleine Firmen können so mit großen Konzernen konkurrieren. Wegen der Digitalisierung zählt immer weniger, ob ein Unternehmen groß und mächtig ist. Wichtiger wird es, schnell, agil und innovativ zu sein.

Wie geht es mit den Cloud-Diensten weiter? Voriges Jahr gab es ein Wachstum um mehr als 30 Prozent. Wird sich dies fortsetzen?

Ja. Das Marktforschungsunternehmen Gartner geht davon aus, dass 2021 mehr als 75 Prozent der Mittelständler und der großen Organisationen eine klare Strategie für das Thema Cloud-Nutzung haben. Momentan haben nach unserer Einschätzung erst 25 bis 30 Prozent der Firmen ein klares und belastbares Konzept. Neue Technologien werden heute so entwickelt, dass sie kompatibel für die Cloud sind. Für die zahlreichen schon bestehenden Anwendungen hat Google Cloud eine Lösung entwickelt, wie diese Programme nahtlos von den eigenen Rechnern in die Cloud gelegt werden können. Das wird nicht von heute auf morgen passieren, sondern ein sukzessiver Prozess sein.

Privaten Nutzern wird ständig angeboten, Bilder, Videos und andere Inhalte mit großen Datenmengen in der Cloud zu speichern. Muss das wirklich sein?

Die Nutzung mobiler Geräte wird weiter steigen, und die Datenmengen werden exorbitant wachsen, vor allem durch immer mehr Bewegtbilder. 2020, also bereits nächstes Jahr, werden 82 Prozent des Internet-Traffics Videos sein. Die Cloud als Speichermedium wird damit für private Nutzer das Mittel der Wahl, wenn sie gleichzeitig mobil sein und ihre Daten sicher aufbewahrt wissen wollen. Dank Sicherungskopien, die in der Cloud liegen, haben Nutzer beispielsweise bei Kauf eines neuen Smartphones die Möglichkeit, im Handumdrehen ihre Daten aus der Cloud auf ihr neues Gerät zu ziehen.

Es gibt die schöne Idee, dass Smartphones bald verschwinden, andere Gadgets wie Brillen oder Kopfhörer deren Aufgaben übernehmen und dass die „Intelligenz“ in die Cloud ausgelagert wird. Glauben Sie daran?

Unterschätzen wir die Potenziale von Smartphones nicht, die Hardware ist da schon noch wichtig und in vielen Bereichen sehr weit – denken wir nur an die hervorragenden Kameras in vielen Geräten. Smartphones werden als Alleskönner immer besser, können Ihnen zum Beispiel mit Hilfe der Fotofunktion Straßenschilder in fremden Ländern übersetzen. Oder Sie sprechen einen Text auf Deutsch ins Smartphone ein und lassen ihn automatisch übersetzen. Die Intelligenz, die das möglich macht, kommt dabei aus der Cloud.

Zur Person

Annette Maierist die Chefin der Cloud-Dienste von Google in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie hat an der Kölner Universität einen Abschluss als Diplom-Kauffrau erlangt und kann 15 Jahre Erfahrung im Management und Vertrieb in der IT-Branche vorweisen. Vor ihrer Tätigkeit bei Google war sie unter anderem bei dem US-Software-Unternehmen VMware tätig.

Google Cloudgehört zum US-Hightech- Riesen Alphabet und ist derzeit weltweit die Nummer vier unter den Cloud-Anbietern.

Wenn die Cloud so wichtig ist, warum hat Google lange anderen Anbietern das Feld überlassen? Ihr Unternehmen ist weltweit nur die Nummer vier – weit hinter Amazon Web Services, Microsoft und Alibaba aus China. Hat Google da etwas verschlafen?

Das muss man etwas anders aufrollen: Denn gerade der Cloud-Markt ist nicht so eindimensional, wie er manchmal scheint. Ein klarer Vorteil, den wir bei uns sehen, ist die Infrastruktur. Google selbst wurde in der Cloud geboren und alle unsere Produkte werden über die Cloud zur Verfügung gestellt. Unser Anliegen ist es stets, erst in den Markt einzutreten, wenn wir davon überzeugt sind, dass wir die bestmöglichen Lösungen für unsere Nutzer anbieten können – und das kann manchmal etwas länger dauern. Zudem sind wir führend, wenn es um künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen geht. Sundar Pichai, Chef von Google, hat den Leitsatz „AI first“ ausgerufen, der sich durch das komplette Unternehmen zieht. Doch nicht nur wir setzen auf diese Technologie, sondern machen diese auch anderen Unternehmen besonders einfach zugänglich.

Marktforscher gehen davon aus, dass sich die Zahl der Cloud-Anbieter auf wenige ganz große Konzerne verengen wird, weil gigantische Rechnerkapazitäten benötigt werden. Das hört sich nach einem Oligopol an. Sehen Sie das auch so?

Ein Cloud-Anbieter muss sicher und verlässlich sein. Und es wird zunehmend künstliche Intelligenz und damit Rechenkapazität benötigt – etwa um in Call Centern einen Großteil der Anfragen automatisiert zu bearbeiten. Das alles zusammen erfordert einen riesigen Apparat und kostet Unmengen an Geld. Deshalb wird es eine Konsolidierung geben – denn es wird wohl nur einige wenige Anbieter geben, die das stemmen können. Das Kerngeschäft von Google Cloud ist dabei das Anbieten von Infrastruktur-Dienstleistungen. So kann etwa ein Rechenzentrum, das heute noch kosten- und wartungsintensiv von einem mittelständischen Zeitungsverlag selbst betrieben wird, morgen als Service über Google Cloud laufen. Das verschafft dem Betrieb Wettbewerbsvorteile. Zweitens bieten wir alles rund um das extrem wichtige Thema Datenanalyse an. Und drittens geht es um alles, was ein Unternehmen benötigt, um eine eigene Internetplattform zu entwickeln und zu betreiben.

Was hat der Verbraucher ganz konkret von all dem?

Um bei dem Beispiel zu bleiben: In Call Centern können sich Wartezeiten deutlich verkürzen, und zugleich werden die Verbraucher bei komplizierten Anfragen, die der digitale Call-Center-Assistent nicht beantworten kann, für kompetente Auskünfte an Menschen aus Fleisch und Blut weitergeleitet. Es geht darum, positive Nutzererfahrungen zu schaffen: Ich freue mich immer, wenn das Hotel, das ich gebucht habe, schon weiß, dass ich kein Raucherzimmer haben möchte und wenn eine Kaffeemaschine im Zimmer steht, weil ich morgens als Erstes einen guten Kaffee brauche.

Die Debatte über die Marktmacht der Cloud-Anbieter hat begonnen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) denkt darüber nach, ein europäisches Cloud-Netzwerk zu schmieden, um von US-Konzernen unabhängiger zu werden. Fürchten Sie eine staatlich kontrollierte Super-Cloud?

Es geht auch ohne eine solche Staats-Cloud: Letztlich geht es doch darum, das zu bieten, was der Kunde braucht und will. Und das sind hochverfügbare, sichere, skalierbare und innovative Lösungen, die ihm Flexibilität garantieren und ihn nicht an einen einzigen Anbieter binden. Wir verfügen nicht nur über ein großes Ökosystem an Partnern, sondern unterstützen genauso auch hybride- und Multi-Cloud-Ansätze: Unternehmen können zum Beispiel kritische Daten und Programme nach wie vor auf eigenen Rechnern speichern, wenn das für sie aus bestimmten Gründen erforderlich ist, und zugleich einen anderen Teil ihrer Computer-Infrastruktur über die Cloud betreiben.

Wie oft werden Sie auf die Sicherheit der Daten in der Cloud angesprochen?

Wir werden immer danach gefragt und es ist für uns ein äußerst wichtiges Thema. Denn ohne das Vertrauen unserer Kunden können wir nicht bestehen. Die Daten unserer Cloud-Kunden behandeln wir streng vertraulich und sie gehören dem Kunden, nicht uns. Wir sind lediglich der Datenauftragsverarbeiter. Die Daten werden grundsätzlich verschlüsselt und wir schützen unsere Cloud Services gegen Angreifer und Datenverlust durch extrem feinmaschige Sicherheitsmaßnahmen. Wir durchlaufen mit Google Cloud hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit alle möglichen Arten von Zertifizierungen, so unter anderem auch die des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik. Das ist auch für das internationale Geschäft wichtig ist, denn Deutschland ist bei dem Thema beispielhaft, hat eine Vorbildfunktion.

Die Sensibilität in punkto Datennutzung und Datenmissbrauch wächst?

Ja, das sehe ich auch – aber interessanterweise mehr bei der jüngeren als bei der älteren Generation. Das hat offenbar damit zu tun, dass Schülerinnen und Schüler inzwischen in der Schule dem Thema begegnen. Die Generation zwischen 40 und 60 Jahren ist da oft nachlässiger. Gerade im Mai dieses Jahres haben wir übrigens das Google Safety Engineering Center in München eröffnet. Hier beschäftigen sich Kolleginnen und Kollegen damit, für alle Nutzer weltweit Tools rund um die Sicherheit und Privatsphäre zu entwickeln. Ich muss aber auch sagen: Wir sind als Verbraucher und Verbraucherinnen auch selbst verantwortlich, was mit unseren Daten passiert beziehungsweise wozu wir Einwilligungen geben. Damit man hier besser informierte und aufgeklärte Entscheidungen treffen kann, unterstützt Google Endanwender, Selbständige, kleine und mittelgroße Unternehmen mit Initiativen wie der Google-Zukunftswerkstatt und vermittelt wichtiges Wissen für den Online-Bereich.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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