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Demonstranten machten sich Anfang Februar in München vor der Siemens-Hauptversammlung für die Rechte der Uiguren stark.

China

Verdacht auf Uiguren-Zwangsarbeit bei Zulieferern deutscher Unternehmen

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Zehntausende Uiguren sollen einer Studie zufolge in China auch bei Zulieferern deutscher Unternehmen Zwangsarbeit leisten. Volkswagen weist die Vorwürfe zurück.

  • Verdacht von Zwangsarbeit von Uiguren bei Zulieferern deutscher Unternehmen
  • Studie der australischen Denkfabrik zeigt die Vorwürfe
  • Freie Recherche zu dem Thema ist überaus schwer

Die Anklageliste scheint endlos: Der amerikanische Tech-Riese Apple befindet sich ebenso darunter wie die südkoreanische Konkurrenz Samsung und Chinas führender Smartphone-Produzent Huawei. Auch deutsche Unternehmen lassen sich auf der Liste mit 83 Weltmarken finden, etwa Volkswagen, Siemens und Adidas. Sie alle sollen von der wirtschaftlichen Ausbeutung der muslimischen Minderheit der Uiguren in China profitieren.

Das zumindest legt eine jetzt veröffentlichte Studie der australischen Denkfabrik „Australian Strategic Policy Institute“ (Aspi) nahe. Unter Auswertung von Satellitenbildern, Zulieferlisten der Unternehmen und Medienberichten haben die Studienautoren insgesamt 27 Fabriken in ganz China identifiziert, in die seit 2017 mindestens 80 000 Uiguren vermittelt wurden. Dort sollen die Angehörigen des Turkvolks aus der westchinesischen Provinz Xinjiang als Zwangsarbeiter auch für Zulieferer westlicher Firmen schuften.

Ein Rückblick: Rund eine Million Uiguren aus der abgelegenen Region Xinjiang hat die chinesische Regierung laut Menschenrechtsorganisationen in Internierungslagern weggesperrt. Ehemalige Insassen, die mittlerweile außer Landes leben, berichten von körperliche Folter und politischer Indoktrinierung in den Zentren.

Mehrere Leaks interner Regierungsdokumente belegen, dass Angehörige der muslimischen Minderheit in Xinjiang bereits wegen banaler Vorwürfe Konsequenzen zu fürchten haben. Wer etwa einen Bart trägt, keinen Alkohol trinkt oder Verwandte im Ausland hat, gerät schnell unter Verdacht und wird von Behörden überwacht.

Verdacht der Zwangsarbeit: Volkswagen weist Vorwürfe zurück

Nachdem die kommunistische Partei die Einrichtungen zunächst geleugnet hatte, präsentierte sie die Lager schließlich als „Ausbildungszentren“, um die Muslime zurück in die Gesellschaft zu integrieren und zu deradikalisieren. Tatsächlich zeichneten Anhänger der Uiguren für etliche Terroranschläge der vergangenen Jahre verantwortlich. Nachdem die Internierungslager wegen ihrer Menschenrechtsverbrechen zunehmend in den medialen Fokus gerieten, behauptete zuletzt Xinjiangs Lokalgouverneur, dass sämtliche Uiguren die „Ausbildungslager“ mit einem „Schulabschluss“ verlassen hätten.

Der Aspi-Bericht zeigt nun, wie deren Zukunft ausschaut. Die Provinzregierung würde „Kopfgeld“ an Mittelsmänner für jeden vermittelten Uiguren zahlen. In Online-Annoncen werden die „von der Regierung gesponserten uigurischen Arbeitskräfte“ angepriesen. „Die Vorteile der Arbeiter aus Xinjiang sind: quasi-militärisches Management, können Härte aushalten, kein Personalverlust ... Lieferungen von mindestens 100 Arbeitern!“, heißt es beispielsweise.

Bei den Arbeitsangeboten würde es sich de facto um Zwangsarbeit handeln, da den Muslimen stets eine willkürliche Inhaftierung drohe. In Sonderzügen würden die Arbeiter durchs Land zu ihren Fabriken geschickt, wo sie oft hinter abgezäunten Fabrikgeländen in separaten Wohnheimen leben müssten. Zwar könnten die Uiguren dort ihre Arbeitsplätze zu gewissen Zeiten verlassen, stünden jedoch unter ständiger Beobachtung. Chinesische Medien hingegen schreiben von einem freiwilligen, fair bezahltem Arbeitsvermittlungsprogramm.

Recherche zu dem von China als „sensibel“ eingestuftes Thema ist schwer

Die Angaben unabhängig zu überprüfen, ist überaus schwer: Die freie Recherche zu dem von der chinesischen Regierung als „sensibel“ eingestuften Thema ist stark eingeschränkt. Die allermeisten Uiguren sprechen aus Angst nicht mit ausländischen Journalisten. Eine Reportage der „Washington Post“ legt jedoch nahe, dass die Abläufe in den Fabriken denen der Umerziehungslagern in Xinjiang ähneln. In einer Produktionsstätte bei Qingdao müssten etwa die dort arbeitenden Frauen in den Abendstunden Ideologiekurse belegen und seien in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. In der betroffenen Fabrik werden im Auftrag eines südkoreanischen Zulieferers knapp acht Millionen Turnschuhe für den US-Sportartikelhersteller Nike produziert.

Die Studienautoren fordern unter anderem, dass die westlichen Unternehmen ihre Zulieferkette auf uigurische Zwangsarbeit hin überprüfen sollten. Oft ist dies jedoch aufgrund eines komplizierten Geflechts aus internationalen Zulieferketten schwierig.

Der deutsche Automobilhersteller Volkswagen, der auch in dem Report vorkommt, weist die Anschuldigen zurück: Keiner der in der Studie genannten Zulieferer würde derzeit direkt an VW liefern, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme: „Wir stellen sicher, dass all unsere Arbeit mit Fabriken, Vertriebsfirmen und Zulieferern auf unseren Prinzipien basiert, darunter Respekt gegenüber Minderheiten und Arbeitsnormen.“

von Fabian Kretschmer

DieRegierung von China behauptet, Angehörige der muslimischen Minderheit Uiguren aus den sogenannten Ausbildungszentren entlassen zu haben.

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