Braunkohle-Reviere

Chance fürs Dorf

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Das Bündnis „Alle Dörfer bleiben!“ will die Braunkohle-Bagger stoppen.

In Erkelenz-Immerath sind die Häuser fast vollständig weggebaggert. Als eines der letzten Gebäude im Ortskern wurde Anfang 2018 der „Immerather Dom“ der katholischen Pfarrei St. Lambertus zerstört. Dort am Kirchplatz hat Britta Kox ihren Mann zum ersten Mal geküsst, erzählt sie am Donnerstag in Berlin auf der Pressekonferenz des Bündnisses „Alle Dörfer bleiben!“.

Das Bündnis will alle bedrohten Dörfer in deutschen Braunkohlerevieren retten und fordert von der Bundesregierung eine Bestandsgarantie. Britta Kox lebt in Beverath im Rheinland, ihr Zuhause soll spätestens 2023 in einer riesigen Grube verschwinden, die zum Tagebau Garzweiler 2 des Energiekonzerns RWE gehört. Dass ihre Heimat abgebaggert werden soll, weiß die 47-Jährige seit sie sechs Jahre alt ist.

Die Folgekosten des beendeten Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet und an der Saar fallen zunächst höher aus als geplant. Für das Abpumpen des Grubenwassers aus den stillgelegten Zechen und andere Maßnahmen müssten in diesem Jahr knapp  300 Millionen Euro aufgewendet werden, sagte der Vorstandsvorsitzende der RAG-Stiftung, Bernd Tönjes, am Donnerstag in Essen. Bisher hatte die Stiftung für die sogenannten Ewigkeitsaufgaben jährliche Kosten von 220 Millionen Euro veranschlagt. 

Doch nun sieht es plötzlich so aus, als gebe es wieder Hoffnung für Beverath und all die anderen Dörfer in den deutschen Braunkohlerevieren. Die gesellschaftliche Stimmung hat sich gewandelt: Der Hambacher Forst bei Köln ist nach monatelangen Protesten und öffentlichem Druck gerettet. Hunderttausende Schüler gehen für eine bessere Klimapolitik auf die Straße. Die Grünen sind in Umfragen die zweitstärkste Partei geworden. Die Kohlekommission empfiehlt der Bundesregierung den Ausstieg aus der Braunkohle bis spätestens 2038.

Kox sieht all diese Entwicklungen. Und sie stellt sich zunehmend eine Frage: Warum eigentlich soll ihr Zuhause trotzdem noch weichen?

„Nicht mehr der Abbau von Braunkohle, sondern Klimaschutz ist jetzt das oberste Interesse der Allgemeinheit“, sagt Jens Hausner aus Pödelwitz in der Lausitz. Auch er kämpft in einer Bürgerinitiative für den Erhalt seines Ortes. Nur mit einem baldigen Ende des Braunkohleabbaus seien die Ziele des Pariser Klimaabkommens für Deutschland zu erreichen.

Deshalb fordern die Bündnissprecher eine Reform des Bundesberggesetzes, das die Enteignung der Dorfbewohner durch die Energiekonzerne im Rheinland, der Lausitz und im Leipziger Land bislang rechtlich möglich machte. Ein Gesetz soll neue Genehmigungen zum Braunkohleabbau verbieten. Außerdem wollen die Bündnispartner endlich ein Mitspracherecht, wie es in ihren Regionen weitergehen soll. „Wir wollen Planungssicherheit für unser Leben und wissen, wie es bei uns weitergehen soll.“

Seit Jahren gebe es in den bedrohten Dörfern Investitionsstaus, viele Menschen haben die Orte bereits verlassen, weil sie für ihre Grundstücke viel Geld bekommen haben. Andere sind in den halbleeren Orten geblieben. Deshalb sind sich die Vertreter der Betroffenen einig, dass alte und neue Dörfer aus dem Strukturwandelfonds zum Kohleausstieg unterstützt werden sollen, um lebenswert zu bleiben. Sie wollen endlich die freie Wahl ihres Wohnortes. „Jeder soll selbst entscheiden, ob er gehen oder bleiben will“, sagt Hausner.

Die finanzielle Unterstützung fließt längst in die betroffenen Regionen, sie werden renaturiert und revitalisiert – nach ihrer Zerstörung. Bis die Empfehlung der Kommission aber tatsächlich in ein Gesetz umgesetzt ist, baggern die Energiekonzerne weiter.

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