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Cazoo will Nummer eins sein

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Von: Björn Hartmann

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Cazoo-Gründer Alex Chesterman - hier mit Prinzessin Anne bei einem Pferdrennen im Juni - sagt von sich selbst, er sei kein Innovator, nur ein Kopierer.
Cazoo-Gründer Alex Chesterman - hier mit Prinzessin Anne bei einem Pferdrennen im Juni - sagt von sich selbst, er sei kein Innovator, nur ein Kopierer. © AFP

Der britische Internethändler für Gebrauchtwagen soll das „Amazon der Autos“ werden. Derzeit verbrennt der neue Sponsor des SC Freiburg aber vor allem Geld.

Was für eine Serie: Partner der Weltmeisterschaften für Snooker und Darts, Sponsor der Erstliga-Fußballclubs OSC Lille und Olympique Marseille, FC Valencia und Real San Sebastian sowie Trikotsponsor des SC Freiburg – alle Verträge zu Jahresbeginn abgeschlossen. Das britische Unternehmen Cazoo muss Sport sehr lieben – und reichlich Geld haben. Oder doch nicht?

Was wie wahlloses Geldausgeben aussieht, folgt einem Geschäftsplan. Denn Cazoo verkauft Gebrauchtwagen über das Internet und will die Nummer eins in ganz Europa werden. Ende 2021 starteten die Briten in Deutschland und Frankreich, im Mai in Spanien. In Italien und Portugal sind sie auch bereits vertreten. Für das Ziel muss Cazoo außerhalb eines kleinen Kreises von Autofans bekannt sein. Und dabei soll in Deutschland der SC Freiburg helfen: „Ein aufstrebender Verein mit bundesweit hohen Sympathiewerten. Er ist, wie wir, ehrgeizig und zielorientiert.“

Gestartet hat die Firma 2019 der britische Seriengründer Alex Chesterman. Der 52-Jährige leitet das Unternehmen auch. Er war Mitgründer eines DVD-Versands und Streaming-Dienstes, der heute zum US-Handelsriesen Amazon gehört. Chesterman entwickelte auch das Immobilienportal Zoopla. Die „Sunday Times“ schätzte sein Vermögen im vergangenen Jahr auf umgerechnet 884 Millionen Euro.

Cazoo: Nachbau des US-Unternehmens Carvana

Der britischen Zeitung „Evening Standard“ sagte Chesterman, er sei kein Innovator, nur ein Kopierer. Vorbild für Cazoo ist demnach das US-Unternehmen Carvana. Kopieren muss nicht schlecht sein. Die Gründer von Zalando, inzwischen Europas führende Modeplattform, bauten das US-Unternehmen Zappos nach, inzwischen auch Teil Amazons. Chesterman will jetzt das „Amazon der Autos“ entwickeln.

Seit 2020 lassen sich in Großbritannien Gebrauchtwagen über Cazoo kaufen, verkaufen, finanzieren und auch abonnieren. Das Unternehmen kauft die Fahrzeuge an, arbeitet sie in eigenen Werkstätten auf, bevor sie an die Kunden gehen. Binnen zwei Jahren entwickelte Cazoo sich zum Marktführer. Für das richtig große Geschäft reicht die Insel aber nicht, deshalb nimmt sich Chesterman jetzt Europa vor.

Der Markt ist lukrativ, Cazoo schätzt ihn auf rund 442 Milliarden Euro. Das lockt auch andere. Neun kleine Anbieter hat Cazoo bereits gekauft, etwa Brumbrum in Italien oder Cluno in Deutschland. Europäischer Marktführer im Gebrauchtsektor ist die Auto1-Gruppe (Autohero, wirkaufendeinauto.de) aus Berlin, die nicht nur Fahrzeuge kauft und verkauft, sondern auch eine Onlineplattform für Händler betreibt. Die Firma ist in mehr als 30 Ländern aktiv. Chesterman sagte der „Automobilwoche“, in Großbritannien habe man im ersten Jahr 10 000, im zweiten 50 000 Fahrzeuge verkauft. 2022 sollten es 100 000 sein. Ähnliches plane er für Deutschland.

Geld einsammeln und wachsen, wachsen wachsen

Die Strategie folgt der des klassischen Start-ups: Geld einsammeln, Bekanntheit durch sehr hohe Marketingausgaben steigern und wachsen, wachsen, wachsen, um möglichst schnell Nummer eins zu werden und die Konkurrenz zu übernehmen oder sich teuer zu verkaufen. Chesterman sieht Platz für zwei bis drei Unternehmen auf dem europäischen Online-Gebrauchtwagenmarkt.

Weniger optimistisch ist Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Centers for Automotive Research in Duisburg. „Ich bezweifele, dass Cazoo auf dem deutschen Markt eine sehr große Rolle spielen wird. Alles, was sie bisher zeigen, ist eher enttäuschend“, sagt der Experte. Zudem treten neue Anbieter auf, die in einem anderen Geschäft bereits erfolgreich sind. „Große Online-Anzeigenplätze wie Autoscout steigen in den Handel ein“, sagt Dudenhöffer. „Auch Versicherer, Fuhrparkbetreiber und vor allem große Leasinggesellschaften sehen gute Chancen, ihre zurückgenommenen Fahrzeuge gut auf dem Privatmarkt zu verkaufen.“

Chesterman betrachtet das womöglich als Chance. Hauptsache, er kann genug Geld für die Expansion beschaffen. Im August 2021 ging Cazoo an die US-Technologiebörse Nasdaq. Das brachte mehr als 800 Millionen Dollar (756 Millionen Euro) ein. Richtig lange gehalten hat das Geld nicht. Im Februar verschaffte sich Cazoo über eine Wandelanleihe noch einmal 630 Millionen Dollar.

Die Firma, gemeldet auf der Steueroase Cayman Islands, mit Zentrale in London und deutschem Standort in München, verbrennt kräftig Geld. Allein im vergangenen Jahr gab es 557 Millionen Pfund Verlust, bei einem Umsatz von 667,8 Millionen Pfund. Für Investoren ist aber eine ganz andere Zahl wichtig: 313. Um so viel Prozent wuchs der Umsatz von 2020 zu 2021. Viel Potenzial also.

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