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Turmbau zu Algier: Der chinesische Staatskonzern CSCEC baut eine in Algerien.

Chinesische Arbeitskräfte im Ausland

"Die Chinesen sind überall"

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Abenteuerlust und Geschäftssinn: Millionen Chinesen suchen rund um den Globus ihre Chance.

Der 34-jährige Wang Qilin fährt einen Bagger. Als Kanalbauer buddelt er Gräben für Abwasserrohre. Wang verdient damit etwas über tausend Euro im Monat. Heute ist er auf dem Weg von seinem Arbeitsplatz zurück nach Hause: In einem Riesen-Airbus der Fluggesellschaft Emirates mit der Flugnummer EK304 in Richtung Shanghai-Pudong. Wang arbeitet auf einer Baustelle in Ghana und darf nur jedes Jahr einmal in die Heimat zurückfliegen. In der Nähe der Hauptstadt Accra baut sein Arbeitgeber, eine chinesische Baufirma, einen kleinen Stadtteil samt Straßenanbindung. „Mein Chef setzt lieber chinesische Arbeiter ein, da ist der Schulungsbedarf geringer“, sagt Wang. „Ich vermisse zwar meine Frau, aber es gibt im Frühjahr dafür einen dicken Bonus.“

Wang ist einer von Millionen Chinesen, die heute im Ausland arbeiten. Denn nicht nur im unsichtbaren Netz der Finanzbeziehungen und der Firmenbeteiligungen hat sich China weltweit verzahnt. Und nicht nur chinesische Touristen sind weltweit aufgetaucht, um Frankfurter Zeil und Pariser Champs Elysee zu bevölkern. Ein anderes Phänomen entwickelt sich unauffälliger, aber nicht minder mächtig: Ein Heer von Geschäftsleuten und Arbeitern erschließt sich den Planeten.

Die Welt wird damit auch auf dieser Ebene immer chinesischer. Der Aufstieg des Reichs der Mitte findet längst nicht mehr hinter der Chinesischen Mauer statt. „Chinas stille Armee erobert den Westen“, sagt der spanische Journalist Juan Pablo Cardenal, der die Auswanderer von Iran bis Peru, von Luanda bis Hanoi erforscht und beschrieben hat. Er zitiert einen ägyptischen Ladenbesitzer in Kairo: „Die Chinesen sieht man nicht, aber sie sind überall.“

Der Exodus ist staatlich toleriert. China hat genug Menschen. Einige der Arbeiter sind nur auf Zeit im Ausland eingesetzt wie Wang. Andere gehen langfristig nach Übersee, um dort ihr Glück zu machen. Der große Reformer Deng Xiaoping sagte Ende der 70er-Jahre: „Wer weggehen will, soll gehen“, und gestattete erste Ansätze von Reisefreiheit. Doch Deng fügte hinzu: „Aber ist die Welt wirklich auf zehn Millionen Chinesen vorbereitet?“ Die Einschätzung war prophetisch. Ein Pekinger Forschungsinstitut, das Centre for China and Globalization, schätzt heute, dass seitdem gut zehn Millionen Bürger dauerhaft ausgewandert sind.

Für die Ausreise gibt es viele Gründe. Die weniger qualifizierten Emigranten wollen im Ausland schlicht Geld verdienen. Sie sehen überall Chancen, und klopfen jede Situation auf ihre Geschäftsaussichten ab. Wenn sie im Radio hören, dass in Ägypten die Wirtschaft am Boden hängt, denken sie gleich daran, dort billige Kleidung zu verkaufen. Ganze Clans kontrollieren dann die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion der Stoffe in Südchina bis zum Türverkauf in Kairo.

Im chinesischen Inland sind die Mieten hoch, die Preise steigen, das Wachstum sinkt und die Luft ist schlecht. In vielen Ländern gibt es zudem bereits eine chinesische Gemeinde, die Nachzüglern hilft, Fuß zu fassen. 

Die Stadt Wenzhou an der Küste im Südosten des Landes liegt hinter einer Reihe von Bergketten. Das Meer lag ihren Bewohnern immer näher als der Rest Chinas. Die Stadt neigt zur Originalität. Nirgendwo in China gibt es so viele christliche Kirchen. Die Spezialität der örtliche Küche ist gesottene Haifischhaut mit Knoblauch. Heute ist die Stadt mit einer modernen Zugstrecke angebunden. Doch noch vor zehn Jahren zog es die jungen Töchter und Söhne der Stadt ins Ausland, um dort Geschäfte zu machen. 

Die Leute aus Wenzhou machen beispielsweise die größte Gruppe von chinesischen Einwanderern in Frankreich aus: Im Jahr 2010 zählten sie Schätzungen zufolge 350 000 Menschen. Eine erste Welle von ihnen kam schon im 19. Jahrhundert nach Frankreich, um Keramik herzustellen. Weitere Arbeiter wanderten während des Ersten Weltkrieg nach Frankreich aus. Doch die Mehrzahl ist nachgezogen, nachdem China Anfang der 80er-Jahre seine Grenzen geöffnet und seinen Bürger die Ausreise gestattet hat. Die bereits etablierten Wenzhouer holten ihre Verwandten nach. 

Journalist Cardenal beschreibt, wie chinesische Wanderarbeiter ganze Wirtschaftszweige übernehmen. In Kairo beispielsweise lassen sie ägyptische Schneider für sich nähen, weil das oft noch billiger ist als der Import aus China. Die Verkäuferinnen ziehen dann kundenfreundlich nach dem Abendgebet von Haus zu Haus. Für die strenggläubig muslimischen Damen haben sie selbstverständlich eine große Auswahl von modischen Niqabs und Hidschabs in ihrem Rollkoffer dabei. 

„Der typische chinesische Auswanderer hat meist keine Ausbildung und wird von seinem Arbeitgeber ausgebeutet“, sagt Cardenal. „Aber er ist gewitzt und kann gut sparen.“ Sein Ziel: Er will das angesammelte Kapital nutzen, um sein eigenes Kleinunternehmen zu gründen, „um in der Produktionskette einen Schritt nach oben zu tun“.

Nachdem China in den ersten drei Jahrzehnten seiner Öffnung die Welt zunächst in die eigenen Grenzen hineingelassen hat, geht es nun selbst in die Welt hinaus – und schickt sich an, das globale Geschehen mitzuprägen. Seit der selbst auferlegten Isolation erst in der Kaiserzeit, dann in der Volksrepublik unter Mao Zedong, ist das Land weit gekommen. Vom „Langen Marsch ins Ausland“, spricht die britische Zeitschrift „Economist“.

Ursache für die Veränderung der Mentalität ist die Entwicklung der Wirtschaft, die generell der Schrittmacher für die vielen Veränderungen im Land ist. In den meisten Fällen treibt das Streben nach guten Geschäften die abenteuerlustigen Chinesen ins Ausland. Während 1990 noch weniger als zwei Prozent der weltweiten Exporte aus China kamen, sind es heute mehr als zehn Prozent – und die Importe holen schnell auf. 

China ist wie Deutschland einer der größten Treiber und Profiteure der Globalisierung. Doch im bevölkerungsreichsten Land der Welt liegt das Durchschnittseinkommen auf dem Lande immer noch lediglich bei 1700 Euro – im Jahr. Im Kielwasser der wirtschaftlichen Integration folgen auch die kleinen Geschäftsleute und Arbeiter dem Sog der Verdienstmöglichkeiten im Ausland. Chinesische Einwanderer gelten dabei als vergleichsweise erfolgreich: Die konfuzianische Kultur betont Bildung, Bildung, Bildung. Auch wenn die Eltern die Landessprache nur schlecht beherrschen, bestehen sie darauf, dass ihre Kids immer alle Hausaufgaben erledigen und gute Noten nach Hause bringen. Eine Studie in Australien hat ergeben, dass die Kinder ostasiatischer Einwanderer im Pisa-Test im Schnitt 102 Punkte besser abschnitten als die der alteingesessenen Bewohner.

Das Phänomen gibt es auch in Deutschland. Die Eltern des heute 40-jährigen Liang haben noch in einem China-Restaurant in Hamburg gearbeitet. Sein Vater hat in seinem Heimatland nur die Mittelschule abgeschlossen. Doch es war Ehrensache für die Einwanderer, dass der Sohn studieren sollte. In den 90er-Jahren schrieb er sich zuerst in Sinologie ein – weil die Familie dachte, wer schon Chinesisch kann, habe es da leicht. Später wechselte er auf Betriebswirtschaftlehre, weil ihm das weniger akademisch erschien als die Chinastudien. Er ist der erste in der Familie, der ein Studium abgeschlossen hat.

Die Mehrheit der Chinesen, die heute neu nach Deutschland kommen, ist dagegen bereits bestens ausgebildet. Der 35-jährige Zhang Bo beispielsweise hat an der Universität Freiburg studiert und gleich im Anschluss einen Job bei einer PR-Agentur in der Region gefunden. Heute arbeitet er für einen Automobilzulieferer im Südwesten Deutschlands. „Ich wollte unbedingt die Welt sehen“, sagt Zhang. „Vorher kannte ich nur meine Heimatprovinz Hunan.“ Deutschland genieße in China einen guten Ruf. Den Ausschlag für die Wahl seines neuen Heimatlandes haben aber die niedrigen Kosten fürs Studium gegeben. 

Einen zusätzlichen Schub erhält die Auswanderung derzeit auch durch die neue Seidenstraße. Die neue Eisenbahnstrecke durch das bitterarme Laos haben chinesische Arbeiter gebaut. Im Grenzland zu Kasachstan kommen bereits 80 Prozent der Waren auf den örtlichen Märkten aus China – verkauft von chinesischen Händlern vor Ort. Afrika, das nach chinesischer Vorstellung an der „Meeres-Seidenstraße“ liegt, ist ebenfalls inzwischen ein logisches Ziel der chinesischen Auswanderung. 

Kanalbauer Wang ist der Ansicht, dass seine Firma den Ghanaern Glück bringt. „Vorher ist da doch nichts fertiggeworden. Wir bauen in Afrika Flughäfen und so weiter“, sagt er. Besonders stolz ist er auf die Leistung seiner eigenen Truppe von Arbeitern: „Wir verlegen die ersten brauchbaren Abwasseranlagen weit und breit.“ Afrika könne froh sein, an solche Wohltäter wie die Chinesen geraten zu sein. 

Es gibt jedoch auch andere Stimmen. Die Arbeitslosenquote in Ghana erreicht nach offizieller Statistik zwölf Prozent. Der Weltbank zufolge hat sogar knapp die Hälfte der jungen Ghanaer keinen Job. Da stellt sich die Frage, ob der Import von Arbeitskräften nachhaltig ist. Und vor vier Jahren hat Ghana 168 Chinesen verhaftet, die dort illegal Gold abgebaut haben – bei enormer Verpestung der Umwelt. 

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