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Sieht schön aus: Menschen in Shenyang werfen heißes Wasser in die Luft, das sofort zu Eiskristallen gefriert. Aber auch wegen der eisigen Winter verlassen viele Menschen die Region.
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Sieht schön aus: Menschen in Shenyang werfen heißes Wasser in die Luft, das sofort zu Eiskristallen gefriert. Aber auch wegen der eisigen Winter verlassen viele Menschen die Region.

Chinas Nordosten

Chinas abgehängte Region

  • VonFabian Kretschmer
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Der Nordosten der Volksrepublik, „Dongbei“ genannt, war einst eine wirtschaftliche Triebfeder des Landes. Davon ist nichts mehr zu spüren.

Mit ausgestrecktem Arm und gutmütigem Blick grüßt ein steinerner Mao Zedong vom Zhongshan-Platz in Shenyang. Der Blick des Landesgründers fällt auf japanische Kolonialbauten, kommunistische Architektursünden und einen lärmenden Kreisverkehr. Mit einer Höhe von neun Metern ist die Mao-Statue in Shenyang, dem wirtschaftlichen Zentrum im Nordosten Chinas, eine der größten in der Volksrepublik.

Dass sie die ideologischen Umwälzungen der letzten 50 Jahre überlebt hat, ist kein Zufall: Mao bezeichnete den Nordosten einst stolz als „ältesten Sohn“ des Landes, auf dessen Schultern die Zukunft der gesamten Familie ruhe. Längst jedoch hat sich der älteste Sohn zum schwarzen Schaf entwickelt.

„Dongbei“ wird der Nordosten Chinas genannt, er umfasst die Provinzen Liaoning, Jilin und Helongjiang. In den 30er Jahren kolonialisierte das japanische Kaiserreich die Region. Für dessen wirtschaftliche Ausbeutung wurden im Gebiet der einstigen Mandschurei Eisenbahnnetze und Industriefabriken errichtet. Nach Gründung der Volksrepublik konnte die Kommunistische Partei die bestehende Infrastruktur für Schwerindustrie und Kohleabbau nutzen. Bis Ende der siebziger Jahre galt Dongbei mit seinen unzähligen Staatskombinaten als Modellregion.

Doch mit der wirtschaftlichen Öffnung in den Achtzigern begann der Abstieg des chinesischen „Rostgürtels“. Gemeinhin wird im Reich der Mitte stets von der prosperierenden Ostküste und den rückständigen Hinterlandprovinzen gesprochen. Doch tatsächlich verläuft das Wirtschaftsgefälle noch viel stärker zwischen nostalgischem Norden und dynamischen Süden. Insbesondere die Dongbei-Provinzen hinken in sämtlichen Parametern hinterher.

Nirgendwo ist die Geburtenrate niedriger, die Abwanderung von Talenten stärker und die Überalterung der Gesellschaft sichtbarer. Das Haushaltsdefizit im Nordosten beträgt rekordverdächtige 15 Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts, die landesweit niedrigsten Patentanmeldungen deuten auf einen schwachen Unternehmergeist hin.

Eine Frage der Mentalität

War Shenyang 1978 noch die Stadt mit dem fünftgrößten Bruttoinlandsprodukt im Land, schafft sie es mittlerweile kaum mehr unter die besten 30. Würde man in der Mitte Chinas einen imaginären Strich ziehen, dann ist Peking mittlerweile die letzte nördliche Bastion unter den zehn prosperierendsten Städten.

Sichtbar wird die Stagnation auf den Straßen von Shenyang, die für Besucher:innen einen nostalgischen Blick in ein vergangenes China bieten: Auf Flohmärkten bieten Senior:innen am Straßenrand Mao-Memorabilia, Altkleider und jahrzehntealte Erotik-Kalender feil. Im koreanischen Xita-Viertel verkaufen kleine Eckläden Kimchi und Kosmetikprodukte aus Seoul. Das imposante Liaoning-Hotel, wo einst Größen der Kommunistischen Partei eingecheckt haben, ist nur mehr ein angestaubter Schatten seiner selbst.

Auf den verkehrsarmen Straßen, dessen Architektur ans Ostberlin der 80er Jahre erinnert, sind nur mehr die ganz Alten und ganz Jungen zu sehen. Angetrieben durch fehlende berufliche Perspektiven, aber auch die sibirisch kalten Wintermonate, sind viele Schul- und Universitätsabgänger:innen in wärmere Gefilde abgewandert.

Dass die Dongbei-Region immer stärker ins Hintertreffen gerät, hat vornehmlich strukturelle Gründe: Die großen Kohlewerke und Ölreserven sind längst nicht mehr tragfähig, die Stahlfabriken leiden unter dem abflachendem Bauboom. Doch vor allem ist die Stagnation der Mentalität geschuldet: Während man sich im Norden in der Vergangenheit stets auf die helfende Hand des Staates verlassen konnte, hielten sich die Wirtschaftsplaner im Süden weitgehend zurück.

Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet an der Südostküste zwischen Shenzhen und Shanghai eine pragmatische Unternehmerkultur entwickelt hat, die mit seiner vielfältigen Wirtschaft von Halbleiterindustrie über Schiffsbau bis hin zu Vermögensverwaltung sämtliche Krisen bisher am besten überstanden hat.

Die Corona-Pandemie, die in China seit Spätsommer 2020 überwunden ist, hat das Nord-Süd-Gefälle weiter ausgebreitet: Die Schwerindustrie in Dongbei hat unter dem plötzlichen Nachfrage-Schock ganz besonders gelitten, während sich die digitalen Wirtschaftszweige im Süden schnell anpassen konnten.

Für die kommunistische Partei ist die Ungleichheit eine nationale Schande, allein schon weil sie nach wie vor das „kommunistisch“ im Namen trägt. Derzeit zeigt sich ist der Nordosten des Landes als Art chinesisches Ruhrgebiet, das sich noch nicht neu erfunden hat.

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