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Chaos am Flughafen London Heathrow: „Eine Gruppe von Idioten“

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Von: Sebastian Borger

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Viele Reisende beschweren sich über die Informationspolitik des Flughafens.
Viele Reisende beschweren sich über die Informationspolitik des Flughafens. © imago images/i Images

Lange Schlangen an den Schaltern, schlechtbezahltes Personal und gestrichene Flüge: Das Dauer-Chaos am Londoner Großflughafen Heathrow sorgt für heftige Kritik.

Das Wetter auf der Insel ist nach der mörderischen Juli-Hitze wieder zu angenehmen Sommertemperaturen um die 25 Grad zurückgekehrt. Die Verantwortlichen von Großbritanniens Großflughafen Heathrow westlich von London hingegen bekommen ordentlich eingeheizt, und zwar von drei Gruppen: Die Airlines beklagen die Obergrenze von täglich 100 000 Passagieren, die der Airport nach wochenlangem Chaos verhängt hat; Reisende ärgern sich über lange Schlangen; die Bediensteten stöhnen über ihre Arbeitsbedingungen oder wandern gleich ganz ab.

Vollmundig hat der Leiter der Betreiberfirma Heathrow Airport Holdings (HAH) in den vergangenen Jahren seine „Vision“ herumposaunt: Man wolle „Passagieren den besten Flughafen-Service der Welt“ präsentieren, prahlte John Holland-Kaye. Davon kann keine Rede sein, weshalb der Manager zum Buhmann der britischen Medien geworden ist.

Schon vor der Pandemie operierte Heathrow mit zwei Start- und Landebahnen permanent am Rand der Kapazitätsgrenze. 2019 wurden 80,8 Millionen Passagiere und gut 475 000 Flüge gezählt; nach den mageren Jahren 2020 und 2021 gehen die Zahlen der Flugbewegungen und Reisenden wieder steil nach oben.

London Heathrow: Alle sind unzufrieden

In Heathrow konzentrieren sich Hohn und Spott auf die Betreiberfirma HAH und ihren CEO, weil Holland-Kaye seit Jahren beharrlich für eine dritte Startbahn argumentiert und prozessiert. Wie aber lasse sich das klimapolitisch fragwürdige Vorhaben mit einer Strategie vereinbaren, die auf die Zurückweisung potenzieller Passagiere abzielt, fragt beispielsweise die „Times“.

Fluggesellschaften beklagen den Mangel an Planung für die Rückkehr der Reiselustigen. Das HAH-Management gehe „leichtfertig“ mit seinen Kunden um, schrieb Emirates in einer Reaktion auf die Passagier-Obergrenze. Trotz monatelanger Warnungen habe Heathrow „nicht gehandelt, nicht geplant, nicht investiert“. Stattdessen sei, so der Vorwurf von Virgin Atlantic, viel zu lang „die Nachfrage heruntergespielt“ worden. Das besonders für Langstreckenflüge vorgesehene Terminal 4 wurde erst im Juni wiedereröffnet. Nun mussten Tausende von geplanten Flügen gestrichen werden.

Kritik von den Airlines und den Beschäftigten

Wochenlang konterte Holland-Kaye die Vorwürfe mit der Taktik, andere Schuldige zu benennen: Passagiere würden zu viel Gepäck mitbringen, die Fluggesellschaften zu wenig Personal rekrutieren, deren weitgehend als Subunternehmer agierendes Bodenpersonal werde zu schlecht bezahlt. Auch die sozialen Medien gerieten ins Visier des Managers.

Brutal fasste Willie Walsh, Generaldirektor des Dachverbandes der Fluggesellschaften IATA, die Meinung der Branche zusammen: Heathrow werde „von einer Gruppe von Idioten“ geleitet. Nun haben die Aufsichtsbehörde CAA und das konservativ geführte Verkehrsministerium das Unternehmen dazu verdonnert, einen „glaubwürdigen und belastbaren Plan“ für die kommenden sechs Monate vorzulegen.

London Heathrow: Flughafen kein attraktiver Arbeitgeber

Wer sich mit einzelnen der rund 6500 HAH-Beschäftigten und Gewerkschaftlern unterhält, muss Zweifel daran haben, ob es sich tatsächlich nur um ein mittelfristiges Problem handelt. Denn seit der Pandemie und verstärkt durch den Brexit herrscht große Knappheit an Arbeitskräften. Deshalb rächt sich die Entlassungswelle zu Beginn der Pandemie. Die Branche überlebe derzeit nur „mit vielen Überstunden“, berichtet Andy Prendergast von der Gewerkschaft GMB.

Zudem hat der Airport den Ruf als attraktiver Arbeitgeber verloren. Facharbeiter finden in Datenzentren oder beim Internet-Riesen Amazon besser bezahlte Jobs. Wer früher Koffer schleppte, verdient beispielsweise in den Filialen des Schnellrestaurants Burger King 2,50 Pfund pro Stunde mehr.

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