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Alles eine Nummer größer: Öltanker im Ningbo-Zhoushan-Hafen.

China

Chinas wachsendes Gewicht in der Welt hat ökonomische Folgen für Europa

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Handel, Technologie, Patente: China nimmt es in vielen Bereichen längst mit den USA auf. Was bedeutet das für die Europäische Union?

Die Angst vor China geht um. Die USA haben Peking als „strategischen Gegner“ markiert. Die EU trifft auf dem EU-China-Gipfel laut eigener Definition auf einen „Systemrivalen“. Die Sorgen des Westens speisen sich vor allem aus einer Entwicklung: Chinas Wirtschaft ist in kurzer Zeit riesig geworden. Noch 1995 war die Wirtschaftsleistung der EU fünf Mal größer als die der Volksrepublik. Heute hat sie – je nach Berechnung – die bisherige Nummer eins, die USA, schon eingeholt oder wird dies bald tun.

Aber ist damit die Volksrepublik schon eine globale Führungsmacht? Und sofern man nicht Peking den Willen zur Unterjochung des Westens unterstellt – was würde sich ändern, wenn nicht länger die Vereinigten Staaten, sondern China die größte Wirtschaft der Welt ist?

Unter Ökonomen läuft noch die Debatte, wie groß Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) wirklich ist. Hält man die offiziellen Daten Pekings für verlässlich, so liegt sein BIP schon heute über dem amerikanischen – allerdings nur, wenn man die Wirtschaftsleistung beider Länder nicht anhand des Wechselkurses Dollar zu Renminbi vergleicht, sondern anhand von Kaufkraftparitäten, also indem man die Kaufkraft beider Währungen anhand eines repräsentativen Warenkorbs bestimmt. Nimmt man zum Vergleich dagegen den offiziellen Wechselkurs, so ist das BIP der USA noch um 50 Prozent größer als das chinesische.

Macht durch Marktgröße

Doch auch dieser Vorsprung dürfte schrumpfen. Wie schnell dies geschieht, hängt ab von den unterstellten Wirtschaftswachstumsraten beider Länder. Die US-Investmentbank Goldman Sachs sieht China im Jahr 2028 gleichauf mit den USA, laut dem Brookings Institut könnte es aber bis 2050 dauern. Eine schwere Krise oder ein Verfall der chinesischen Währung Renminbi würden dieses Datum weiter hinausschieben.

Chinas wachsendes Gewicht in der Welt hat ökonomische Folgen für Europa, insbesondere in Handelsfragen. Denn „Verhandlungsmacht bei internationalen Handelsabkommen entsteht durch Marktgröße“, erklärt das Münchener Ifo-Institut, „deshalb verhandelt auch die EU darüber und nicht jedes der 28 Mitglieder einzeln.“ Zählt man Importe und Exporte zusammen, so ist die Volksrepublik bereits heute die global größte Handelsnation, lediglich bei der Summe der Importe liegen die USA noch vor China.

Doch seine Wirtschaftsleistung und sein Handelsvolumen allein machen das Reich der Mitte noch nicht zur globalen Führungsmacht. Strategische Vorteile haben die USA noch im Bereich Technologie. So liegt ihr gesamtes Budget für Forschung und Entwicklung nach Berechnungen der französischen Bank Natixis bei über 500 Milliarden Dollar im Jahr, China erreicht nicht einmal die Hälfte. Zudem halten die USA vier Mal mehr Patente als die Chinesen – kein Wunder, dass die US-Regierung den Schutz geistigen Eigentums zum zentralen Ziel der US-chinesischen Handelsgespräche erklärt hat.

Dollar macht USA stark

Zudem ist Washington militärisch überlegen, sein Rüstungsbudget ist mit 600 Milliarden Dollar pro Jahr drei Mal so groß wie das Pekings. Den größten Vorsprung haben die USA jedoch auf dem Finanzgebiet: Sie sind der Finanzmarkt der Welt, allein ihr Anleihemarkt beträgt das Vierfache des chinesischen. Und während der Renminbi nur lokale Gültigkeit hat, ist der US-Dollar das Geld der Welt, mit dem global investiert, gespart und gekauft werden kann. Das beschert den USA eine permanente Nachfrage nach ihrer Währung und ermöglicht ihnen so eine nahezu grenzenlose Verschuldungsfähigkeit.

Die Geschichte des Aufstiegs und Falls der Weltmächte zeigt jedoch: Das Wachstum der Wirtschaftskraft zieht die Bereiche Finanzen, Technologie und Militär nach sich. Ökonomische Riesen bleiben keine politischen Zwerge. So arbeitet Peking intensiv an der internationalen Stärkung seiner Währung. Zudem verschafft sein Wirtschaftswachstum China die Mittel zur Aufrüstung, die Militär- wie auch die Forschungsausgaben haben sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

In einigen digitalen Schlüsseltechnologien ist China bereits dabei, an den USA vorbeizuziehen. Im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) habe die Volksrepublik 2018 zweieinhalb Mal so viele Patente angemeldet wie die Vereinigten Staaten, heißt es in einer Untersuchung des China-Instituts Merics. In die auch militärisch wichtige  sogenannte Quanten-Kryptografie investiere China zehn Mal soviel wie die USA.

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Und Chinas Wirtschaft wird weiter an Volumen gewinnen. Denn auf dem Weltmarkt zieht Größe Wachstum nach sich. Die Volksrepublik profitiert dabei von etwas, was Ökonomen „Agglomerations-Effekte“ nennen, also von der Tatsache, dass Unternehmen sich in bestimmten Regionen konzentrieren, um nahe an Forschung, Zulieferern und Kunden zu sein. Daraus entstehen industrielle Kerne, Cluster, um die herum sich Wertschöpfungsketten bilden. Diese Ketten wandern zunehmend nach Asien ab. „Auch wenn gern von einem grenzenlosen Weltmarkt und sinkenden Transportkosten gesprochen wird, so spielt räumliche Nähe eine große Rolle in der Weltwirtschaft“, erklärt das Peterson Institute for International Economics in Washington. Die Folgen gerade für weltmarktabhängige Länder wie Deutschland wären gravierend. Das hat auch das Bundeswirtschaftsministerium erkannt. Seine „Industriestrategie 2030“ hat sich daher die Rückverlagerung globaler Wertschöpfungsketten nach Europa zum Ziel gesetzt.

Auch ein militärischer Machtzuwachs ließe die Europäer nicht unberührt, selbst wenn sie nicht mit Peking auf diesem Gebiet konkurrieren wollten. Denn „Handelsverträge haben auch geopolitische Motive“, so Barry Eichengreen. Nach einer Untersuchung der internationalen Beziehungen kommt der US-Ökonom zu dem Ergebnis: Militärbündnisse zwischen Staaten erhöhen deutlich die Wahrscheinlichkeit eines Handelsabkommens. Zögen sich die USA aus der Nato zurück, so Eichengreen, sänke die Attraktivität Amerikas als Handelspartner. Im Umkehrschluss müsste sich Europa einem geopolitisch stärkeren China annähern, wenn es Zugang zum chinesischen Markt will.

Unabsehbar wären schließlich die Folgen, wenn Chinas Aufstieg dazu führt, dass die Rolle des US-Dollars als global unzweifelhaft gültiges Geld angezweifelt würde. Damit verlören nicht nur die USA ihre finanzielle Souveränität. Erschüttert wäre das gesamte globale Finanzsystem, das auf dem Dollar aufbaut und ihn als sicheren Hafen braucht. In der vergangenen Finanzkrise war es die US-Zentralbank, die mit der Zusage von unbegrenzten Dollar-Krediten das Weltfinanzsystem vor dem Zusammenbruch bewahrte. Ein „multilaterales Weltwährungssystem“, wie es Peking vorschwebt, hätte seine letzte Sicherheit verloren.

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