Carsharing in Moskau

Mit geteilten Autos gegen den Verkehrsinfarkt

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Moskaus Straßen sind ständig verstopft. Die Stadtverwaltung will das jetzt ändern. Carsharing soll dabei helfen – 16 500 Fahrzeuge gibt es bereits.

Die meisten Carsharing-Autos in Europa fahren in der Stadt, von der man es wohl am wenigsten erwarten würde. Moskau galt lange Zeit als Moloch, der Verkehr trug maßgeblich dazu bei. Auf den Straßen herrschte Chaos – und das Recht des Stärkeren. Umfassende Rücksicht auf Verkehrsregeln war die Ausnahme. Geparkt wurde dort, wo ein Auto hinpasste. Nicht selten auch in zweiter Reihe. Ging es um Parkplätze, erinnerte Moskau auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion noch an realen Sozialismus: Es herrschte großer Mangel. Sofern es der Verkehr zuließ, bretterten Autofahrer mit hundert Sachen und mehr über die Magistralen der Innenstadt. Fahrbahnmarkierungen hatten bestenfalls Empfehlungscharakter, die Zahl der Spuren wuchs, solange Fahrzeuge nebeneinander passten. Meistens allerdings standen alle Kraftfahrzeuge, egal ob am Tag oder in der Nacht, im Stau. Moskaus verstopfte Straßen sind bis heute so berühmt wie Russlands bunte Zwiebeltürme. Trotz aller Bemühungen, den Verkehrskollaps zu verhindern.

Moskau zählt zu den Stauhauptstädten der Welt. Nach Informationen des Verkehrsdatenanbieters Inrix standen Autofahrer im vergangenen Jahr 210 Stunden im Stau. Die Durchschnittsgeschwindigkeit, wenn es voranging, lag bei lediglich 18 Kilometer pro Stunde. Immerhin nahm die Verkehrsdichte etwas ab: um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Stadtregierung hat vor knapp sechs Jahren den Kampf gegen das Chaos begonnen. Straßen sind nun schmaler, Fußgängerwege breiter. Es gibt Parkplätze, die per SMS zu bezahlen sind. Raserei wird mit empfindlichen Strafen geahndet, Falschparken ebenso. Überhaupt geht es im Verkehr deutlich rücksichtsvoller zu.

Gleichzeitig wird das öffentliche Verkehrsnetz immer weiter ausgebaut; Metro, Bus- und Bahnlinien wachsen. Wege für Fahrräder und Elektroroller ebenfalls. Auch Carsharing ist ein kleiner Teil der großen Veränderungen, die Moskau seit Jahren erlebt.

Timur Titow, ein junger Moskowiter mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, ist davon begeistert. Er nutzt das Angebot „mindestens dreimal pro Woche“, fährt zum Einkaufen oder zur Arbeit. Bis vor Kurzem beschäftigte er sich beruflich mit Autos: als Reporter einer Fernsehsendung rund ums Fahren. Der eigene Pkw, findet der 30-Jährige, sei in der Stadt „zu teuer“ geworden. Seinen Toyota Corolla nutzt Titow inzwischen nur noch für längere Fahrten raus aus der Stadt.

Im Herbst 2015 hat Moskau Carsharing zugelassen, um die notorische Verstopfung der Straßen aufzulösen. Die Nutzung hat sich rasant vervielfacht: von 45 000 Fahrten im Jahr 2016 auf 23 Millionen im vergangenen Jahr, wie die Stadt errechnet hat. Moskau zählt zu den am schnellsten wachsenden Märkten weltweit.

Insgesamt stehen in der russischen Hauptstadt knapp 16 500 Fahrzeuge zur Verfügung, von einem guten Dutzend Anbieter. „Damit liegen wir weit vor anderen europäischen Städten“, erklärte Bürgermeister Sergej Sobjanin kürzlich. Nur Tokio hat im weltweiten Vergleich noch mehr – fast 20 000, so viele wie das deutsche Share Now in 30 Städten zusammen.

Moskaus Potenzial beim Carsharing verkannt

Ausländische Firmen haben Moskaus Potenzial offenbar verkannt. „Jetzt ist der russische Markt von lokalen Carsharing-Firmen besetzt“, zitierte die Agentur Bloomberg jüngst Anton Rjasanow, Chef des Carsharing-Anbieters Yandex-Drive, „der Eintritt großer internationaler Akteure ist damit unwahrscheinlich.“ Der IT-Platzhirsch Yandex, eine Art russisches Google, hat allein fast die Hälfte der geteilten Autos innerhalb eines knappen Jahres auf Moskaus Straßen gebracht. Die weiß, orange, blau und schwarz lackierten Fahrzeuge fallen auf.

Um private Autos aus dem Zentrum herauszuhalten, haben die Behörden die Parkgebühren massiv erhöht. Als Moskau Ende 2012 erstmals Parkscheinautomaten aufstellte, kosteten selbst zentrale Plätze nur einen knappen Euro pro Stunde – heute ist es das fünffache. Carsharing-Anbietern gewährt die Stadt indes starke Vergünstigungen.

Wieso nutzen Titow und die anderen 12,6 Millionen Einwohner überhaupt ein Auto bei solchen Staus und funktionierendem Nahverkehr? 252 Stationen fährt die Moskauer Metro an. Zu Stoßzeiten verkehren die Züge fast im Minutentakt. Ausfälle, Sperrungen, Ersatzverkehr sind seltene Ausnahmen. Vor zweieinhalb Jahren eröffnete eine weitere Zug-Ringbahn, die Moskau überirdisch umkreist. Warum also überhaupt ins Auto steigen? Titows Antwort ist pragmatisch: „Es ist einfach sehr günstig“, sagt er, „billiger, als mit der Metro zu fahren.“ Carsharing kostet ab vier Cent pro Minute, weit weniger als in anderen Städten. Es ist die einzige Gebühr – Parken, Benzin, Versicherung sind inklusive. Ein Ticket für die Moskauer Metro kostet hingegen mindestens 50 Cent. Zudem haben Titow und andere Autofahrer Auswahl: vom Kleinwagen bis zum Porsche. Titows Lieblingsmodell ist eine E-Klasse von Mercedes. Auch wenn die etwas mehr kostet – 16 Cent pro Minute.

Die Begeisterung für Carsharing überrascht, schließlich zählte das eigene Auto lange zu den wichtigsten Statussymbolen von Großstädtern, die nach Sowjetunion und Jahren der Entbehrung die nötige Kaufkraft aufbringen konnten. Seit Jahren schwärmen Autohändler von großem Wachstum. Mehr als sieben Millionen Fahrzeuge sind in Moskau registriert.

Viele Autofahrer stehen eben noch immer lieber mit dem eigenen Wagen im Stau, als sich mit anderen Passagieren in einen Metrowaggon zu zwängen. Zwar sei es „immer noch wichtig für viele Russen, ein eigenes Auto zu besitzen“, sagt Titow, „aber die Bedeutung als Statussymbol nimmt ab“. Er glaubt, dass in Zukunft Carsharing, Taxis und öffentlicher Nahverkehr im Zentrum zugelassen sein werden, währende andere eine City-Maut zahlen müssten. Tatsächlich erwägt die Stadt erste Fahrverbote zugunsten höherer Luftqualität und freierer Straßen. In diesen Tagen soll ein Plan vorgelegt werden.

Als Titow 2016 die neuen Fahrdienste erstmals benutzte, krankte das System noch an einigen Stellen. Autoteile wurden damals aus den Fahrzeugen geklaut, berichtet Titow, selbst die Reifen seien nicht sicher gewesen. Bis Führerschein und Pass verifiziert waren, konnten zwei Wochen vergehen, inzwischen reichen ein paar Klicks in einer App zur Fahrerlaubnis. Das kann auch Gefahr bedeuten: Etwa, wenn Teenager mit geklauten oder gefälschten Ausweisen Autos leihen und Unfälle bauen. In seiner Fernsehsendung hatte Titow über einen solchen Fall berichtet. Ein Mann hatte eine Strafe bekommen, obwohl er gar nicht am Steuer saß.

Nach seinem Fernsehjob will Titow Neues wagen. Das geplante Geschäftsmodell hat ebenfalls mit Carsharing zu tun. Mit Anbietern verhandelt er über einen Putzdienst für die Autos. Aushilfskräfte könnten über Nacht die Fahrzeuge reinigen. Die Details gilt es noch zu besprechen. Sicher ist schon jetzt: Bei Schnee, Matsch, Staub und Abgasen wartet in Moskau auch hier ein lukratives Geschäft.

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