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Fleischer werden eher mit harter Arbeit verbunden, die vermeintlich nicht gut bezahlt werden.

Handwerk

Die Chancen des Handwerks

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Ausbildungsexperte Alfred Will spricht über mehr oder minder attraktive Berufe und fehlenden Nachwuchs.

Herr Will, welche Probleme bemerken Sie beim Handwerk in der Region?
Vor allem die Besetzung von offenen Ausbildungsstellen ist in den letzten Jahren zunehmend schwieriger geworden. Allerdings gibt es da regionale und branchenspezifische Unterschiede.

Welche Branchen sind nicht so stark betroffen?
Viele wollen in den Holzbereich und beispielsweise Tischler werden. Der Beruf ist sehr beliebt. 2017 hatten wir ein Plus an besetzten Ausbildungsstellen von 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr in diesem Bereich.

Welche Bereiche haben mehr Probleme?
Da sind es beispielsweise der Baubereich mit plus zwei Prozent oder das Nahrungsmittelhandwerk mit minus elf Prozent.

Warum wollen dort weniger Jugendliche hin?
Die Attraktivität dieser Berufe scheint bei den Jugendlichen nicht so hoch. Beim Bäcker sind es die Arbeitszeiten, wo man früh aufstehen muss. Und Maurer, Straßenbauer oder Fleischer werden eher mit harter Arbeit verbunden, die vermeintlich nicht gut bezahlt werden. Dabei stimmt das im Baubereich nicht. Dort sind die Ausbildungsvergütungen wirklich sehr hoch.

Gibt es auch Unterschiede zwischen Stadt und Land?
Keine signifikanten, zumindest für unseren Kammerbezirk. In Frankfurt stagniert die Zahl Handwerk bei 828 neuen Auszubildenden im Jahr 2016 und 829 im Jahr 2017. In Offenbach sank die Zahl um sieben Prozent auf 160. In Darmstadt hingegen stieg sie um 4,8 Prozent auf 238. Im ländlichen Raum etwa in Darmstadt-Dieburg gab es einen Zuwachs um 10,8 Prozent auf 399 Azubis. Im Hochtaunuskreis beträgt der Zuwachs nur ein Prozent. Da ist kein Schema erkennbar.

Warum ist die Azubis-Suche für alle Bereiche des Handwerks so schwierig?
Auf der einen Seite gibt es weniger Schulabgänger und auf der anderen ist es der Trend zur akademischen Laufbahn. Mehr als die Hälfte der Absolventen geht studieren, statt eine duale Ausbildung zu beginnen – das ist ein Problem. Zusätzlich hat das Handwerk nach wie vor ein Imageproblem und vielen ist nicht klar, welche Entwicklungschancen man im Handwerk letztendlich überhaupt hat. Das Handwerk wird auch in 100 Jahren noch gebraucht.

Wie kann das Handwerk wieder attraktiver werden?
Klar ist, dass was getan werden muss. Die Entwicklungs- und Karrierechancen, die es ja gibt, müssen noch mehr beworben werden. Dabei ist es auch wichtig, auf die Verdienstmöglichkeiten hinzuweisen. Die können, wie die Statistik zeigt, auch besser als in manchem akademischen Beruf sein. Und die Betriebe müssen auch intern was tun, um Personal zu gewinnen und zu binden. Etwa die Möglichkeiten für Fort- und Weiterbildungen erhöhen, die Teilzeitausbildung für Alleinerziehende oder die Bindung älterer Mitarbeiter bis hin zu besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Müssten Sie vielleicht noch zeitiger Nachwuchs suchen?
Nein, aber wir wissen, dass wir mehr tun müssen. Deswegen haben wir eine eigene Abteilung „Fachkräftesicherung“, in der momentan sechs Projekte laufen, die sich aktiv mit der Nachwuchswerbung beschäftigen. Ein Beispiel ist unser Koordinator Schule-Wirtschaft. Da wollen wir die Betriebe mehr mit den Schulen verzahnen. Mit 52 Schulen haben wir eine Kooperation, bei der die Jugendlichen ab der 8. Klasse für zwei Wochen in unseren Berufsbildungs- und Technologiezentren Handwerksberufe kennenlernen und sich auch praktisch betätigen. Pro Jahr erreichen wir so etwa 2400 Schüler. Wer sich interessiert, wird weiterbetreut und in Praktika und Ausbildungsstellen vermittelt.

Sind Studenten eigentlich auf Dauer für das Handwerk verloren?
Nein, das glauben wir nicht. Wir haben uns dem Thema 2015 angenommen und versuchen Studienzweifler und Studienabbrecher in eine duale Ausbildung im Handwerk zu bekommen. Dort arbeiten wie vor allem mit der Goethe-Universität zusammen und haben in drei Jahren mehr als 50 Studienabbrecher ins Handwerk vermitteln können.

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