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Das Ende der Braunkohle (hier das Kraftwerk Niederaußem) ist eingeläutet.

Energiewende

Chemie-Gewerkschaft warnt vor Deindustrialisierung

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IG-BCE-Chef Vassiliadis hält den Strombedarf nach Kohle- und Atomausstieg für nicht ausreichend gedeckt.

Vor dem Kohlegipfel im Kanzleramt (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) hat die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) einen Neustart der Energiewende gefordert. Nach dem beschlossenen Aus für die Atom- und Kohlekraftwerke müssten sich Politik und Gesellschaft so rasch wie möglich auf einen Pfad zum schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien verständigen, sagte der Vorsitzende Michael Vassiliadis in Hannover. „Ohne ein geeignetes Konzept droht nicht weniger als die Deindustrialisierung.“

Das von der Bundesregierung und den Ländern geschnürte Klimapaket reicht nach Einschätzung der Gewerkschaft nicht aus, um die Produktionsprozesse in den Unternehmen so umweltfreundlich wie nötig zu gestalten. Die Herausforderungen seien gewaltig: Wenn etwa die Chemieindustrie ihre Großanlagen von Gas auf Ökostrom umstellen wolle, würde dadurch der Bedarf an Elektrizität um das Elffache steigen, rechnete Vassiliadis vor. „Allein diese Branche bräuchte dann mehr Strom als die gesamte Bundesrepublik heute.“

Nach Berechnungen des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln wird sich der Stromverbrauch in Deutschland bis 2030 um mehr als ein Viertel auf 748 Terawattstunden erhöhen. Die Bundesregierung kalkuliert dagegen mit einem Rückgang um knapp fünf Prozent auf 590 Terawattstunden – angesichts des Trends zu Elektroautos, Wärmepumpen und dem Einsatz von mit Strom generiertem Wasserstoff sei das jedoch unrealistisch, heißt es in einer kürzlich vorgelegten Analyse des Instituts. Die IG BCE teilt dieses Fazit.

„Die Herausforderungen sind diesmal wesentlich größer als zum Start der vermurksten ersten Version der Energiewende im Jahr 2000 – und die Risiken auch“, sagte Vassiliadis. Die Politik habe zwar das Ziel ausgegeben, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre der Anteil erneuerbarer Energien 65 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland betragen soll. Stattdessen schaue man in Berlin aber zu, „wie der Ausbau der Windkraft schrumpft und schrumpft“. Parallel dazu gingen immer mehr konventionelle Kraftwerke vom Netz. „Abschalten ist kein großes Problem – wenn gleichzeitig eingeschaltet wird“, sagte Vassiliadis. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission hatte sich vor knapp einem Jahr darauf verständigt, dass die letzten Meiler 2038 den Betrieb einstellen.

In den Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und den Kraftwerksbetreibern zum genauen Fahrplan für den Kohleausstieg gibt es inzwischen wesentliche Fortschritte. Der Pfad für die Stilllegungen von Braunkohlekraftwerken stehe weitgehend fest, hieß es am Mittwoch aus Verhandlungskreisen. Bei den geplanten Entschädigungen für Betreiber für das vorzeitige Abschalten von Kraftwerken gebe es aber noch Gesprächsbedarf. Das Kraftwerk in Schkopau in Sachsen-Anhalt solle auf keinen Fall bereits 2026 vom Netz gehen.

Der Fahrplan zu den Stilllegungen hänge mit den Strukturhilfen für die Kohleregionen zusammen. Dies sollte am Abend bei einem Spitzentreffen der Ministerpräsidenten der Kohleländer NRW, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg mit der Bundesregierung im Kanzleramt besprochen werden. (mit dpa)

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