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China setzt auf Fracking – trotz Erdbeben und hoher Kosten

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Von: China.Table

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China setzt auf die umstrittene Fracking-Methode. Doch die Industrie steht vor großen Herausforderungen. Die Ausbeute ist gering und es gibt Proteste wegen Erdbeben.
Feuerwehrleute in Sichuan 2009 versuchen, ein Feuer an einer Gasquelle einzudämmen. China setzt seit Jahren auf die umstrittene Fracking-Methode. Doch die Industrie steht vor großen Herausforderungen. Die Ausbeute ist gering, und es gibt Proteste wegen Erdbeben. © Imago

China sagt Ja zum Fracking. Unumstritten ist die Methode zum Fördern von Gas allerdings auch in der Volksrepublik nicht: Sie ist teuer und wird von manchen als Gefahr angesehen.

Peking – Christian Lindner sprach sich jüngst für das Fracking in Norddeutschland aus. In einigen Fällen sei Fracking „verantwortbar“, auch die Förderung von Gasvorkommen in der Nordsee sei „sinnvoll und machbar“, so Lindner gegenüber ntv. Den USA bescherte die Fracking-Technologie bereits einen Gasboom. Das Land ist mittlerweile Netto-Gas-Exporteur. In Deutschland wird seit einigen Wochen über die Aufhebung des Verbots der umstrittenen Fördermethode debattiert. Die drohende Gas-Krise infolge des Ukraine-Konflikts macht das Thema wieder aktuell.

In China wird das Fracking schon seit vielen Jahren angewandt. Schiefergas soll zur Energieversorgung des Landes beitragen und die Abhängigkeit von der Kohle reduzieren. Das würde auch den Klimazielen des Landes nutzen, schließlich dominiert die Kohle noch immer den Strommix.

Laut einigen Schätzungen verfügt China über die weltweit größten Schiefergas-Reserven. Das US-Energieministerium ging 2013 davon aus, dass die chinesischen Reserven fast doppelt so groß sind wie jene der USA. Schon ein Jahr zuvor gaben die Behörden ein ambitioniertes Ziel aus: Bis zum Jahr 2020 sollte die jährliche Förderung auf 60 bis 100 Milliarden Kubikmeter steigen. Doch die Ziele wurden weit verfehlt. 2020 wurden lediglich 20 Milliarden Kubikmeter gefördert. Selbst das korrigierte Ziel von 30 Milliarden wurde somit nicht erreicht. Lokale Proteste sind nur eine Ursache dafür.

Fracking in China: Erdbeben und Proteste Tausender Anwohner

In Sichuan kam es infolge des Fracking-Booms zu Erdbeben. Die Provinz weist die größten förderfähigen Vorkommen auf. Im Jahr 2019 kam es zu mehreren Vorfällen. Tausende Bewohner der Region protestierten damals vor dem Regierungsgebäude des Rong-Bezirks. Sie machten die Fracking-Industrie für die Erdbeben verantwortlich. Durch die Beben kamen zwei Menschen ums Leben, 13 wurden verletzt. 20.000 Gebäude wurden beschädigt, und neun stürzten komplett ein, wie die New York Times berichtete. Nach den Protesten wurde das Fracking in dem Bezirk ausgesetzt, doch die Behörden dementieren einen Zusammenhang zwischen der umstrittenen Gasförderung und den Erdbeben.

Probleme könnte es in Zukunft auch beim Wasser geben: Fracking, bei dem ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in das Gestein gepresst wird, ist sehr wasserintensiv. Gleichzeitig mangelt es in einigen Regionen Sichuans an Wasser. Hinzu kommt: Die Provinz ist dicht besiedelt. Die Fracking-Industrie kann den Menschen kaum aus dem Weg gehen, Konflikte sind vorprogrammiert.

Fracking in China: Förderung technisch anspruchsvoll und teuer

China sitzt zwar auf dem größten Schatz an Schiefergas – kommt aber nur schwer ran. Die Reserven liegen in größeren Tiefen als in den USA. In der größten Gas-Region in Sichuan müssen die Gasunternehmen bis in Tiefen von über 4.500 Meter bohren – ungefähr doppelt so tief wie in den USA. Damit steigen auch die Förderkosten. Laut der Beratungsfirma Wood Mackenzie kostet eine tiefe Schieferbohrung neun Millionen US-Dollar, zwei Millionen mehr als eine mitteltiefe Bohrung. Zudem sind Chinas Vorkommen nicht so stark konzentriert wie die in den USA, und die Provinz Sichuan ist sehr gebirgig. Fördertürme müssen aber auf ebener Erde stehen und auch Pipelines sind im Gebirge schwer zu bauen.

All diese Herausforderungen treiben die Kosten in die Höhe. Laut PetroChina kostet das Schiefergas-Fracking 20 bis 30 Prozent mehr als die Förderung konventioneller Vorkommen. "Hochkomplexe über- und unterirdische Herausforderungen bedeuten, dass die chinesische Schiefergasreise weiterhin sehr anders aussehen wird als die in den USA", sagt Zhang Xianhui von der Beratungsfirma Wood Mackenzie.

Internationale Konzerne ziehen sich aus China zurück

Internationale Öl- und Gaskonzerne wie BP, ExxonMobil, Shell, ConocoPhillips und Eni haben sich über die Jahre aus dem Fracking von Schiefergas in China zurückgezogen. Im Jahr 2009 drängten sie mit großen Hoffnungen auf einen Fracking-Boom in den Markt. Doch schnell wurden die Unternehmen von der Realität eingeholt. Das Fracking war schlicht nicht profitabel. Nach dem Rückzug der internationalen Konzerne müssen PetroChina und Sinopec die Kosten für die Fracking-Infrastruktur alleine tragen.

Einzig beim sogenannten dichten Gas (Tight Gas) aus dem Ordos Plateau im Nordwesten Chinas, das durch Fracking aus dichten Gesteinsschichten gefördert werden muss, gibt es noch internationale Kooperationen. Doch auch hier gibt es Probleme: Die Erträge einzelner Bohrlöcher sind recht gering, sodass Tausende Löcher gebohrt und mit Pipelines und anderer Infrastruktur verbunden werden müssen. Das treibt die Kosten.

Fracking macht nur Bruchteil der Gasnachfrage in China aus

Trotz großer Hoffnungen der Behörden blieb der Fracking-Boom in der Volksrepublik bisher aus. In den letzten Jahren wurde die Förderung zwar auf 23 Milliarden Kubikmeter (2021) erhöht. Unterschiedliche Analysten schätzen, dass China im Jahr 2035 eine Produktion von 50 bis 60 Milliarden Kubikmetern erreichen könnte. Doch einige Experten sagen, damit wäre das Maximum schon erreicht.

Schon heute verbraucht China 372 Milliarden Kubikmeter Gas, so die Experten von Wood Mackenzie. Sie gehen davon aus, dass die Förderung auch nach 2035 weiter steigen könnte. Doch Fracking wird auch in Zukunft nur einen kleinen Anteil zur Gasversorgung beitragen. Im Vergleich zur Jahresproduktion an Schiefergas in den USA von circa 700 Milliarden Kubikmeter verblasst die chinesische Förderung. Aber: Jeder Kubikmeter Gas, der in China gefördert wird, verringert die Abhängigkeiten vom Ausland und trägt zum Ziel der Energiesicherheit bei. Die Probleme für die durch Erdbeben geschädigten Anwohner bleiben jedoch bestehen.

Von Nico Beckert. Mitarbeit: Renxiu Zhao

Nico Beckert ist seit Januar 2021 Redakteur für die Table.Media Professional Briefings. Seine Themenschwerpunkte sind die deutsch-chinesischen Beziehungen, Wirtschaft und Finanzen, die Neue Seidenstraße sowie chinesische Klimapolitik. Zuvor schrieb Beckert als freier Autor für den Tagesspiegel und den Freitag.

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