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Die allermeisten Lufthansa-Passagiermaschinen blieben im zweiten Quartal am Boden. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Fluggäste um 96 Prozent zurück.

Lufthansa

Carsten Spohr verschärft den Kurs

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Die Sparverhandlungen zwischen Airline und Belegschaft stocken. Der Vorstand droht mit betriebsbedingten Kündigungen.

Das Horrorquartal in Zahlen: Die Lufthansa hat von April bis Juni 96 Prozent weniger Fluggäste als im Vorjahr befördert. Die Einnahmen gingen um 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro zurück – wobei fast drei Viertel von der Fracht- und der Techniktochter erwirtschaftet wurden. Unterm Strich kam ein Rekordverlust von 1,5 Milliarden Euro zusammen.

Die Lage in dem teilstaatlichen Konzern ist dramatisch, wegen der Corona-Krise nebst Reisebeschränkungen. „Wir erleben eine Zäsur des globalen Luftverkehrs. Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf Vorkrisenniveau“, sagte Konzernchef Carsten Spohr am Donnerstag. Das Unternehmen ist stark vom Langstreckenverkehr abhängig, der besonders drastisch eingebrochen ist. Dank eines neun Milliarden Euro starken staatlichen Rettungspakets wird der Konzern in der Luft gehalten. Spohr kann deshalb derzeit auf Liquiditätsreserven von insgesamt 11,8 Milliarden Euro zurückgreifen. Dafür ist der Bund nun mit einem Anteil von 20 Prozent der größte Anteilseigner.

Zum Überleben muss das Unternehmen grundlegend umgebaut werden. Beim Personal soll es heftige Einschnitte geben. Spohr will 22 000 Stellen streichen, davon die Hälfte hierzulande. Die Belegschaft sei im Vergleich zum Vorjahr bereits um knapp 8300 Beschäftigte auf 129 400 Frauen und Männer geschrumpft. Vor allem in den USA habe man sich von Angestellten getrennt.

Spohr beklagt aber, dass die Verhandlungen hierzulande stockten: „Es geht mir viel zu langsam.“ Selbst mit der Bundesregierung sei man schneller gewesen als mit den Gewerkschaften am Boden und im Cockpit. Der Vorstand droht: Das Ziel, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, sei basierend auf dem Verlauf der Verhandlungen mit den Tarifpartnern „auch für Deutschland nicht mehr realistisch“.

Die Probleme der anderen

Der Zusammenbruch des Luftverkehrs in der Corona-Krise bereitet auch anderen großen Airlines Probleme. Viele Fluggesellschaften rechnen damit, dass auch in den nächsten Jahren noch deutlich weniger geflogen wird als vor der Krise. Für viele Jobs in der Luftfahrt bedeutet das das Aus.

Die französisch-niederländische Air France-KLM plant, Tausende Stellen abzubauen. So kündigte die niederländische Air-France-Schwester KLM an, die Zahl ihrer Vollzeitstellen im kommenden Jahr um 4500 bis 5000 Vollzeitjobs auf 28 000 zu senken. Air France hat bereits angekündigt, bis 2022 rund 7500 Stellen zu streichen. Damit der Konzern die Krise überhaupt überlebt, haben die Regierungen von Frankreich und den Niederlanden Kredite in Milliardenhöhen zur Verfügung gestellt.

Auch American Airlines bereitet tiefe Personaleinschnitte vor. Rund ein Fünftel der Beschäftigten der US-Linie könnte von Oktober an in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt werden, wie aus einer internen Nachricht hervorgeht. 25 000 Angestellte erhielten demnach entsprechende Warnungen.

Bei Easyjet entwickeln sich die Buchungszahlen für den Sommer besser als erwartet. Das hat Folgen für das Angebot des britischen Billigfliegers: Im laufenden Geschäftsquartal bis Ende September werde man nun rund 40 Prozent der ursprünglich geplanten Flüge anbieten, teilte das Unternehmen mit. Bisher war eine Kapazität von 30 Prozent geplant. (dpa)

Die Gewerkschaften weisen die Kritik zurück. „Die Blockadehaltung des Unternehmens zieht die Verhandlungen in die Länge und schafft Unsicherheit und Zukunftsängste für die Beschäftigten“, sagte Christine Behle, Vize-Chefin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Die Lufthansa sei in der Verantwortung, Arbeitsplätze zu sichern. Ein Krisenpaket für den Konzern müsse auch die mittelfristige Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sichern. Konkret würden die Beschäftigten in Anbetracht der staatlichen Hilfen nun Beschäftigungssicherung und einen Ausgründungsschutz verlangen. Der Hintergrund: Unter anderem prüft der Vorstand Szenarien für den Verkauf einzelner Konzernteile.

Ein Sprecher der Pilotengewerkschaft VC verwies auf laufende Verhandlungen. Erst danach könne man sagen, ob es überhaupt „Personalüberhänge“ gebe. VC-Präsident Markus Wahl hatte betont, Ziel sei, dass alle Flugzeugführer an Bord blieben. Er bot unter anderem umfängliche Arbeitszeitkürzungen an. Spohr hingegen geht davon aus, dass allein in der Lufthansa-Kerngesellschaft die Stellen von 800 Pilotinnen und Piloten nicht mehr benötigt werden; auch weil der Konzern prüft, bestimmte Flugzeugtypen auszumustern.

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo hat sich bereits auf Eckpunkte zu einem Personalabbau geeinigt – ohne Entlassungen. Die Zustimmung der Mitglieder steht noch aus. Ufo-Geschäftsführer Nicoley Baublies betonte: Jetzt mit betriebsbedingten Kündigungen zu drohen, sei unnötig und für die Beschäftigten in der Kabine ohnehin vertragswidrig.

Der Konzern ächzt nicht nur unter dem Einbruch des Luftverkehrs. Mit dem staatlichen Hilfsprogramm sind auch Verbindlichkeiten entstanden. Das Unternehmen muss sich deshalb zusätzliche Liquidität besorgen, um geliehenes Geld zurückzahlen zu können. Genau deshalb vermissen Analysten detailliertere Angaben über die geplante Verkleinerung der Flotte und den Verkauf von Konzernteilen – oft werden dabei die Techniksparte und die verbliebenen Teile des Cateringbetriebs LSG genannt.

Klar ist nur, dass 100 von rund 760 Jets künftig nicht mehr für die Lufthansa fliegen sollen. Allerdings ist es derzeit enorm schwer, Passagierflugzeuge zu verkaufen; so gut wie alle Airlines weltweit kämpfen mit Überkapazitäten.

Spohr hofft, dass der Konzern im dritten Quartal in der Kurz- und Mittelstrecke das Angebot auf 40 Prozent des Vorjahresniveaus ausbauen kann. In der Langstrecke sollen es 20 Prozent sein. Klar ist schon jetzt, dass die Lufthansa das Jahr mit tiefroten Zahlen abschließen wird: Im ersten Halbjahr kam aus der betrieblichen Tätigkeit ein Minus von 2,9 Milliarden Euro zusammen.

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