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Die türkische Lira ist immer weniger wert.

Konjunktur

China und die USA erkaufen sich politische Gefolgschaft

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Längst ist ein Wettkampf der beiden Großmächte darum entstanden, wer mehr Länder an sich binden kann.

Es war eine harte Woche für die Währungen von Schwellenländern. Der russische Rubel ist auf ein Zweijahres-Tief gestürzt. Die türkische Lira fiel auf ein Rekordtief, der iranische Rial kennt kein Halten. Der Grund ist jedes Mal der gleiche: Die USA verhängen Wirtschaftssanktionen und drohen mit weiteren. Die Weltwirtschaft wird zum Kriegsgebiet.

Derzeit gilt der Zollstreit zwischen den USA und China als größte Gefahr für die globale Konjunktur. Dabei läuft im Hintergrund ein bedeutsamerer Kampf, in dem die Einsätze und die Schäden größer sind. Hier geht es nicht um Stahl, Soja oder Autos, sondern um das wichtigste Gut der Welt: Geld. Genauer: Kredit. Durch die Gewährung oder Verweigerung von Milliarden-Darlehen an andere Staaten versuchen die USA und China, ihre globale Machtposition zu festigen – und kommen sich dabei zunehmend in die Quere.

Misstrauisch beäugen die etablierten Weltmächte in Nordamerika, Westeuropa und Japan den Aufstieg des neuen Konkurrenten. Chinas ökonomische Macht beruht allerdings nicht mehr nur auf Produktion und Handel, sondern auch auf finanzieller Potenz. Als Geld- und Kreditgeber hat es sich in vielen Staaten der Welt eingekauft mit dem Ziel, die eigene Wirtschaft voranzubringen und die Kredite gleichzeitig in politischen Einfluss umzumünzen.

Machtinstrument IWF 

Im Zentrum von Pekings Außenwirtschaftspolitik steht das Mega-Projekt „Neue Seidenstraße“, mit dem es andere Staaten in die eigene Strategie integrieren will. Für über 8000 Milliarden Dollar sollen in 68 vorwiegend ärmeren Ländern Häfen gebaut, Straßen erneuert, Schienen verlegt und Stromnetze erweitert werden. 

In Myanmar ist ein neuer Tiefseehafen entstanden, ebenso wie im sri-lankischen Hambantota, das dazu auch noch einen Flughafen und ein Konferenzzentrum erhielt. In Pakistan soll eine Zugverbindung von der Grenze zu China bis in die Hafenstadt Gawar führen, wo ein Flughafen, ein Kohlekraftwerk und ein Krankenhaus geplant sind. Die Malediven erhalten eine 1,5 Kilometer lange Brücke von der Haupt- zur Nachbarinsel und Kenia eine Zugverbindung von der Hauptstadt Nairobi zum wichtigsten Hafen Mombasa. Und vieles mehr.

Die betroffenen Länder begrüßen die riesigen Infrastruktur-Investitionen. Das Geld dafür kommt vielfach aus China – allerdings nicht geschenkt, sondern als Kredit. Peking ist zur Geldquelle für viele Entwicklungsländer geworden, seit 2010 gibt es jedes Jahr Finanzierungszusagen über durchschnittlich 100 Milliarden Dollar. „Viele afrikanische und nahöstliche Staaten sind stark bei China verschuldet“, so die US-Ökonomin Carmen Reinhart. Höhe und Konditionen der Kredite seien vielfach unbekannt, hier herrschten „undurchsichtige Verhältnisse“.

Für einige Kreditnehmer ist die Seidenstraße inzwischen zur Schuldenfalle geworden. Das Center for Global Development in Washington listet nicht weniger als 23 Staaten auf, in denen die Seidenstraßen-Projekte die Schulden drastisch steigen lassen. Einigen droht die Überschuldung, zum Beispiel Pakistan, Tadjikistan, Montenegro oder Laos, wo die China-Laos-Zugverbindung einen Betrag kostet, der fast der Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes entspricht. Fiele ein Teil der Darlehen wegen Überschuldung aus, wäre das für Peking allerdings kein großes Problem. Denn es sind keine kommerziellen Kredite. Chinas Regierung zielt nicht auf Zinseinnahmen, sondern denkt langfristig und kann auf dauerhafte politische Gefolgschaft der Schuldner setzen.

Aber nicht nur China, auch die USA und Europa nutzen den Geldverleih, um politischen Mehrwert zu erzielen. Ihr Instrument ist der Internationale Währungsfonds (IWF), den Amerika und die EU dominieren. So stützt der IWF seit Jahren Problem- und Wackelkandidaten wie die Ukraine oder Pakistan, weil sie sich an geopolitischen Fronten wie der zu Russland oder zu Afghanistan befinden.

Während China erst schrittweise seine Schuldner an sich bindet, können die USA bereits etablierte Kreditbeziehungen für ihre Zwecke instrumentalisieren. So verbot Washington vor einigen Wochen seinen Banken, Venezuela Geld zu leihen und brachte das Land näher an den Rand der Pleite. Der Iran wird derzeit vom internationalen Finanzsystem abgeschnitten, um Teheran gefügig zu machen.

Neue US-Sanktionen gegen die Türkei haben dort zu Kapitalflucht, einem Absturz der Währung und einem drastischen Zinsanstieg geführt, der die hoch verschuldeten türkischen Unternehmen in Bedrängnis bringt. Nun kursiert in Washington ein Gesetzesentwurf, der vorsieht, der Türkei Kredite der Weltbank zu entziehen. Dem Senat liegt ein weiterer Entwurf vor, den US-Finanzhäusern den Kauf von russischen Staatsanleihen zu verbieten. Moskau verlöre damit eine wichtige Finanzierungsquelle, was eine „Marktpanik“ und einen Absturz des russischen Rubel auslösen könnte, warnt Scott Johnson von Bloomberg Economics.

Die Drohungen mit Kreditentzug wirken allerdings nur solange, wie sich für die betreffenden Staaten kein Geldgeber findet. Und hier bietet sich China immer häufiger als Alternative an. Mit 60 Milliarden Dollar Darlehen ist es der wichtigste Finanzier Venezuelas, im Juli lieh Pekings Entwicklungsbank dem Land weitere fünf Milliarden Dollar, abgesichert durch Erdöllieferungen. Ende 2017 räumte China dem Iran weitere Kreditlinien über 35 Milliarden Dollar ein – den von Washington nun geforderten Importstopp iranischen Öls hat Peking schon abgelehnt.

Machtprobe Pakistan

Zur Machtprobe könnte es nun im Fall Pakistans kommen. Wegen unzureichender Unterstützung im Kampf gegen die Taliban hat Washington dem Land die Militärhilfe gestrichen. China wiederum unterstützt es, schließlich ist der „Wirtschaftskorridor China-Pakistan“ wichtiger Bestandteil der Neuen Seidenstraße, in den Peking 60 Milliarden Dollar stecken will. 

Auch aufgrund der chinesischen Kredite steht das Land jetzt allerdings abermals vor der Pleite, die auch weitere zwei Milliarden Dollar aus China nicht verhindern können. Der Regierung in Islamabad fehlen rund zwölf Milliarden Dollar, weswegen sie in den nächsten Wochen um Unterstützung des IWF bitten wird – das 14. Mal seit 1980.

Die US-Regierung lehnt es jedoch ab, mit IWF-Geldern nicht nur Pakistans Bankrott abzuwenden, sondern darüber auch chinesische Kredite zu retten. „Wir werden genau beobachten, ob Pakistan IWF-Gelder verwendet, um Schulden bei China zu begleichen“, warnte US-Außenminister Mike Pompeo Anfang August. So geht der US-chinesische Kreditkrieg in die nächste Runde. Seine Spielbälle sind die armen Länder.

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